RUFUS WAINWRIGHT & ANGELIKA KIRCHSCHLAGER, 14.06.2015, Forum, Ludwigsburg

Rufus Wainwright & Angelika Kirchschlager

Foto: X-tof Hoyer

Aber kommen wir nun zu unserem neuen Lieblings Live-Künstler Rufus Wainwright, tschulljung, ich greife vorweg. Fangen wir sachter an: Die Ludwigsburger Schlossfestspiele erfreuen auch uns popaffine Menschen seit Jahren immer wieder mit Veranstaltungen, die nicht nur für Klassikhörer und Verfechter der reinen Lehre gedacht sind, sondern gerne auch den Bezug zu moderneren Richtungen suchen, die nicht nur im Bereich der E-Musik angesiedelt sind. U-Musik, da kommen wir Banausen ins Spiel. Mit #kaputtraven #alkopop oder #hartraven muss das Ganze hier bestimmt nicht getagged werden, aber Rufus Wainwright ist Pop, und der steht schon seit Jahren auf der persönlichen to-do-Liste mit Künstlern, mit denen man sich endlich mal befassen müsste.

Der Abend firmiert unter dem Titel „Angelika Kirchschlager trifft Rufus Wainwright“, und enthält als Grundidee, dass die beiden Künstlern das genrefremde Repertoire des anderen singen. Wainwrights Bezüge und Liebe zur klassischen Musik sind in seinem Werk offensichtlich, da neben Popalben auch eine Oper namens „Primadonna“ dazugehört. Aber auch die Kirchschlager, mehrfache ECHO-Klassik-Preisträgerin der unfassbar schön benamten Kategorie „Liedeinspielung des Jahres“, kann mit einer Konstantin Wecker Kollaboration ein Wirken außerhalb der Klassik vorweisen. Beide kennen und schätzen sich sehr, aber dieser Abend ist für beide die Premiere eines neuen Abenteuers.

Punkt 19 Uhr betritt Intendant Thomas Wördehoff das gut, aber nicht komplett gefüllte Forum, und erläutert uns die Grundidee des Abends, dieses Repertoire-Tausches. Eine Klatschanweisung gibt es auch, also dass man zwischen den Stücken nicht klatschen solle, um die Spannung und den Fluß aufrechtzuerhalten. Danach darf der heftig beklatschte Rufus Wainwright auf die Bühne, und ein wenig erklären, woher er Angelika Kirschschlager kennt, wie sehr er sie schätzt, und dass er auch ganz aufgeregt ist zu hören, wie eine seiner Lieblingssängerinnen sein Werk „All Days Are Nights: Songs for Lulu“ interpretieren wird. Ein Album, mit dem Rufus den Tod seiner Mutter verarbeitete, und in dem er auch drei Shakespeare Sonette vertonte.

Dann kann es losgehen mit der Musik. Angelika Kirchschlager wird von der Französin Sarah Tysman am Klavier begleitet. Jetzt kommt die Schwerstaufgabe für den Schreiber, der mit klassischem Gesang schon immer gefremdelt hat, und auch das vorgetragene Album überhaupt nicht kennt, das Ganze zu beschreiben und irgendwie einzuordnen. Erster Eindruck: ziemlich sperrig was der gute Rufus da komponiert hat. Cabaret, trauriges Musical, moderne Klassik oder gar Jazz, das schwirrt mir durch den Kopf, und ich weiß nicht mal ansatzweise ob das die Sache auch nur annähernd richtig trifft. Ein Pausengespräch wird mich später allerdings beruhigen, dass ich da wohl nicht ganz alleine mit war. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass ich mich hier im Amok-Blindflug befinde was das Beschreiben angeht.

