ABWÄRTS, 15.04.2015, Schocken, Stuttgart

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Foto: X-tof Hoyer

Die 1979 gegründete Gruppe Abwärts besitzt längst Legendenstatus und ist ohne Zweifel neben Fehlfarben eine der wichtigsten noch aktiven Formationen ihrer Zeit. Bereits Ende der 80er stellte der Musikexpress die Band als „eine der Speerspitzen deutschsprachiger Punk-Musik der differenzierteren Art“ heraus. Das ist in Anbetracht des einflussreichen, bei Alfred Hilsbergs Label ZickZack erschienen Debütalbums „Amok-Koma“ und der dem Langspieler vorhergehenden „Computerstaat“-EP nur folgerichtig.

Für Frontmann und Mastermind Frank Z (Ziegert), einziges beständiges Abwärts-Mitglied, sind die damit verbundenen Erwartungen nichtsdestotrotz eher Fluch als Segen. So konstatierte der Endfünfziger jüngst in einem Promointerview zur Veröffentlichung der aktuellen Platte mit dem zunächst überraschenden Titel „Krautrock“ vehement: „[W]enn du als Künstler nichts zu sagen hast, dann lässt man es lieber. Unterm Diktat dieses zwanghaften Zyklus Platte-Tour-Platte-Tour wird man am Ende bloß kommerziell, nicht kreativ.“ Die Lösung, wie man die Kreativität und den eigenen Anspruch dennoch bewahren kann, liefert er im gleichen Atemzug. Denn „[d]eshalb habe ich auch längst aufgehört, die Band auch als solche zu bezeichnen, sondern eher als Kunstprojekt mit wechselnder Besetzung.“ Zur wechselnden Besetzung zählt seit 2004 auch Rodrigo „Rod“ González, seines Zeichens Bassist der Ärzte – und so umtriebig wie stilvoll in seinem Soloschaffen; man denke nur an die wunderbaren ¡Más Shake!.

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Foto: X-tof Hoyer

„The Rod“, wie es in Anlehnung an den The-Who-Schriftzug auf seiner Gitarre steht, bewegte Ziegert einst, seine Band neu zu formieren und fungiert auch immer wieder als Produzent. Dass in der Folge auch Bruchteile der gigantischen Anhängerschaft auf den Konzerten auftaucht, ist sicherlich ein nicht unangenehmer Nebeneffekt – vor allem hinsichtlich des kommerziellen Erfolgs einer Tour.

Auch im Stuttgarter Club Schocken sieht man das ein oder andere Fangirl der Berliner Fun-Punk-Institution, der es immer wieder aufs Neue gelingt Teenager zu faszinieren, die ihnen später den Rücken zukehren. Der gar nicht so kleine Anteil, der der Band jahrzehntelange Treue hält, geht selbstverständlich auch zu Abwärts, auch wenn Frank Zs musikalisch wie lyrisches Konzept in eine ganz andere Richtung geht. Abwärts waren immer schon düsterer als der gemeine Deutschpunk. Gen Industrial tendierende Songs und Alben mit zynischen Texten verdeutlichen das am Besten. Weiter belegt wird diese Annahme durch den Wechsel von Gründungsmitgliedern zu den Einstürzenden Neubauten.

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Foto: X-tof Hoyer

Nachdem die Marbacher Punk-Urgesteine Die Siffer knapp 40 Minuten dilettantische Nummern inklusive ihres Klassikers „Nazis ham ne Scheißfrisur“ auf der Bühne an einander reihen, betreten Frank Z, Rod sowie Schlagzeuger Martin „Dog“ Kessler und Bassist Björn Werra nach einem von Z gesprochenen Gedicht-Intro die Bühne. Traditionell ganz in schwarz gekleidet, betont das gewählte Outfit den minimalistischen Sound.

Das bitterböse „Hollywood“ und wütend vorgetragene Verse gibt es zur Eröffnung. Frank Z hat den ihm eigenen rauen Sprechgesang längst als blendendes Stilmittel erkannt, das die schleppende hardrockige Eröffnung ergänzt. „Ich seh die Schiffe den Fluss herunter fahren“ vom beliebten gleichnamigen Album ist daran anschließend schon ein erstes Highlight. Während Frank Z die Ansagen unverständlich nuschelt, ist seine mitunter zornige Intonation, mit Ausnahme einer Reihe belangloser stumpfer Hardrocknummern, eine wahre Freude. Rod nutzt derweil seine zahlreichen Effekte und singt munter mit.

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Foto: X-tof Hoyer

Ziegert, der immer schon die politische Entwicklungen kritisch beobachtet, garniert seine Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung „Sonderzug zur Endstation“ mit einem sarkastischen Lächeln um die Lippen. Überhaupt sind die stoischen Politpunknummern seine stärksten. War mein bisher einziges Abwärts-Konzert im Oktober 2009 im Frankfurter Nachtleben geprägt von Stücken im Zeichen der Wirtschaftskrise und einer EP zur Abwrackprämie sind heute Songs wie „Europa“ der passende Anschluss daran. Die Zeiten werden nicht ruhiger. Umso bedrohlicher gerät entsprechend die Performance mit klar artikulierter Kriegs-, Nationalismuskritik und genuschelten Worten gegen Pegida. „Hallo, ich heiße Adolf“, „Grab dich selber ein“ und natürlich „Zonenzombie“ werden demgemäß gefeiert.

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Foto: X-tof Hoyer

Nach anfänglicher Zurückhaltung wird bei den drei Zugabeblöcken die nostalgische Punk-Pogo-Party reanimiert und mit obligatorischen Crowdpleasern befeuert. „Terror-Beat“ und der Übersong „Computerstaat“, den der hiesige Rolling Stone aus gutem Grund unter die „111 besten deutschen Songs“ kürte, sind die zu erwartenden Highlights. Nach nicht abebbenden Applaus spielt man noch schnell den Bandklassiker „Beim ersten Mal tut’s immer weh“ und beendet nach über eineinhalb Stunden eines von gerade einmal einer guten Handvoll Konzerte, die Frank Ziegerts selbsternanntes kreatives Projekt in der Regel jährlich spielt.

Auch wenn doch Einiges eher nach stumpfen deutschen Hardrock klingt, bleibt glücklicherweise die Güte der früheren Hits bestehen; und selbstredend auch die beruhigende Tatsache, dass Ziegert noch immer eine Menge zu sagen hat.

Die Siffer

Abwärts

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