KAUFMANN FRUST, EAU ROUGE, 03.06.2015, Stadtstrand, Esslingen

KAUFMANN FRUST, EAU ROUGE, 03.06.2015, Stadtstrand, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Die Young River Concerts sind eine enorme Bereicherung für die pop­musikalische Vielfalt im Stuttgarter Großraum. Das wurde allenthalben betont und darf hier noch einmal festgehalten werden. Das engagierte Team um den umtriebigen Luca Gillian beschert dem Kulturzentrum Dieselstraße in Esslingen seit dem ersten Young River Festival vor etwa einem Jahr eine wohltuende Frischzellenkur. Konzerte mit Motorama, Solander oder Lebanon Hanover sprechen Bände.

KAUFMANN FRUST, EAU ROUGE, 03.06.2015, Stadtstrand, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Nun geht man den nächsten Schritt: Nach draußen vor die Tür in den Abendsonnenschein und veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Stadtstrand Esslingen an eben diesem ein Open-Air-Konzert mit Indie-Bands aus der nahen Landeshauptstadt bei obendrein freiem Eintritt. Die deutschsprachige Post-Punk-Gruppe Kaufmann Frust mit dezenten Noise-Rock-Anleihen eröffnet, danach steht Eau Rouge auf dem Programm – mit Dreitagebärten, Sonnenbrillen und auf der Bühne aufgehängten Tank Tops mit aufgedruckten Bandschriftzug.

KAUFMANN FRUST, EAU ROUGE, 03.06.2015, Stadtstrand, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Das Gelände unweit des lokalen Bahnhofs füllt sich mit Freunden der Band und allerlei hippen Gestalten, die man auf gewöhnlichen Young River Konzerten noch nicht gesehen hat. Man flaniert in der Sonne, steht lange für sein Bier an, prostet sich zu, lehnt sich an ein ultraurbanes Autowrack oder spielt Volleyball. Während in der Metropole ein wenig den Neckar hinab der Kirchentag tobt, geht es hier entspannter zu. „Playa de Gewerbegebietsbrache“ kommentiert der geschätzte Kollege L. ein Facebook-Bild der Location gewohnt lakonisch – und gewohnt treffend. Jan-Georg von der Stuttgarter Zeitung hebt ergänzend den urbanen Charakter hervor.

KAUFMANN FRUST, EAU ROUGE, 03.06.2015, Stadtstrand, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Ja, das Umland weiß zu beeindrucken. Dann beginnen Kaufmann Frust ihr Set in einem geöffneten Container, eingerichtet wie ein bürgerliches Wohnzimmer der deutschen Provinz mit Hirschgeweih und Ölschinken an der Wand. „Ist das schon der nächste Trend“, fragt der Kölner Musikjournalisten-Guru Linus Volkmann, der im Musikexpress jüngst Stuttgart als das neue Seattle ausrief, unter dem gleichen Bild, „Kartons statt Waggons“?

KAUFMANN FRUST, EAU ROUGE, 03.06.2015, Stadtstrand, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Kaufmann Frust klingen dann tatsächlich auch ein wenig nach den Waggons am Nordbahnhof und zeigen in einer halben Stunde, dass sie so etwas wie der poppige kleine Bruder der großartigen Die Nerven sind. Das Quartett in klassischer Rockband-Konstellation spielt eine gute halbe Stunde Songs zwischen Post-Punk, Indie-Pop und Noise-Rock, die obschon noch nicht vollends ausgereift, doch in sich stimmig sind. Allen voran begeistern „Felsenkeller“ sowie „Schweigeminuten“, die Songs der durchaus vielversprechenden Debüt-7-Inch „Hinter all diesen Fenstern“. Ein weiterer Höhepunkt des kurzweiligen Auftritts ist „Angst“, ein Stück, das nicht nur heißt wie ein Die-Nerven-Song, sondern auch ähnlich überzeugt – genau wie der Gesamteindruck der Gruppe Kaufmann Frust. Der macht nämlich wahrlich Lust auf mehr, was im Kontrast mit der im Anschluss – quasi als Headliner – auftretenden Band Eau Rouge nur umso deutlicher wird.

KAUFMANN FRUST, EAU ROUGE, 03.06.2015, Stadtstrand, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Die vom Popbüro geförderte dreiköpfige Band beschreibt ihren Stil selbst als „Indie-Electronica-Noise“ und liegt vor allem mit letzterem weit von der Realität entfernt. Jonas Teryuco (Bass, Gitarre, Synthies, Gesang), Bo Zillmann (Gitarre, Synthies, Gesang) und Magnus Frey (Schlagzeug) erscheinen mit einem dichten Indiesound und dabei so professionell wie austauschbar. Die Musik erinnert in starken Momenten an die Editors, nur um dann wiederum von übertriebenen Gesten à la 30 Seconds to Mars gebremst zu werden. Dem Großteil der Zuhörerschaft gefällt die Show mit Songs mit solch vielsagenden Titeln wie „Golden Nights“ oder „The Burden of Beauty“ derweil ausgesprochen gut. Ich für meinen Teil wünsche mir zwischen all den Indie- und Electronica-Versatzstücken ein wenig mehr Noise oder zumindest Eigenständigkeit der Band mit dem wohl Motorsport affinen Namen statt Band-Tank-Tops auf der Bühne. Nach einigen Zugaben endet der Abend mit einem Punktsieg für Kaufmann Frust. Der Karriere von Eau Rouge steht nichtsdestoweniger schwerlich etwas im Weg. Das Booking übernimmt längst die Agentur des ausgezeichneten Grand Hotel van Cleefs, wichtige Festivals wie das Maifeld Derby in Mannheim wurden bespielt, Songs liefen bei Radio Energy, die Videos sind höchst ästhetisch in Szene gesetzt und die hippen Jungs sowieso die mustergültige Projektionsfläche für ebenso hippe Indiemädchen.

KAUFMANN FRUST, EAU ROUGE, 03.06.2015, Stadtstrand, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Mag auch mein persönlicher Geschmack heute Abend nur teilweise getroffen worden sein, bleibt noch Zeit, um einmal mehr an Linus Volkmann anzuknüpfen: Konzerte im „Karton“ am Esslinger Stadtstrand können gut und gerne zum neuen Trend werden. Beim für gewöhnlich hochwertigen Young River Concerts-Booking muss man sich um das passende Programm nämlich keinerlei Sorgen machen.

KAUFMANN FRUST, EAU ROUGE, 03.06.2015, Stadtstrand, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Eau Rouge

Kaufmann Frust

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