LOCAS IN LOVE, GOLD, 17.04.2015, Second Hand Records, Stuttgart

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Foto: Markus Milcke

Es ist doch immer wieder interessant, wie unterschiedlich die musikalischen Geschmäcker selbst im liebgewonnenen bekanntschaftlichen Nahraum sind. Haufenweise Überschneidungen zum Trotz gibt es regelmäßig Fälle, in denen der Begleiterinnen- und Begleiterkreis Musik und Bands ganz anders wahrnimmt als man selbst. So stellt sich das auch am Ende des heutigen mehrteiligen Konzertabends heraus, an dem sich die persönlichen Vorlieben am Ende in gleichen Teilen auf sämtliche gesehenen Bands verteilen. Auf dem Programm heute die Gruppe Gold aus Brooklyn/New York und Locas In Love aus Köln, die gemeinsam einen Instore-Gig im Plattenladen Second Hand Records spielen, sowie Stuttgart’s own Torben Denver Band in der Rakete im Stuttgarter Süden.

Erste Station Second Hand Records: Etwa dreißig Zuschauerinnen und Zuschauer haben sich im verwinkelten Plattenladen eingefunden, vor Konzertbeginn gibt es noch Shopping-Möglichkeiten und so ist es schwer zu sagen, wer tatsächlich wegen der Bands da ist und wer beim Plattenkauf vom optionalen Zusatzprogramm überrascht wird. Das Publikum setzt sich hauptsächlich aus den üblichen studentischen bis mittelalten Musikliebhaberinnen und -liebhabern zusammen, Kinder und Fans der Generation Silver Surfer werden ebenfalls gesichtet. In der Sixties-Ecke finden wir einen Platz, von dem aus wir den optimalen Überblick haben. Die großartige Begleiterin K. sieht sowieso immer aus wie einem Sechziger-Jahre-Albumcover entstiegen und ich kann ein Multifunktions-Faxgerät als Stehtisch für Notizen und als Bierabstellfläche nutzen.

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Foto: Markus Milcke

Erste Band des Abends sind Gold aus Brooklyn, vier Frauen, die in der etwas ungewöhnlichen Besetzung Schlagzeug, Bass & Gesang, Gesang und noch mal Gesang auftreten. Gespielt werden ein knappes halbes Dutzend Songs, die sich genremäßig im Bereich 60s-Beat trifft Riot Girl verorten lassen, ergänzt durch Choreo, Handclaps und Katzenmiauen (Selbstbeschreibung auf der Facebook-Seite „soulful art punk rock“, kommt hin). Eine Stimmpause nach dem dritten Stück wird genutzt, um sich bei den Gastgebern des Abends zu bedanken: „A nice way to start the tour, a very awesome place. This kind of record store is rare where we come from”. Angesichts der Tatsache, dass die Gruppe im doch als recht hip geltenden Brooklyn zuhause ist, ein möglicherweise noch netteres Kompliment als sowieso schon.

Nach dem Ende des knapp halbstündigen Auftritts geht es nahtlos weiter mit Locas In Love aus Köln. Ich kannte die Gruppe bisher nur oberflächlich, hatte sie aber immer auf der (langen) Liste von grundsätzlich interessant klingenden Bands, mit denen man sich bei Gelegenheit näher befassen möchte. Der Instore-Gig als räumlich und zeitlich übersichtliches Format ist dafür ja wohl der perfekte Rahmen.

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Foto: Markus Milcke

Sänger Björn stellt sich und die anderen drei Bandmitglieder kurz mit Vornamen vor und wünscht sich etwas weniger Licht, dann geht’s los mit einem noisigen Instrumental-Intro. Erstes richtiges Stück ist dann „Blackbox“ vom aktuellen Album „Use Your Illusion 3 &4“, auf dem sich fast atemlose, sprechgesangartige Strophen mit einem sparsam instrumentierten, ruhigen Refrain abwechseln („Das ist grade jetzt, das passiert in echt“), das ganze ausdrucksstark und gesternreich dargeboten. Das zweite Stück ist „Zum Beispiel ein Unfall“ mit sehr eingängiger Akkordfolge, gesungen von Bassistin Stefanie. Für das dritte Stück („Neue Sachen“) begibt sich Sänger Björn ein paar Schritte ins Publikum und singt ein Teil des Songs souverän ohne Mikrofon. Der Text dreht sich für meinen Geschmack etwas zu unsubtil um die eigenen Befindlichkeiten („überhaupt sind ziemlich viele jetzt Lehrer“/“es ist immer ziemlich gut und immer ziemlich ähnlich“), vielleicht fühle ich mich aber auch einfach nur ertappt, woher weiß der denn die ganzen Sachen über mein Leben? In einer immer weiter ausholenden Ansage erzählt Björn, der ursprünglich aus der Gegend kommt, dass er immer gerne bei Second Hand Records vorbeischaue und schon drei Ortswechsel mitgemacht habe (der Laden ist ja mehrfach umgezogen). Außerdem begrüßt er seine Eltern, die zum Gig vorbeigekommen sind und erklärt, dass sein Vater sich ein Lied gewünscht habe, dass er aber jetzt lieber nicht spielen will, dafür eines, das so ähnlich sei, nämlich „Monkey“. Es folgen außerdem die Songs „Sachen“ sowie „Da ist ein Licht“ und „Teenager“ vom aktuellen Album, außerdem „An den Falschen Orten“, erneut gesungen von Bassistin Stefanie und als Zugabe auf Publikumswunsch das Stück „Manifest“, bei dem sich Frontperson Björn noch einmal ins Publikum begibt.

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Foto: Markus Milcke

Vom Songwriting und Sound her sind die Stücke alle relativ ähnlich: Simple, aber gut ins Ohr gehende Akkorde, schöner Gesang, sloganartige deutsche Texte, gerne aus der vertrauensbildenden Ich/Du/Wir-Perspektive.

Mein Favorit des Abends sind Locas In Love trotz ansprechender Performance damit nicht geworden. Interessant aber, dass die anderen Zuhörerinnen und Zuhörer aus unserer Gruppe wahlweise Gold zu den Spitzenreitern des Abends erklärten (zwei Befürworter/innen, wegen Minimalismus und Harmoniegesang) bzw. Locas In Love (ein Befürworter wegen großartig). Müsste ich mich entscheiden, wäre ich heute Team Torben Denver (Live Review von Soft-Rock-Connaisseur Lino an anderer Stelle im Blog). Da Kunst aber glücklicherweise keine Competition ist, freue ich mich über einen gelungenen, abwechslungsreichen Abend mit sehr unterschiedlichen Bands und einen Freundeskreis mit Geschmack, je vielfältiger, umso besser.

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Foto: Markus Milcke

Gold

Locas In Love

Ein Gedanke zu „LOCAS IN LOVE, GOLD, 17.04.2015, Second Hand Records, Stuttgart

  • 20. April 2015 um 16:51
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    Ausgezeichnet mal wieder, werte Madame Psychosis und was Begleiterin K. angeht, kann ich – selbstredend – nur beipflichten.

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