WILD EYES, DICK LAURENT, 09.06.2015, Goldmark’s, Stuttgart

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Foto: Özlem Yavuz

Kalt isses geworden nach dem Kirchentag. Es scheint, als hätte die Anstrengung die zigtausend, meist sehr bleichen, protestantischen Körperchen der Teilnehmer zu verbrutzeln, die Sonne etwas zu sehr erschöpft. Temperaturmäßig also alles im Lack für ein Konzert. Gut so, denn im Goldmark’s „drohen“ ja gerne mal andere Randbedingungen wie Zigarettenrauch und später Beginn, die so bourgeoise Wimpies wie mich etwas in Bedrängnis bringen.

Veranstalter Micha Schmidt rechnete eigentlich mit einem sehr geringen Zuschauerzuspruch, aber er darf sich dann doch freuen, dass der Laden mit 50 – 60 Leuten ganz ansprechend gefüllt ist. Dienstagabend, im Prinzip unbekannte Bands, da ist das fast schon das Optimum. Und dieser stromgitarrenaffine Haufen hört um kurz nach halb zehn die ersten Klänge des Schweizer Trios Dick Laurent.

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Foto: Özlem Yavuz

Sich nach einer Person aus einem David Lynch zu benennen, ist ja selten verkehrt. Gibt einem gleich mal einen Mystery-Touch mit, aber nur für die richtigen Kenner und Google-Bediener. Mysteriös oder mystisch ist die Musik allerdings nicht, ungewöhnlich aber doch. Instrumental sind die Stücke, und weisen viele verschiedene Parts auf, die teils abrupt ineinander übergehen. So gelesen, könnte der Verdacht aufkommen, das sei Prog-Rock. Was dem dann allerdings widerspricht sind die Tatsachen, dass die Parts an sich keinen Wert auf großes Solokönnen oder Vertracktheit legen, und vor allem, dass es meist Versatzstücke von gutem, ehrlichem, bluesigem 70ies Hardrock sind. Da passt die mit Zähnen gespielte Gitarre (dürfte ich auch seit 30 Jahren nicht mehr gesehen haben) bestens ins Technicolor-Bild.

Zu nah am Blues, um Prog zu sein. Prima Spruch für einen Grabstein, wahlweise Wahlplakat. Völlig egal, dieses wilde Live-Mixtape von Musik, die klingt wie die nicht gesungenen Parts von Rainbow, Wishbone Ash, Golden Earring und Konsorten, ist extrem kurzweilig. Raue Rockriffs, die zu weich und warm für Metal klingen, solistische Gitarrenmelodiebögen, sogar kurze, funky Fusionparts, sorgen für Bewegung und Interesse im Publikum. Der Bassist ist uns im Übrigen noch aus dem Keller Klub bekannt, als er im März mit Phased dort spielte. Zusammen mit dem Drummer lässt er was Rhythmik und Dynamik angeht gar nichts anbrennen. Macht Spaß denen zuzuschauen, mit wie viel Einsatz und Hingabe die spielen.

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Foto: Özlem Yavuz

Auf die Dauer der 45 Minuten ist aber auch dieses wilde, energiegeladene Hin- und Herspringen der Musik etwas berechenbar, zumal jetzt nicht jede musikalische Idee immer eine geniale ist. Aber bei welcher Band ist das schon so. Und beim letzten Song, das mit einem Riff á la Blackmore startet, haben sie mich dann doch wieder komplett bei sich. Die Band hat Spaß gemacht, das Publikum ist auch begeistert. Kann man mehr von einem Support-Act verlangen?

Und kann eine Band aus San Francisco mehr Zuschauerzuspruch an einem Dienstagabend erwarten? Wie wir seit dem Freeks Konzert wissen, ist in San Francisco wochentags wohl deutlich weniger los als hier. Ob’s daran liegt, oder weil US-Bands generell eine gute Arbeitsmoral haben, das Quartett namens Wild Eyes hat Bock, und das Publikum kann nicht anders, als dem zu folgen.

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Foto: Özlem Yavuz

Innovative Avantgarde wird hier nicht präsentiert. Das ist ziemlich simpler, dreckiger, bluesiger Hardrock, oder wenn man es einfacher haben will: Rock’n Roll. Im Vergleich zu Dick Laurent gibt’s hier deutlich weniger Raffinesse oder Filigranes zu hören, dafür aber einen schönen, sauberen, konservativen „kick in the balls“. Ein whiskeydurchtränkter Gruß aus den 70ern.

Damit so Musik, die jetzt wahrlich nicht vor Originalität überquillt, funktioniert, ist es wichtig, dass die Band einen mit ihrer Energie mitreißt. Und das tut sie. Dabei ist es nicht, dass die Leutchens sich viel bewegen würden auf der Bühne, aber trotzdem ist das ein ziemlicher Sturm, der da von der Bühne runter weht. Und Hauptschuld, warum das Ganze hier so ein denkwürdiges Konzert wird, ist Sängerin „Janiece Gonzalez“. Sympathisch mit ihrem ganzen Wesen, und vor allem ihre Stimme ist eine Macht.

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Foto: Özlem Yavuz

Erst mal warm gesungen nach ein paar Stücken, wie bei einem Röhrenverstärker, entfaltet sie dann ihre volle Wucht. Leise und klar kann sie auch singen, aber vor allem wenn sie kreischt, schreit, laut singt, hat das so dermaßen viel Energie, Blues und Seele, dass es einen nicht kalt lassen kann. Ohne sie wären Wild Eyes eine okaye Band, so ragen sie heraus aus der Masse.

Anfangs gibt es noch ein wenig mehr Abwechslung im Songmaterial, wobei mir ein Song, der im Refrain ein geiles, schweres Riff aufweist, und in sich etwas komplexer ist, am besten gefällt. Da gibt es nicht gleich von Anfang an aufs Maul, sonst man wird erst langsam hochgehoben, um dann seine Watschen abzukommen. Zum Ende des Sets wird es immer mehr eine reine „Good-Time-Rock’n-Roll-Party“. Daheim wäre das nix für mich, live ist das überzeugend. Köpfe werden geschüttelt, Popos werden gewackelt, so muss man als in Stuttgart unbekannter Act erst mal das Publikum auf seine Seite bringen.

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Foto: Özlem Yavuz

Als nach 50 Minuten das Set mit einem kollektiven Schnaps-Anstoßen der Band beendet ist, wird natürlich nach Zugaben gerufen. Bekommen wir. Während der Uptempo-Rocker läuft, springt der Bassist ins Publikum, und wickelt mit seinem Kabel einen Teil der Zuschauer ein. Der muss das wohl an seinem Bass verschweisst haben, wenn man weiß, wie verdammt leicht sich diese scheiss Dinger ansonsten immer aus ihrer Buchse herausziehen lassen.

Als nach der Zugabe die Musik angeht, und die Leute aber partout nicht mit dem Zugabe-Schreien aufhören und nach Hause gehen wollen, merkt man, dass das heute Abend hier schon etwas Besonderes ist. Die Band kommt dann tatsächlich noch mal zurück, gibt eine zweite Zugabe, und vor allem der Drummer strahlt dabei wie der glücklichste Mensch der Welt. Danach ist aber wirklich Schluss. Bei zu langem Ausgesetztsein dieser Musik droht nämlich, dass ihnen eine Jeansjacke wächst, die operativ entfernt werden müsste.

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Foto: Özlem Yavuz

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