INSTRUMENT, BUZZ RODEO, 09.07.2015, Merlin, Stuttgart

Instrument

Foto: X-tof Hoyer

Exakt Folgendes trug sich die Tage so überhaupt nicht zu: Beim Lesen der Witzeseite der „Spex der Woche“ stieß ich auf diesen Spruch „Auch nach dem Streikende gilt: Solidarität mit den Brief- und Paketzustellern, deswegen Post-Rock“. Gottseidank alles nur Einbildung, dieser flaue Gag für ermattete Musikwissenschaftler, fand nicht in der Realität statt, sondern nur in der eigenen, witterungsbedingt immer noch überhitzten Birne. Das Konzert von Instrument heute Abend ist allerdings sehr real. Und was die so machen, wird eben gerne als „Post-Rock“ bezeichnet.

Doch bevor wir uns der Münchner Hauptband widmen, ein paar Worte zum Support. Buzz Rodeo ist ein Trio aus Stuttgart, und die waren so nett kurzfristig für die verhinderten Perigon einzuspringen. BR haben wohl keine Zeit gehabt, um irgendwie etwas Nervosität aufzubauen, und dementsprechend souverän schrecken einen die ersten, lauten Töne aus der Abenddämmerungsstimmung auf.

Buzz Rodeo

Foto: X-tof Hoyer

Die Gitarre ist grell, metallisch und gut laut, aber das muss so. Denn Buzz Rodeo mögen offensichtlich den Alternative Rock der 90er. Fieser Begriff, aber ich meine damit die zeitlosen, guten Sachen wie Sonic Youth, Dinosaur Jr., Fugazi, Shellac etc.. Ehrlicherweise Musik und Bands, die mich persönlich nie groß angesprochen haben, aber für die ich andererseits großen Respekt ob der stilprägenden Relevanz hege.

BR machen ihre Sache, soweit ich das als Garnichtbescheidwisser überhaupt sagen darf, gut. Die Songs sind abwechslungsreich, haben gute Ideen, und die Struktur und die Arrangements der Lieder lassen darauf schließen, dass das alles nicht innerhalb von zwei Tagen hingeschludert wurde. Ganz im Gegenteil, da ist viel Liebe zum Detail erkennbar. Energie und Wildheit der Musik wirken überzeugend, und mich überrascht es, wie selbstverständlich und souverän die Band ihren nicht unkomplizierten Sound auf der Bühne wiedergibt. Nach 30 Minuten gibt es eine verdiente Zugabe, die mir dann aufgrund ihrer interessanten Disharmonien sogar richtig gut gefällt.

Thema Post-Rock. So ganz habe ich den Begriff nie richtig durchschaut. „So wie Tortoise“ konnte man sich mal merken, so Mitte der 90er, aber die klangen ja teilweise auch sehr unterschiedlich. Einer meiner Lieblings-Radiomoderatoren Chris Evans erklärte kürzlich, dass er Begriff für völlig überflüssig hält. Und wenn man bei Wikipedia liest, dass sowohl „Stereolab“ als auch „Godspeed You! Black Emperor“ Post-Rock sein sollen, dann macht einen das auch null schlauer, was genau jetzt damit gemeint sein soll. Irgendwie bisschen komplizierter Indie-Rock, gerne instrumental, und wenn’s wie Mogwai oder Tortoise klingt isses auch nicht verkehrt. Begnügen wir uns damit, oder besser, ich begnüge mich damit.

Instrument

Foto: X-tof Hoyer

Instrument sind zu viert, und beginnen mit einem rhythmisch vertrackten, trotzdem gut fließenden Stück namens „Olympus Mons“. Erinnert mich etwas an die King Crimson der 70/80er Jahre, und sowas gefällt mir natürlich gleich sehr gut. Der zweite Song „Electric Rain“ ist ebenfalls instrumental, und wie das folgende, vom Drummer gesungene, „Hearts“, trotz aller hohen musikalischen Versiertheit, mir etwas zu nett. Dur-Harmonien ohne Abgründe und Ecken in Verbindung mit Rockmusik, funktioniert bei mir nicht so richtig.

Doch das ändert sich so langsam. „Regular“, ein Lied, das der Bassist seiner Küche gewidmet hat, fesselt durch einen grollenden Bass-Lauf, wie er auch von Tool kommen könnte. Dazu gibt es noch sehr schönen zweistimmigen Gesang. Deutlich mehr meins jetzt. Das folgende „Centennial Light“, ein Song „gegen die iWatch“, klingt jetzt dann tatsächlich etwas nach den Godfather of Post-Rock „Tortoise“. Schön, aber etwas zu seicht pluckert es vor sich hin, steigert sich aber mit einer überraschenden Orgel-Fläche hin zur Mitte deutlich.

Danach folgen mehrere Instrumentals, die ohne Zwischenansagen ineinander übergehen. Vor allem das Letzte mit seinen schrägen, komplexen Melodien gefällt mir sehr. Und ab jetzt wird das Konzert immer besser, immer lauter, immer härter. „Handshake“ ist ein erster Höhepunkt. Wirklich großartig gesungen vom Schlagzeuger, bildet ein hartes Riff den Hauptteil des Refrains. „Picks & Chips“ trumpft mit einem krautrockigen Beginn, der nach „NEU!“ klingt, auf.

Instrument

Foto: X-tof Hoyer

„Read Books“ ist das Titelstück des letzten Albums, und weiß mit einem dominanten, durchgehenden Basslauf zu gefallen, über den teils dreistimmig gesungen wird. Einer der beiden Gitarristen singt nämlich auch noch, wie man beim vorletzten „For All I Care“ sehen und hören kann. Überraschenderweise ist das Hauptthema der Strophe ein bluesiges Gitarrenlick, der Rest hat mit Blues aber nix am Hut.

Wer weiß, vielleicht haut der zweite Teil des Konzerts aber nur deswegen so gekonnt rein, weil die erste Hälfte etwas sachter war, und so diese gelungene Mischung aus Indie-Prog-Post-Rock mit ein bisschen Metal umso mehr ihre Wirkung entfalten konnte. Auf jeden Fall sieht man beim abschließenden „Glockenbach“ die anwesende Fraktion der Liebhaber härterer Klänge die langen Haaren bewegen.

Bei den zwei Zugaben kann man dann nochmal abschließend notieren, dass „Instrument“ außergewöhnlich gute Musiker sind. So dynamisch, clever arrangiert und präzise wie die die ihre komplexe Musik fehlerfrei darbieten, das ist offensichtlichst großes Können. Selbst einer nicht ungewöhnlich originellen Cover-Wahl von Led Zeppelins Proto-Doom „Dazed & Confused“, wird so der eigene Stempel aufgedrückt, dass man nur anerkennend freudig nicken kann. Gute Band, guter Abend.

Instrument

Foto: X-tof Hoyer

Instrument

Buzz Rodeo

Ein Gedanke zu „INSTRUMENT, BUZZ RODEO, 09.07.2015, Merlin, Stuttgart

  • 15. Juli 2015 um 12:32
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    Sehr schönes Review – danke, Lino!

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