MNOZIL BRASS, 05.07.2015, Forum, Ludwigsburg

MNOZIL BRASS, 05.07.2014, Forum, Ludwigsburg

Foto: Michael Haußmann

Blasmusik – dieses Wort löst zweifelsohne bei allen Musikinteressierten irgendeine Reaktion aus, meist keine positive. Treue Leserinnen und Leser dieses Blogs werden vermutlich sofort an den legendären Bericht vom Musikantenstadl denken. Und als ich bei ca. 25 Grad im Schatten um 9.55 Uhr am Sonntagvormittag auf den nachbarschaftlichen Mitnahmeservice warte, der mich zu meinem ersten Konzert in offizieller Mission des gig-blogs abholen wird, frage ich mich kurz, aber doch deutlich vernehmbar, warum ich mir ausgerechnet dieses ausgesucht habe: Mnozil Brass, ein Bläser-Septett, Forum Ludwigsburg, 11 Uhr.

MNOZIL BRASS, 05.07.2014, Forum, Ludwigsburg

Foto: Michael Haußmann

Knapp über dem Bühnenboden schwirren einige Sommerinsekten, und es würde mich nicht wundern, wenn man zudem die heiße, flirrende Luft sehen könnte. Es wird wild gefächelt im Saal und der Dresscode ist Dank der tagelangen Hitze ein Potpourri der modischen Verwerfungen (wozu ich mich ausdrücklich nicht gänzlich ausschließen möchte). Auftritt Mnozil Brass, sechs der sieben nehmen ihren Platz ein, einer fehlt. Der Tubist (Wilfried Brandstötter) kommt schließlich herein, auf überzeichnete Art zitternd und humpelnd einen vergreisten Dirigenten mimend, den man erst auf seine richtige Position führen muss, bevor er den Einsatz für das „Orchester“ geben kann.

Als nun der erste Ton auch den letzten Winkel des Konzertsaals ausfüllt, ist ein Teil der Antwort auf meine mir selbst gestellte Frage gefunden. Da entsteht eine feierliche Erhabenheit, die in dieser Art und Weise vielleicht nur Blechblasinstrumente hervorzaubern können und mit der die sieben Musiker die nächsten 2 Stunden und 15 Minuten bestreiten werden.

MNOZIL BRASS, 05.07.2014, Forum, Ludwigsburg

Foto: Michael Haußmann

Mnozil Brass, 1992 im Zuge von Sessions im Wirtshaus „Mnozil“ im ersten Wiener Bezirk gegründet, haben seit ca. zehn Jahren in der Folge einer Auftragsarbeit für die Ruhrtriennale 2005 ihr für sie typisches Konzept gefunden. „Musik-Comedy“ ist laut Programm der Ludwigsburger Schlossfestspiele die dafür vorgesehene Schublade und die ersten Minuten ihres aktuellen Programms „Yes, Yes, Yes“ zeigen, was damit gemeint sein soll: der überzeichnete Orchester-Dirigent, eine große Plastikrakete, die nach einer parodierten Version von „Also sprach Zarathustra“ über die Bühne getragen wird oder die klischeehafte Darstellung eines DJs (der Name David Guetta ist in den auf Spanisch vorgetragenen Moderationstexten, die immer mal wieder von dem Trompeter Thomas Gansch eingestreut werden, herauszuhören). Im letzten Fall ist das meiner Meinung nach ein wenig zu viel der Comedy, da die gleichzeitig gespielte Musik – in diesem Fall ein Medley aus Pop-Titeln – zu sehr in den Hintergrund rückt. Denn von der Musik dieser sieben Österreicher und der scheinbar mühelosen klanglichen Brillanz will man mehr und immer mehr – und man bekommt sie.

MNOZIL BRASS, 05.07.2014, Forum, Ludwigsburg

Foto: Michael Haußmann

Kritiker könnten an dieser Stelle sagen, sie spielten alles, das sei musikalisches Allerlei. Die Sache ist nur, dass sie alles spielen können, kein Musikstil klingt bemüht. Nein, im Gegenteil, das Ensemble findet mit jedem ersten Schlag eines Stückes den passenden Sound und Groove.

