THE VICKERS, 11.05.2015, Pausenhof, Tübingen

The Vickers

Foto: Michael Haußmann

Zurückversetzt fühlen wir uns heute Abend irgendwie. Da ist zu einem der „Pausenhof“, dessen äußere Fachwerk- und innere Kneipenarchitektur an bestimmte Jugendtreffs von früher auf dem Land erinnert. So Orte, an denen sich die grobschlächtigen Dorfsäufer aufhielten, die dann aber später von jüngeren Leuten übernommen wurden, und meist einen Alternative-Rock-Touch erhielten, und wo man als Jugendlicher abhängen konnte, ohne in die Stadt fahren zu müssen. Da ist zum anderem aber auch die Musik von The Vickers, die einen ins England der End 60er zurückbeamt. Zeitreisen, was soll man auch sonst an einem Montagabend anfangen?

Im hübschen, kleinen Biergarten des Pausenhofs kann man sich mit ansprechend zubereitetem Nudelsalat aus Einmachgläsern stärken, oder auch mit schwäbischen Brot samt Oliven. Wenn man will, kann man sich hier schon krampfhaft an der ersten Metapher für das Konzert der aus Florenz stammenden The Vickers auf schwäbischen Boden versuchen. Von Neo-Tübingerin Ahlie erfahren wir noch, dass unter den Vorbesitzern es sonntags Nachmittag immer eine Kinder-Disco gab, bei welcher die DJs den Nachwuchs mit „Biene Maja“ und solchen Hits beschallten. Hat also schon eine längere Historie was Musikentertainment angeht der Laden.

Gegen 21 Uhr flirren die ersten Soundfetzen der Toskaner aus der Kneipe heraus. Auf einer recht beengten Bühne, direkt neben dem Eingang platziert, beginnt das Quartett sein Konzert. Fotomann Micha bemerkt, dass das eines der wenigen Konzerte sei, bei dem das Publikum besser beleuchtet sei als die Musiker. Ok, ein klassischer Konzertraum ist das nicht. Die Leute, die zur Theke und dann wieder hinaus wollen, queren zwangsläufig die Blickrichtung der Konzertzuschauer. Der Eintritt ist ja auch frei. Und doch entwickelt sich ein ganz erstaunliches Konzert.

The Vickers

Foto: Michael Haußmann

Der Sound ist überraschend gut. Man hört alles gut ausgesteuert, und es hat die richtige Lautstärke. So kann man das erste, lange Instrumental goutieren, das trotz allem Psychedelic-Retrohauch modernere Facetten, wie an Tame Impala erinnernde Akkordsounds aufweist. Geprägt wird die Bühnenpräsenz vor allem von Sänger und Gitarrist Andrea, der vom Baumlängen-Dings her ein wenig wie der italienische Frank Spilker rüberkommt. Aber singen tut er ganz anders, nämlich mit einer klaren Stimme, und zwar ganz prächtige Melodien, die bestens mit den meist simplen, immer wieder mit überraschenden atonalen Sprüngen aufwartenden Akkorden harmonieren. So eine Syd Barrett-Graham Coxon Sache. Ein Dur-Akkord, wenn die Harmonielehre eigentlich ein Moll vorgäbe, ein Halbtonsprung, wenn man eigentlichen einen Ganzen erwarten würde. Das klingt wunderbar nach klassischem Brit-Psyche der schwingenden Sechziger.

The Vickers

Foto: Michael Haußmann

Aber die Musik von The Vickers besteht nicht nur aus einer gelungenen Reproduktion eines bestimmten, klassischen Sounds. Die Songs sind wirklich sehr stark. Die Melodien sind top und haben trotz aller eindeutigen Soundreferenzen immer Überraschungen und unerwartete Wendungen parat, ebenso die Akkorde und die Rhythmik. Letztere wird geprägt durch den sehr stark die Harmonien und Melodien prägenden Bass (ähnlich wie bei Jamhed), und durch die unbändige Trommelwirbelei von Marco. Sein Spiel erinnert mich ein wenig an das von Mitch Mitchell, auch so ein Kollege, der keine zwei Sekunden ohne wirbelnde Fill Ins auskam. Ein Element bei The Vickers, das die Liveperformance für uns Zuschauer in Begeisterungssphären hievt.

The Vickers

Foto: Michael Haußmann

Zwischendurch darf auch Bassist Federico ein Stück singen, welches vom Rhythmusgitarrenspiel etwas Post-Punkiges hat. Nach dem dritten Song fangen übrigens die ersten Leute schon an zu tanzen, trotz ungewohnter Atmosphäre und einer überschauberen Zuschauerzahl von ca. 25 Leuten. Man möchte sich gar nicht erst vorstellen wie super die Band in einem passenden Club mit passenden Visuals funktionieren würde. Die Gitarreneffekte vom zweiten Gitarristen Francesco mit Tremolo, Hall und was weiß ich noch, sind nie reiner Selbstzweck, sondern Baustein dieses begeisternden Konzerts. Es gibt Parts, die für Liebhaber krautrockiger Elemente wie geschaffen sind, und andere, melodiösere Stellen, die auch Fans von Bands wie Temples begeistern könnte, wie Jens bemerkt.

Nach einer Stunde ist das Konzert mit dem Hit „She’s Lost“ Punkt 22 Uhr beendet, wir sind ja in einem Wohngebiet hier. 60 Minuten grenzenlose Energie, feinster Psychedelicrock oder Retropop, ein begeisternder Sonic Monday, wie ich ihn weder erwartet, noch jemals erlebt hatte. Und nachdem die Band jetzt schon zweimal in Tübingen war, und einmal sogar in Heilbronn, muss jetzt Stuttgart fällig sein. Hallo Promoter, ist da jemand?

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