EASY OCTOBER, 02.06.2015, Wohnzimmer, Stuttgart

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Foto: David Oechsle

Man kann’s ja mal versuchen, so als Infedel. Und zwar zu Fuß und mit nüchternem Magen zum Rohrschen Wohnzimmer zu gelangen. Meine Hoffnung: Dem Himmel so nah, so hoch über dem Talkessel, und vor Erschöpfung gepeinigt, nach gefühlten 666 Stäffelestreppen, zu irgendeiner Art religiösem Erweckungserlebnis zu gelangen. Zumindest eine Marienerscheinung wäre schön, schließlich tobt ja gerade der Kirchentag in Stuttgart, und man will nicht nur außenvor stehen. Wobei, Marien, das ist glaub wieder der andere Verein. Ach, der Reliunterricht liegt schon so lange zurück, man weiß so wenig. Am Ziel angelangt die Erkenntnis: Außer nassen Achselhöhlen und Durst nix zu holen in Sachen Spiritualität. Aber zwei schwedische Musiker erwarten uns, das muss reichen.

Easy October ist Kristoffer Hedberg, der heute von seinem Landsmann Per „Flamman“ Westling unterstützt wird. Nach dem wie üblich exzellenten Gäste-Catering der Gastgeber, anregenden Gespräche über kommende und vergangene Konzerte, und einem neidischen Blick auf das The Caper T-Shirt Jürgens, geht es um halb neun circa los. Der Sommerabendhimmel leuchtet noch azurblau hinter Per Westling, der einen 30 minütigen Soloauftakt zum Besten geben wird.

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Foto: David Oechsle

Flamman nennt er sich, ob Spitzname oder musikalisches Pseudonym weiß ich nicht, und weiß vorzüglichst Gitarre zu spielen. Ben Shadow möge mir das verzeihen, aber bisher ist das gitarrentechnisch das Hochwertigste was ich bisher auf einem Wohnzimmerkonzert geboten bekommen habe. Die Gitarre klingt hervorragend, einerseits das Holz, andererseits aber auch die Hände. Mit einer Wahnsinnspräzision bespielt der Mann fehlerfrei das Instrument, dass es nur so eine Freude ist. Beschde!

Dazu gibt es sehr abwechslungsreichen „Americana“ Sound. Mit Joe gehe ich konform, dass der Genre-Begriff wenig bis nix aussagt, aber so als Überbegriff für Musik, die sehr amerikanisch klingt, aber weder reiner Country, noch Folk, noch Soft Rock ist, dann doch wieder ganz brauchbar geeignet. Die Akkorde folgen nicht schon tausendmal gehörten, vorhersehbaren Schemata. Der Gesang ist angenehm unauffällig, bestens intoniert, und die Songs variieren von balladesk bis uptempo. Flamman aus Stockholm/Tennessee kann eindeutig was.

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Foto: David Oechsle

Mir macht die Musik bestens Laune, trotz eines sehr berührenden, autobiografischen Songs über einen „Stroke“, den er vor paar Jahren erlitten hat. Aber ihm scheint es jetzt ja bestens zu gehen, zumindest wenn man ein fabelhaftes Solo als Anhaltspunkt nimmt, das er am Ende des Sets auf einer halbakustischen Gitarre zum Besten gibt. Kein Genre eigentlich zu dem ich eine große Affinität hätte, aber der Abwechslungsreichtum des Repertoires, und das nuancenreiche, saubere Gitarrenspiel gefallen mir dann letztendlich doch sehr.

Einige der Zuschauer haben „Easy October“ vor kurzem erst beim Orange Blossom Festival gesehen, mir sagt der Name jetzt nix, aber kein Wunder, die Singer-/Songwriter Folk-Ecke ist jetzt auch nicht der Platz auf dem Musikpausenhof, auf dem ich rumlunger. Kristoffer bestreitet die ersten vier Lieder solo, weil  auch er zeigen wolle, dass er in der Lage sei so etwas wie Per zu machen. Sehr sympathischer Kerl, wie seinen vielen launigen Ansagen zeigen werden.

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Foto: David Oechsle

Musikalisch ist das allerdings weit weniger mein Geschmack als die Musik von Flamman. Das ist eher so die Art von modernem, balladeskem Songwriter-Folk, der mir zu glatt und vorhersehbar ist. Überaus kompetent gespielt und vor allem gesungen, keine Frage. Seine Stimme hat von leise bis laut eine Menge Facetten drauf, und auch die Songs sind handwerklich einwandfrei. Aber sehnsüchtige Musik, die meist über einfache Dur-Akkord-Turnarounds funktioniert, will bei mir nicht die rechte emotionale Anteilnahme entfachen.

Der Himmel dämmert mittlerweile schon in ein Dunkelblau hinüber, die Xavier Naidoo Gedächtnis-Chemtrails leuchten märchenhaft, und als sich Per mit einer zweiten Gitarre und zweiten Stimme hinzugesellt, fängt es auch an mir besser zu gefallen. Wenn schon nicht die Art der Songs zu mir spricht, so gewinnt sie jetzt doch mit dem zweiten Mann an Farben und Harmonien. In den besten Momenten, einem Song, der mit „this is your only chance to dance“ angesagt wird, erinnert es mich etwas an die unkantigen, nicht latinoamerikanischen Songs von Calexico.

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Foto: David Oechsle

Bis um halb elf bekommen wir mit und ohne Mundharmonika diverse in Graz geschriebene und auf schottischen Inseln aufgenommene pro- und kontra Sonnenschein-Songs geboten, Zugabe inklusive. Und das Schöne ist, dass bei solchen Gastgebern, Zuschauern und Musikern, selbst Abende, die für einen nicht die ultimative Erfüllung des persönlichen, musikalischen Geschmacks darstellen, immer noch wunderbare Ereignisse sind.

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