Da sitzen sie z.B. kurz vor der Pause verstreut auf Stühlen, die auf der gesamten Bühne verteilt stehen und jeder spielt in eine andere Richtung, teilweise auf den Boden starrend, scheinbar vor sich hin ein tragendes, melancholisches Stück. Was entsteht ist ein perfekt abgestimmter Klang (toll: die immer wieder von den Posaunisten eingesetzten Basstrompeten), die Größe der Bühne und die Schallrichtung der sieben Instrumente wunderbar ausnützend. Und hier zeigen sie auch, wie szenische Elemente, weit weg von „Comedy“, geschickt eingebaut werden können, wenn sie innerhalb weniger Takte in einen fröhlich anmutenden Dreivierteltakt wechseln und dabei beschwingt über die Bühne tänzeln, um nur wenige Augenblicke später wieder verträumt und in sich versunken auf ihren Stühlen zu sitzen und die Melancholie ausklingen zu lassen. Das Ganze meist ohne Blickkontakt auf den Punkt genau.

MNOZIL BRASS, 05.07.2014, Forum, Ludwigsburg

Foto: Michael Haußmann

Wo soll man aufhören mit den wunderbaren Momenten dieses Konzerts? Schwierig! Bei Tom Jones „It’s not unusual“, als man denkt, die Original-Bläserbesetzung zu hören? Bei Eric Claptons „Layla“, das in einer Quartett-Besetzung so weich, verspielt und cool groovt, dass man sich dabei in die pralle 40-Grad-Mittagssone des Ludwigsburger Marktplatzes stellen könnte ohne zu schwitzen? Bei Queens „Bohemian Rhapsody“, das zur Hälfte mit mehreren – man muss zwangsläufig sagen: typisch österreichischen – Augenzwinkern gesungen wird und das in reiner Brass-Besetzung ungleich mehr Charme ausstrahlt als das Original? Oder doch bei dem sehr überzeugend vorgetragenen Jazz-Standard „Mac Arthur Park“, bei dem auch alle High-Trumpet-Fetischisten auf ihre Kosten kommen und man nicht verwundert wäre, wenn für die ersten zehn Reihen Ohrstöpsel verteilt worden wären?

MNOZIL BRASS, 05.07.2014, Forum, Ludwigsburg

Foto: Michael Haußmann

Der oft verschmitzt und schließlich sichtbar verschwitzt lächelnde Thomas Gansch hat kürzlich in einem sehr sympathischen Interview gemeint, ein Konzert sei für ihn gut, wenn der Kontakt zum Publikum vorhanden sei und eine spürbare Energie fließe. Das trifft auf diesen Mittag sicherlich zu und wird sichtbar, wenn über Ganschs Gesicht ein Strahlen geht beim Blick in die stehenden Ovationen oder wenn der Posaunist Zoltan Kiss sich nach dem gelungenen Schlusston eines Stücks freut wie ein kleiner Bub. Viel üben müsse er, sagt Gansch auch noch in diesem Interview, und wenigstens das ist ein kleiner Trost für manch BlechmusikerInnen, die nach einem Konzert von Mnozil Brass aus Frust und Bewunderung am liebsten ihr Instrument an den Nagel hängen würden. Das wäre nun doch der falsche Schluss aus diesem Konzert und würde der Blasmusik jeglicher Ausprägung nicht dienen.

MNOZIL BRASS, 05.07.2014, Forum, Ludwigsburg

Foto: Michael Haußmann

2 Gedanken zu „MNOZIL BRASS, 05.07.2015, Forum, Ludwigsburg

  • 6. Juli 2015 um 14:21
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    Werter Herr Nachbar,

    welch sauberer gig-blog-Einstand! Jetzt sind wir noch näher dran am Literatur-Nobelpreis für unser Gesamtwerk.

  • 8. Juli 2015 um 18:22
    Permalink

    Goodness, der Cicero Serbe dehnt seinen Einflussbereich aus! ;)

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