ALL DIESE GEWALT, SNAG Tage, 12.06.2015, Villa Merkel, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

SNAG ist ein Festival der Künste, ausgetragen auf dem Areal des Merkelparks in Esslingen. Musikalische Darbietungen, in Stil und Entstehung höchst verschieden, paaren sich mit Performances unterschiedlichster Art. Video und Audio verschmelzen zu einem Gesamtbild.“

Dass eine solche Ankündigung neugierig macht, ist klar. Dass dann aber gleich sechs Gig-Blogger anrutschen, ist doch erstaunlich. Es ist wohl der wunderbar laue Sommerabend und die Aussicht auf einen Gig von Max Riegers Solo-Projekt „All diese Gewalt“, die das halbe Dutzend nach Esslingen lockt, zumal die meisten von uns tatsächlich noch nie in der bombastischen Villa Merkel waren. Zur offiziellen Eröffnung des zweitägigen Events um 20 Uhr ist der Zuschauerandrang noch überschaubar, aber das soll sich im Laufe des Abends noch ändern.

Foto: Andreas Meinhardt

Hätten wir die Beschreibung genauer gelesen, wäre uns auch klar gewesen, dass wir die Villa Merkel gar nicht besichtigen können, denn diese steht für die SNAG Tage gar nicht zur Verfügung:

„Das Bahnwärterhaus bietet dezidiert junger, noch nicht breit rezipierter Kunst eine Plattform.“ entnehmen wir deren Website. Und tatsächlich: die angekündigten Ausstellungen, Performances, Installationen und musikalischen Darbietungen finden im Bahnwärterhäuschen und im Wintergarten der Villa statt. Aber auch diese Orte, eingebettet in einen schönen Park, sind ein stimmungsvoller Rahmen.

Foto: Andreas Meinhardt

Die Performance des Schorndorfer Rappers Bohnemann Walkin, des Saxophonisten SmartBeats und des Performance-Künstlers Marius Alsleben (den wir auch von der Band Marrakech kennen) nehme ich nur am Rande wahr. Allzu verlockend ist das kleine Gig-Blog-Klassentreffen im lauschigen Merkelpark. Und Figurentheater mit deutschem Sprechgesang ist nun wirklich nicht mein Ding.

Foto: Andreas Meinhardt

Kaum haben wir uns der Ausstellung in den zwei Geschossen des Bahnwärterhäuschens zugewandt, treibt ein kräftiger Gewitter-Guss die inzwischen recht stattliche Anzahl an Besuchern unter Vordächer, in den Wintergarten und in das Ausstellungshäuschen. Das Konzert von „All diese Gewalt“ findet in dem Raum statt, in dem eine Video-Installation der litauischen Künstlerin Patricija Gilyte vorgeführt wird. Die Videos zeigen die Künstlerin, die in einem Mini-Schlauchboot auf dem Neckar und den Kanälen Esslingens treibt. Ihr Thema, der menschliche Körper, seine Beziehung zu Raum und Landschaft wird im langsamen Treiben und poetischen Bildern aus der Perspektive von Wasservögeln visualisiert. Ganz neue Ansichten für den sporadischen Besucher der Stadt am Neckar.

Foto: X-tof Hoyer

Ob und wie das nun folgende Konzert von „All diese Gewalt“ in Bezug zu dieser Installation steht, lässt sich nur schwer sagen. Rein physisch sorgt das mitten im Raum hängende Schlauchboot jedenfalls für eine ungewohnte Konzert­situation und ganz direkten Bezug zwischen Installation und Musik. Wegen der geringen Höhe müssen sich die Zuschauer in den ersten Reihen unter das Boot kauern oder legen.

Foto: X-tof Hoyer

Musikalisch ist es jedenfalls – ähem – überraschend, was Max Rieger zu Gehör bringt. Es sind nicht (oder zur Unkenntlichkeit verändert) die erwarteten Songs seiner bisherigen Veröffentlichungen. Es ist, bestehend aus drei oder vier Titeln, mehr eine Abfolge sich unendlich wiederholender und gegeneinander verschiebender Loops, die aus diversen elektronischen Geräten und einer mit E-Bow gespielten Gitarre ertönen. Klassische Songstrukturen sucht man hier vergebens. Es ist ein nahezu pausenloses Aufbauen von Sound-Wänden, anfangs noch relativ leise und melodiös, im Laufe der folgenden fünfzig Minuten immer lauter, atonal und bedrohlicher werdend.

Foto: Andreas Meinhardt

Ob man da jetzt Elemente aus Dark Ambient, Drone, Minimal Music, Post-Rock, Krautrock oder sonstwas erkennen mag, ist eigentlich egal. Zusammen mit dem aggressiv ins Publikum strahlenden Scheinwerfer, der schwitzigen Gewitter-Atmosphäre, der Enge und dem über allem dräuenden schwarzen Schlauchboot erreicht dies eine beklemmende Wirkung, die einige Besucher bald den Raum verlassen lässt.

Das ist wahrlich schwere Kost. Und als Rieger, dessen Mimik während des gesamten Vortrags praktisch unbewegt blieb, beim Verlassen der Bühne kurz ein maliziöses Lächeln erkennen lässt, stellt sich die Frage, ob hier nicht einer großen Spaß daran hatte, einfach mal Erwartungen nicht zu erfüllen und die Freiheit des Künstlers auszuschöpfen.

Foto: Andreas Meinhardt

Bohnemann Walkin, Smart Beats, Marius Alsleben

All diese Gewalt (Fotos: X-tof Hoyer)

All diese Gewalt (Fotos: Andreas Meinhardt)

Ein Gedanke zu „ALL DIESE GEWALT, SNAG Tage, 12.06.2015, Villa Merkel, Esslingen

  • 13. Juni 2015 um 16:21
    Permalink

    Also in der Wirkung des Konzertes hat es meine Erwartung komplett erfüllt, auch wenn die Darbietung vielleicht anders als erwartet war. Vielleicht war dieser fiese Scheinwerfer auch dazu gedacht, dass man seine Augen schließt und einfach nur hört und sich von der Musik mitnehmen lässt?

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