JOEL SARAKULA, 24.06.2015, Galao, Stuttgart

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Foto: David Oechsle

Bisheriges Highlight des 24. Juni 2015: mich daran erfreuen, dass der gute Linus Volkmann das Verb „rocken“ in den verdienten Senkel stellt. Dachte ich sei der Einzige, der beim Lesen oder Hören des Wortes Hirnsausen bekommt. Im Geiste gut vorstellbar, wie ein Kauder nach Besuch eines Maffay Konzerts, dieses Wort anerkennend und augenzwinkernd benutzt. Schrecklich! Heute Abend laufe ich übrigens keine Gefahr das Wort auch nur aus Versehen benutzen zu können, denn Joel Sarakula rockt macht keine Rockmusik, sondern lupenreinen Pop. Und die Verbform ist ja leider aka zum Glück schon durch Schweinkram belegt.

Kollege Holger kennt meinen Geschmack mittlerweile wohl tatsächlich gut genug, um mich auf dieses Konzert heute Abend aufmerksam zu machen. Ehrlicherweise hatte ich bisher Galao-Konzerte nicht so auf der Karte, da das musikalisch gerne in die ruhige Singer-/Songwriter Richtung mit Schuss Folk geht, leise Skandinavier mit Bart und Karohemd, so zumindest mein Klischee. So feiere ich erst jetzt, im hohen Frühverrentungsalter, meine Premiere in Sachen Galao-Konzert. Und zwar ein bestialisch gutes.

Joel Sarakula kommt aus Australien, hat einen finnischen Vater, und lebt in London. Auf seiner Homepage ist er zitiert mit „My parents had so many classic pop records and I was drawn to the big harmonies of The Beach Boys and ABBA – the drama in those 60s and 70s records‘.” Wenn mich jemand für seine Musik interessieren möchte, dann benutze er genau solche Sätze, alle keywords drin, die wichtig sind.

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Foto: David Oechsle

21 Uhr ca. ist der Beginn im gut gefüllten Galao. Mit Bassisten und Schlagzeuger verstärkt, eröffnet JS das Konzert mit einem Uptempo Song. Besser gesagt, einer Pop-Perle, die klingt, als hätten sich die Beatles in die 70er rüber gerettet. Anders gesagt: reiche Melodien und Harmonien, E-Piano und Synthiesolo, ELO-Rundgren-Wings die mir einfallenden Bezugspunkte, einfach fabelhaft.

Der Sound ist gut und recht laut, und es fällt nach wenigen Minuten schon auf, dass die Band gut aufeinander eingespielt ist, mit der Dynamik und der Struktur der Songs spielen kann. Umso bemerkenswerter, da hier kein Drei-Akkorde-Punk gespielt wird, sondern tatsächlich großer Pop mit Breaks und Bridges. Das ganz große Kreuz auf der Zubehörliste wurde hier gemacht. Dabei gehen die Songs trotzdem sofort ins Ohr, die Musik und der Auftritt wirken so frisch und energiegeladen, dass man gar nicht auf den Gedanken kommt, das sei jetzt irgendwie schwierig.

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Foto: David Oechsle

Joel ist mit seiner Kombination aus schulterlangem Haar mit ordentlich Spliss, Retrohemd und Schlaghose schon mal eine ganz interessante optische Erscheinung. Aber wichtiger: Er steht gerne da vorne auf der Bühne, vor den Leuten. Neben seinem wirklich guten, etwas an Lennon erinnernden Gesang, spielt er gut Klavier und Synthie, und lässt sich auch vom runterfallenden Minikeyboard nicht aus der Ruhe bringen. Seine charmanten Ansagen, auf englisch-französisch-deutsch, sind humorvoll, mit einem guten Sinn für das Absurde.

„Northern Soul“ wird angekündigt als „dance song“. Ist es auch, aber vor allem ist es ein Spitzen-Popsong, der Joels große Gabe für eingängige Popmelodien unter Beweis stellt. Holger spricht von einem „verdammten Hit“. Die Sitzgelegenheiten wurden mittlerweile weggeräumt, das Publikum steht, bzw. zappelt angeregt herum. Erst recht beim nachfolgenden „When The Summer Ends“, welches mit einem leichten Soul-Funk im Gepäck daherkommt. Besagter John Lennon singt ein Stevie Wonder Lied, samt Falsett im Refrain. Doofer Vergleich, dufter Song.

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Foto: David Oechsle

Das einstündige Konzert wird nicht eine Sekunde irgendwie öde. Ein enstpannter Disco-Soul Song sorgt ebenso dafür wie „I Will Deliver“, mit seinem an Blur erinnernden Bass. Nach einem Break machen nur Drums und Bass weiter, sehr tanzbar das Ganze, während in der Zwischenzeit Joel mit Schellenkranz sich tanzend ins Publikum verabschiedet, und mit dem Umlauf-Glas voller Geldspenden wieder zurückkommt. Die Lautstärke ist mittlerweile ganz schön ordentlich, von wegen ruhiger Skandinavien-Folk.

Eine Zugabe muss her, geht nicht anders, hat der Abend nicht anders verdient. Joel kündigt das letzte Stück an mit „On the drums: Mister Zugabe!“. Mister Zugabe hat sich mittlerweile seines T-Shirts entledigt („he worked out all the time for this.“). Ein neuer Song werde präsentiert, Joel hätte ihn erst vorhin geschrieben, als das Keyboard runtergefallen sei. „Pump Up The Jam“ wird gecovert, gut gehämmert in der Strophe, mit zusätzlichen Harmonien und Soul im Refrain ausgeschmückt. Paar nur kurz angedeutete 90ies Eurodance-Hits werden auch noch eingestreut, und Joel verabschiedet sich mit „I have cds and Plattenschalle!“. Und dass ich mit leichtem Ohrenpfeifen herauskommen werde, war die letzte meiner Erwartungen an mein erstes, fantastisches Galao Konzert.

2 Gedanken zu „JOEL SARAKULA, 24.06.2015, Galao, Stuttgart

  • 26. Juni 2015 um 10:30
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    Hmmmm, da hätte ich auch hingehen sollen, so wie Du das beschrieben hast, Lino.

    Holger: Bitte diese Empfehlungen nicht so sparsam verteilen, das grenzt da an Verteilung von Herrschaftswissen ;-)

  • 26. Juni 2015 um 13:11
    Permalink

    Bertram, ich gelobe Besserung. In diesem Fall kam mir die Erkenntnis allerdings auch sehr spät.

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