FRANK FAIRFIELD, 07.07.2015, Manufaktur, Schorndorf

FRANK FAIRFIELD, 07.07.2015, Manufaktur,Schorndorf

Foto: Steve Sonntag

Ich könnte heulen. Noch nie habe ich einen derart traurigen, persönlich berührenden Auftritt gesehen wie das gestrige Abschiedskonzert von Frank Fairfield in der Schorndorfer Manufaktur. Zu sehen, wie sich ein Künstler quält und die Minuten eines seiner letzten Konzerte herunterzählt, das kann einem Fan schon an die Nieren gehen.

„There are a few scattered dates already booked throughout the year which I’m obliged to see through. Hopefully after that I won’t have to play another damn note of music (if what I’ve ever done should even be deemed “music”) as long as I live.“

FRANK FAIRFIELD, 07.07.2015, Manufaktur,Schorndorf

Foto: Steve Sonntag

Als Frank Fairfield, der sich im Laufe der letzten Jahre von einem Geheimtipp zu einer Art Star der Roots-Country- und Bluegrass-Musik entwickelt hatte, auf Facebook mit einen lapidaren und schonungslos offenen Statement das Ende seines musikalischen Schaffens verkündete, fragte ich mich sofort, warum er sich angesichts solch massiver Selbstzweifel und dem daraus resultierenden radikalen Schritt überhaupt noch eine Konzert-Tournee antut.

Und ich war zugegebenermaßen sehr gespannt, ob er überhaupt noch nach Schorndorf kommen würde. Und wenn ja, würde er den Abend dann einfach ganz professionell runterspielen? Drei Mal habe ich ihn bereits gesehen, und noch bei seinem letztjährigen Gig glaubte ich, eine gewisse Entwicklung hin zu Lockerheit und Spaß an der Konversation mit dem Publikum erkannt zu haben. Seine bisherigen Auftritte mit seiner linkischen Kontaktscheu, vernuschelten Ansagen und nervösem Gelächter habe ich eher für eine sympathische Schrulligkeit gehalten. Quasi ein Markenzeichen, und irgendwie passend zu seiner skurrilen, aus der Zeit gefallenen Opa-Musik.

Was für ein kolossales Missverständnis!

Im Laufe des Abends wird mir klar: Jedes seiner Konzerte – selbst das ganz kleine damals in den Waggons – muss eine furchtbare Anstrengung für Fairfield gewesen sein. Er hat sich auf der Bühne nie wohlgefühlt. Ein grausames Schicksal hat ihn und seine private Leidenschaft für die authentische Musik der 20er und 30er-Jahre in die Öffentlichkeit gezerrt und ihm eine Fan-Schar beschert, die ihn vereinnahmte und immer mehr von ihm wollte.

Jetzt sitzt er also an diesem schwülwarmen Abend im gut gefüllten Biergarten der Manufaktur. Ein riesiger Blumenstrauß mit einem Abschiedsgruß steht zu seinen Füßen und er weiß nicht, wie er anfangen soll. Eineinhalb Stunden, habe man ihm gesagt, solle er spielen. Er hoffe drauf, dass der drohende Regen dem Ganzen vorher ein Ende mache. Was ich am Anfang noch für Kokettieren gehalten habe, soll sich schnell als echte Verzweiflung herausstellen. Er findet einfach nicht hinein in seine Songs. Nach vier Titeln fragt er, wie viel Zeit denn schon vergangen sei. Als ihm ein Blick auf seine altmodische Taschenuhr vierzig Minuten anzeigt, hellt sich seine Miene auf. Na, da habe er ja schon fast die Hälfte rum, mit nur vier Songs, viel Instrumenten-Stimmen und einigen „silly stories“.

FRANK FAIRFIELD, 07.07.2015, Manufaktur,Schorndorf

Foto: Steve Sonntag

Sein Banjo ist an mehreren Stellen kaputt, es lässt sich nur noch mit einer Zange stimmen, die er aus der Hosentasche zieht. Abfällig klopft er auf die klappernden Teile und signalisiert, dass es nun sich ja eh nicht mehr lohne, das Instrument zu reparieren. Es ist mit Händen zu greifen: Fairfield hat tatsächlich mit der Musik abgeschlossen. Er hält sich für mittelmäßig und unwürdig. Man würde ihn so herzlich empfangen, sei so nett zu ihm und er habe einfach nichts zu geben.

Ein verstörendes Erlebnis. Und man möchte den so zerbrechlich wirkenden Mann packen und schütteln: „Komm zu dir! Siehst du nicht, dass die Menschen deine Musik lieben? Du bewegst sie, du begeisterst, du gibst ihnen so viel!“

Am Ende des Programms erfüllt er Hörerwünsche. Notgedrungen. Nicht, weil dies ein großer Spaß wäre, sondern weil ihm nichts mehr einfällt. Dabei hat er bisher keinen der Klassiker gespielt, die er meist besser als viele seiner Vorgänger interpretiert. Nicht „Nine Pound Hammer“, nicht „Cumberland Gap“ oder „Call Me A Dog When I’m Gone“. Diese Titel, bei denen er seine Zuhörer regelmäßig mit rasend schnellen Banjo-Läufen schwindlig gespielt hat. Der letzte Zuschauer-Wunsch ist „Rye Whiskey“ und einmal lässt er kurz seine ganze Klasse mit seinem markanten rhythmischen Spiel der Fiddle aufblitzen.

Aber dann ist endgültig Schluss. Fairfield murmelt eine kurze Abschiedsrede, entschuldigt sich für den Auftritt und geht.

“Goodbye, forever…”

6 Gedanken zu „FRANK FAIRFIELD, 07.07.2015, Manufaktur, Schorndorf

  • 8. Juli 2015 um 23:32
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    Ganz groß, Holger.

  • 9. Juli 2015 um 08:23
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    Ergreifend.

  • 9. Juli 2015 um 08:41
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    Ein großartiger Musiker, der sich und seinem Publikum seine als mittelmäßig empfundene Musik nicht mehr zumuten möchte. Sonst ist es immer genau andersum.

  • 10. Juli 2015 um 15:54
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    Mein Gott ist das traurig! Toller Bericht!

  • 16. Juli 2015 um 14:30
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    Vielleicht hätten wir doch einfach weiterproben sollen, dann hätte der Fairfields’Fränky nen Grund gehabt, vorzeitig aufzuhören… ;-)

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