Rufus Wainwright & Angelika Kirchschlager

Foto: X-tof Hoyer

Angelika Kirschschlager singt, ganz Klassik, natürlich unverstärkt ohne Mikro, und fährt bei der Interpretation des Werkes die ganze Palette von ganz leise bis laut, dezent bis dramatisch auf. Wie ein Klassikhörer das beurteilen würde, keine Ahnung. Obwohl ich auch heute Abend kein Fan dieser Art zu singen werde, bin ich andererseits doch sehr beeindruckt über diese puren Art der Darbietung. Keinerlei Effekte, kein Mikro, keine elektrische Verstärkung. Ein Flügel und eine Stimme, und der Saal wird laut beschallt. Gesang und Klavier spiegeln das Auf und Ab aller menschlichen Empfindungen wider. Etwas erinnert es mich an Sufjan Stevens aktuelles Album. Musikalisch anders, aber ähnlich reduziert, behandelt auch er den Tod seiner Mutter auf ähnlich intensive, sehr nahegehende Weise. In der Einleitung spricht Rufus über sein Album von einem „sad snowball“.

Mit meinen eigenen Beobachtungen kämpfend, ist es interessant zu erfahren, dass Frau Kirchschlager Madame P.s Einschätzung nach mit dem Werk ganz schön zu arbeiten hat, und es sich ihrer Meinung nicht ganz rund anhört. Besagtes Pausengespräch mit Sabine scheint dies zu bestätigen. Andererseits gehört ja vielleicht dieser Kampf, den eine Opernsängerin mit einem nicht klassischen Werk zu führen hat, zu diesem Abend zwingend dazu und ist der Reiz des Ganzen.

Aber den sympathischen Verblätter-Fauxpas, den sie mit entzückendem österreichischen Akzent wegcharmiert („One of my favourite songs“), den registriere ich. Gottseidank, auch die allergrößten Profis und Könner, alles nur Menschen. Ansonsten ist noch das ruhige Publikum hervorzuheben. Nachdem mir gestern Abend bei Levin Goes Lightly in Esslingen ein Pärchen die Musikrezipierung zerquatscht hatte, eine Wohltat. Merke: Ob Angelika Kirchschlager oder Napalm Death, Klappe halten ist des Konzertsbesuchers erste Bürgerpflicht.

Nach 45 Minuten ist die Darbietung zu Ende, nun darf geklatscht werden. Rufus kommt auf die Bühne, umarmt die Sängerin, und wir dürfen erst mal in die Pause. Neben der Einschätzung des Vortrags auch Zeit darüber zu diskutieren, ob die Idee mit dem „Applausverbot“ auch wirklich so gelungen ist. Die Intention ist klar, aber vielleicht hätte das Beklatschen einzelner Songs den Vortrag auflockern können.

Zweiter Teil, umgekehrtes Spiel. Der Intendant kommt nun mit Angelika Kirchschlager auf die Bühne, und es wird kurz diskutiert, wie es denn für sie gewesen sei. Dabei bekommen wir zu hören, dass sie Rufus Kunst schon seit langem liebt, und dass es eigentlich nichts Schlimmeres gibt, als wenn der Komponist dabei ist, wenn man dessen Werk, zumal das erste Mal, singt. „Les nuits d’été“ von Berlioz, das Wainwright nun vortragen wird, gehört zu ihrem Repertoire, welches sie besonders gut kennt und verehrt. Wir sind gespannt, wie der Pop-Künstler damit verfahren wird.

Rufus Wainwright & Angelika Kirchschlager

Foto: X-tof Hoyer

Obwohl ein ausgezeichneter Pianist, sitzt Sarah Tysman wieder am Flügel, Rufus konzertriert sich allein auf das Singen, allerdings mit Mikrofon. Trotz einer gewissen Theatralik in der Stimme, hat er natürlich nicht die perfekte Technik einer Opernsängerin, und doch fällt doch gleich auf, dass er ein ausgezeichneter Sänger ist. Ich würde sogar behaupten, in der Popmusik wird sich schwerlich jemand finden, der sehr viel besser ist. Riesenstimmumfang, sehr angenehme Klangfarbe, totale Kontrolle, und mit einem Riesenreichtum an Ausdrucksmöglichkeiten, singt er sich souverän auf Französisch durch die Stücke.

