BE FOREST, NÏER, 15.04.2015, Dieselstraße, Esslingen

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Foto: Özlem Yavuz

Der erste laue, vorsommerliche Abend des Jahres. Fußball (ein unbedeutender Club spielt irgendwo gegen irgendwen), unvermeidlicher Start der unvermeidlichen Grillsaison, am Palast rumhocken bzw. sich in eine endlose Bierschlange einreihen – das Unterhaltungsangebot also vergleichsweise breit.
Dennoch finden sich ca. 35 Leute in der Esslinger Dieselstraße ein, um lieber einen Gig der Reihe „Young River Concerts“ zu sehen. Recht haben sie, und so stellen sich auch hier draußen, inmitten von Abwrackunternehmen für Hausrat und Kraftfahrzeuge, beim ersten Radler der Saison Frühlingsgefühle (unterstützt durch Vogelgezwitscher auf der Toilette) und musikalische Vorfreude ein. Kurz vor knapp trifft die Hauptband schließlich ein und dann kann es auch schon losgehen.

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Foto: Özlem Yavuz

Nïer, alias Nikolai Alber: Eine Einmann-Kombo aus Berlin mit schwäbischen Wurzeln. Das Publikum lauscht angenehm still seinen Liedern, die teils verträumt, teils melancholisch sind und die mit einer erstaunlichen Fülle von Klängen ankommen: Neben der obligatorischen Gitarre sind noch ein Synthesizer und eine Beatmaschine dabei. Zur Sicherheit wird noch das ebenfalls verwendete Loopsystem erklärt. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass eine Person all diese Klänge ohne diese technische Trickkiste zaubern könnte.

Sehr sympathisch ist nicht nur der leicht schottisch anmutende Akzent des Sängers, sondern auch dessen erkennbare Aufgeregtheit. Man spürt, hier ist jemand mit Herzblut bei der Sache und verpackt sehr Persönliches in seiner Musik. Diese ist ganz vielfältig und in keine Kategorie zu pressen: Elektronisches wechselt sich ab mit Akustischem, sphärische Klänge einer hohen Gitarre mit einem prominenten Bass – durchaus beeindruckend, was ein einziger Mann mit seinen Maschinchen da so zaubert.

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Teilweise scheint es, als ob diese Technik sehr viel Koordination erfordert und eben darum Aufmerksamkeit vom eigentlichen Spiel abzieht. Sicherlich haben Menschen gegenüber Pedalen den großen Nachteil, dass sie eher selten darauf stehen, getreten zu werden. Jedoch würden ein leibhaftger Bassist und Schlagzeuger u. U. ermöglichen, noch mehr Fokus auf die Darbietung der sehr schönen Melodien, Gesangsparts und Gitarrenarrangements zu legen.

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Foto: Özlem Yavuz

Bei „Be Forest“ mutet die Bühne reduziert, ja beinah spartanisch an. Zwei große Trommeln und ein wenig Blech, Gitarre, Bass – mehr braucht es nicht für das junge Trio aus Italien. Beim Spielen eher seitlich zueinander orientiert, ist gut vorstellbar, dass dies so oder so ähnlich auch im heimischen Proberaum in Pesaro ausschaut. Die Band breitet über uns einen eher dunklen aber nicht düsteren Klangteppich aus. Sphärische Gitarrenparts werden ergänzt vom Gesang der Bassistin, der eher einem Hauchen gleicht. Prompt muss ich von der elfenhaften Isobel Campbell träumen. Die Schlagzeugerin drischt mit geschlossenen Augen punktgenau auf die beiden Trommeln ein, der Gitarrist spielt eine wunderbare Janglegitarre und der wavige Bassbeat gibt dem Ganzen einen guten Kontrapunkt. Alles noch mit etwas Hall unterlegt und fertig ist ein Sound, bei dem Shoegazer-Herzen aufgehen.

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Foto: Özlem Yavuz

Obwohl die Publikumsansprache äußerst reduziert ist, kann dennoch ein entzückender italienischer Akzent herausgehört werden. Sexy, feenhaft, ernst und kunstvoll sind Adjektive, die mir dazu einfallen. Musikalische Reminiszenzen, die auftauchen sind The XX, The Pains of Being Pure at Heart und (zumindest für mich) auch Wild Nothing.

Nach einer knappen Stunde entlassen uns Be Forest aus ihrem schattigen Feenwald wieder in die verhältnismäßig laue Realität des Esslinger Industriegebiets.

Nïer

Be Forest

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