JACKSON BROWNE, 27.06.2015, Liederhalle, Stuttgart

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Foto: David Oechsle

„I should know / While we’re going up / You’re going down / And no one gives a shit but Jackson Browne“. Der meisterliche Ironiker und feine Songdichter Randy Newman lieferte 2008 in A Piece of the Pie seine pointierte Charakterisierung des schwer an Politik interessierten (und mit ihm freundschaftlich verbundenen) Songwriter aus Los Angeles. Die öffentliche Wahrnehmung als Politaktivist und die gerne vorgenommene Festlegung auf das damit verbundene Engagement für den Umweltschutz, andere Charity-Aktionen und eine ganze Reihe von NGOs, kann den Musiker Jackson Browne nur bruchstückhaft und unzureichend erklären. Denn eines steht außer Frage: Der 66-Jährige ist spätestens seit den späten 60ern – zunächst als Songwriter für seine damalige Freundin Nico oder die Eagles, später als eigenständiger Solokünstler – nicht wegzudenken aus dem Kanon amerikanischer Popmusik.

Nichtsdestoweniger dürfen auch beim dreistündigen Konzertmarathon mit 15-minütiger Pause im Hegelsaal der Liederhalle ein paar Musterbeispiele in amerikanischen Agitprop nicht fehlen. The Long Way Down ist dezidierte Kritik an der US-Waffengesetzgebung, Which Side Are You On? beschwört ganz offenes Schwarz-Weiß-Denken, in dem jeder sich zwischen Gut und Böse entscheiden kann, während If I Could Be Anywhere und Standing in the Breach die Zerstörung der Umwelt und der Weltmeere anprangert. „Wenn sich jeder Einzelne von uns einer NGO, die sich dem Erhalt der Meere verschrieben hat, anschließt, wäre schon etwas erreicht“, erklärt Browne. Die politische Botschaft sorgt für großen Applaus, richtig überzeugen dann aber andere Songs.

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Foto: David Oechsle

Seit seiner gemeinsamen Tour mit David Lindley vor fünf Jahren war Browne nicht mehr auf deutschen Bühnen zu sehen, seit 2009 nicht mehr in Stuttgart. Seine Europa-Gastspiele sind rar und so sind die Auftritte in diesem Jahr gut besucht und vom angegrauten Publikum umjubelt. Mit stehenden Ovationen im bestuhlten Saal begrüßt, genügen wenige Akkorde von The Barricades of Heaven, um die Zuhörer einzustimmen. Der Sound ist hervorragend, der Song ein Beweis, das Stadionrock nicht zwangsläufig peinlich sein muss. Mauricio Lewaks Schlagzeugspiel ist wunderbar, die sechsköpfige Band kann in der Breite überzeugen: Keyboarder Jeff Young, ab und an Chavonne Stewart als Background-Sängerin, Gitarrist Shane Fontayne, der einst mit Springsteen tourte, Bassist Bob Glaub, der mit fast allen Größen des Rockzirkus arbeitete, und vor allem der fantastische Greg Leisz an Pedal und Lap Steel Guitar sorgen für einen voluminösen Rocksound. Der wird der eleganten West-Coast-Leichtigkeit meist gerecht und klingt nur ganz selten nach manierierten Altherrenrock; und häufig nach überhaupt nicht sehnsüchtelnden Countryrock, also nach dem, was der geneigte Indie- Connaisseur gemeinhin Americana nennt und in verschiedene Spielarten variiert:  Leaving Winslow vom aktuellen Album Standing in the Breach tendiert zum Beispiel gen Rockabilly, Here, geschrieben für den Kevin-Spacey-Film Shrink – und auf demselben Album veröffentlicht – ist entschleunigter Folk.

Jackson Browne gelingt es in der Liederhalle entspannt mit dem häufig gegen ihn gebrachten Vorwurf der Langeweile aufzuräumen. Seine Präsenz alleine ist beeindruckend, seine ruhigen Ansagen im Plauderton verzichten weitgehend auf austauschbare Floskeln und vor allem die Songs sind über jeden Zweifel erhaben. Dabei wechselt er zwischen Klavier und seiner Armada aus Gitarren. Unser Fotograf zählt im Laufe des Konzerts 15 verschiedene. Hits aus den späten 70ern und 80ern werden mit spontanen Zwischenapplaus bedacht, das Publikum ist aufmerksam und dankbar und verzichtet trotz passender Rhythmik in den fast stadionrockigen Songs auf rhythmisches Klatschen.

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Foto: David Oechsle

You Know the Night, die Adaption eines Liebesbriefs Woody Guthries an die Mutter seiner Kinder Norah und Arlo, beeindruckt, For a Dancer (1975) und For Everyman vom gleichnamigen 1973er Album sind erste Höhepunkte. Browne singt mit samtener Stimme echte Klassiker. Das tieftraurige Late for the Sky mit dem bitteren Abgesang auf eine verflossene Liebe beschließt die erste Konzerthälfte ausgesprochen formidabel.

Nach einer Viertelstunde geht es mit Your Bright Baby Blues weiter. Dann folgt einiges aus erwähntem Agitprop-Reigen, das mit 18 geschriebene und bewusst Byrds infizierte The Birds of St. Martins und eine ergreifende Version von Warren Zevons Mutineer. Die stete Förderung des unerreichten Meisters des Song Noir, den auch ein Bob Dylan zu seinen persönlichen Favoriten zählt, ist eine der größten Leistungen Brownes. Der schlichte Tribute an den vor einer gefühlten Ewigkeit verstorbenen Ausnahmesongwriter ist in der Folge eine wunderschöne Rarität und ein wahrlich besonderer Moment vor Doctor My Eyes und den ganz großen Hits The Pretender und vor allem Running On Empty und dem Ende des regulären Sets.

Eine fast zehnminütige, fulminante Version von Take It Easy, Anfang der 70er mit Glenn Frey von den Eagles geschrieben, in deren Version der Song ein Hit wurde, und Before the Deluge sind die gefeierten Zugaben eines dreistündigen Konzerts, das aller Längen zum Trotz noch einmal unterstreicht, wie großartig Jackson Brownes Songwriting ist. Die lässige Eleganz der West Coast, wer würde sie jetzt noch mit Langeweile verwechseln? Nicht einmal Randy Newman.

 

Setlist:

Set 1:
The Barricades of Heaven
Just Say Yeah
The Long Way Around
Leaving Winslow
Here
For Everyman
I’m Alive
You Know the Night
For a Dancer
Fountain of Sorrow
Late for the Sky

Set 2:
Your Bright Baby Blues
Which Side Are You On?
If I Could Be Anywhere
Standing in the Breach
Looking East
The Birds of St. Marks
Mutineer (Warren Zevon-Cover)
Doctor My Eyes
The Pretenders
Running on Empty

Take it Easy
Our Lady of the Well

Before the Deluge

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