Als er am Anfang durcheinanderkommt („I’m missing a page“ … „I’m not missing a page“), und ein Lied nochmal von vorne beginnen muss, kommt zum ersten Mal sein ungemein sympathischer Humor und Charisma zum Vorschein. Eher ein Höhepunkt als ein peinlicher Fehler letztendlich. Vielleicht ist Berlioz‘ Werk flüssiger, vielleicht ist es aber auch der nichtklassische Gesangsstil, der eher unseren Gehörgewohnheiten entspricht, es ist nun einfacher Gefallen zu finden an der Musik. Was besagter Klassikhörer davon hält, keine Ahnung. Für uns gehen die ca. 45 Minuten wesentlich gefälliger vorüber. Aber der absolute Höhepunkt kommt erst jetzt.

Weniger strikt an irgendein Konzept gebunden („homework over“ bemerkt Rufus dazu), gibt es nun diverse Duette unterschiedlichster Musik. So wird das durch Édith Piaf bekannte „Non je ne regrette rien“ von Rufus Wainwright parallel zu Händels „Lascia ch’io pianga“ von der Kirchschlager gesungen. Und es passt. Diverse Kurt Weill Stücke bekommen wir geboten. Großartige Musik, und das ungelenke, akzentbeladene Deutsch von Rufus ist so herrlich, dass man sich sowohl totlachen könnte, über die humorvolle Art wie er es singt, als auch gleichzeitig niederknien möchte vor so viel Können. Nachdem er ein Stück aus der „Dreigroschenoper“ fertiggesungen hat, fragt er kokett ins Publikum: „Isn’t that terrible?“.

Angelika Kirchschlager wirkt mittlerweile völlig aufgetaut und ist in ihrem Element. Ihr Gesang wirkt nun auch auf uns beeindruckend, hat Elan und Energie, und die Sprachduette zwischen den Beiden sprühen über vor Charme und Sympathie. Rufus mimiert einen „german dance“ steif und roboterhaft, Angelika gibt bei Kurt Weills „One Life To Live“ eine Step-Pantomime zum Besten. Die an uns gewidmete Dankbarkeit, dieses musikalische Wagnis eingegangen zu sein, nimmt man ihr ab. Rufus hingegen merkt man an, dass dies genau seine Welt ist. Musikalische Grenzen, egal. Kein Humor bei einer Klassikveranstaltung, kommt nicht in die Tüte.

Rufus schafft es selbst einen etwas kitschigen und pathosbeladenen Moment, wie das Begrüßen der anwesenden Eltern seines Mannes, so wunderbar rührend und putzig zu gestalten, dass auch dem Vernageltesten, dem mit Vernunft nicht beizukommen ist, in diesem emotionalen Moment klar wird: Wer komische Bauchgefühle bezüglich gleichgeschlechtlichler Ehen hat, sollte weniger uckermärkische schwere Kost zu sich nehmen, und ansonsten mal seinen mittelalterlichen Moralvorstellungen ein kleines Update gönnen.

Stehenden Applaus gibt es mittlerweile, die Beiden, und vor allem Rufus, haben die Menge verzaubert. Selbst ein so totgenudeltes Stück wie „Hallelujah“ wird so unfassbar gekonnt und emotional bewegend als zweite Zugabe gesungen, dass man den Saal als unwiderbringlicher Fangirl/-boy von Rufus Wainwright verlässt. Der Kollegin zittern sogar die Knie nach der Veranstaltung. Magischer Abend, Punkt.

Ein Gedanke zu „RUFUS WAINWRIGHT & ANGELIKA KIRCHSCHLAGER, 14.06.2015, Forum, Ludwigsburg

  • 16. Juni 2015 um 14:20
    Permalink

    Schee.
    Das Hallelujah geht immer, in welcher Version auch immer,Punkt.

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