VON SPAR, MARKER STARLING, 09.04.2015, Manufaktur, Schorndorf

Von Spar

Foto: Steve Sonntag

„Der Anfang klingt ja wie The Alan Parsons Project.“ Lino zieht bei der stimmungsvollen, instrumentalen Eröffnung von Von Spar Vergleiche, die ein wenig überraschen mögen, sofern man bei der Gruppe zunächst an den elektronischen Krautrock denkt, den man von früheren Alben der Kritikerlieblinge gewohnt ist. Das vorzügliche Album „Streetlife“, erschienen im letzten Oktober, eröffnet neue Wege; durchaus poppig mit erstklassigen Gastvokalisten. In der Folge ist es die Vielseitigkeit des Kölner Quartetts, die beim Auftritt in der Schorndorfer Manufaktur besonders beeindruckt.

Marker Starling

Foto: Steve Sonntag

Schon die Wahl des Support Acts unterstreicht diesen Eindruck. Der Kanadier Chris Cummings (bekannt auch durch sein Projekt Mantler) tritt unter dem Bühnenalias Marker Starling auf – und brilliert. Der optisch an eine Mischung aus dem jüngeren Salman Rushdie und dem mittelalten Dr. John erinnernde Musiker aus Toronto hat mehrere Lieder auf „Streetlife“ eingesungen und spielt solo noch harmonieseligeren Pop mit Keyboard und ansehnlicher Roland Drum Machine. Sein Gesang ist zurückhaltend und einnehmend gleichermaßen. „Painful Spring“ vom durch und durch überzeugenden im März erschienen heimlichen Meisterwerk „Rosy Maze“ ist als Einstieg wunderbar, kommen doch bereits hier die verschiedenen Facetten zum Vorschein, die seine Songs und deren Performance auszeichnen. Während draußen die Temperaturen langsam steigen und die Natur blühende Knospen treibt, passen Zeilen, die aus Sicht des Winters die subjektiv-existentiellen Schattenseiten des Frühlings beschreiben, ausgezeichnet. Überhaupt tut sich Cummings als begnadeter Texter hervor. Da erscheint das gelungene Cover von John Cales „Amsterdam“ nicht unangebracht. Derweil erinnert der Gesang und die Art Songwriting an die Solokataloge der einstigen Soft-Machine-Helden Robert Wyatt und vor allem Kevin Ayers. Darüber hinaus lässt die Intonation des Musikers mit Fliege und im schwarzen Jackett mit Reißverschluss Assoziationen zu zeitgenössischen Künstlern wie Damon Albarn oder Gruff Rhys zu, während über allem Brian Wilsons Beach-Boys-Ideal schwebt. Ganz wundervoller Pop im wilson’schen Sinne ist auch „Bright As Day“ über seine Tochter. „Searching For a Song“ ist sonnendurchfluteter West Coast Pop von geradezu David Lindley’scher Ausrichtung.

Für drei Songs bittet er Von Spar auf die Bühne. „The guys“ verleihen „I Gurantee You a Good Time“, „Uphill Battle“ sowie das mit tollen Breaks versehene „Husbands“ eine zusätzliche Tiefe. Die 70 Zuschauer sind begeistert, Cummings zieht mit spitzbübischen Schmunzeln die Fliege aus und beendet seinen fantastischen Auftritt nach etwas über 40 Minuten solo.
Nach wenigen Minuten Unterbrechung betreten „die Kraut Beaus“ – so die geschätzte Kollegin und heutige Fahrerin (Merci!) Madame Psychosis – bzw. „the guys“ (Chris Cummings) die Bühne und eröffnen mit erwähntem Instrumental. Zu genannter Alan Parsons Assoziation gesellen sich die üblichen Verdachtsmomente: Vocoder-Gesang wie bei Kraftwerk, Kreidler und elektronisches Gitarrengefrickel á la The Notwist.

War „Streetlife“ zurecht in den Jahresbestenlisten von Auskennern wie Musikern vertreten, macht die Liveperformance besonders deutlich, warum die Stücke der Kölner so hochgeschätzt werden. Die Gruppe, die vor wenigen Jahren mit Stephen Malkmus den can’schen Kraut-Meilenstein „Ege Bamyasi“ live aufführte, zeigt ihr Können ohne ins Prätentiöse abzudriften: Die Darbietung ist hochgradig verdichtete Popmusik, dynamisch präsentiert und so anspruchsvoll wie tanzbar.

Von Spar

Foto: Steve Sonntag

Schon beim zweiten Song gibt es ein Wiedersehen mit Chris Cummings, der wie auf dem Album seine angenehme Stimme gewinnbringend einbringt. Mein Ex-Mitbewohner und Die-Nerven-Bassist Julian Knoth zählte „Chain of Command“ zu seinen Hits 2014 und auch live erfüllt es die hohen Erwartungen. Der Gesang, den die Spex im typischen Duktus als „Mischung aus Emphase und Distanz“ bezeichnete, verschmilzt mit der betörenden Instrumentierung. Die ist fast dekadent poppig mit klaren Funk- und Psych-Pop-Anleihen. Auf der Leinwand im Hintergrund tümmeln sich derweil putzige Papageitaucher. Wie in krautigen Popgefilden nicht unüblich gehören die Projektionen zur Grundausstattung. Bei Von Spar ist der Einsatz visueller Effekte angenehm dezent. In den Vordergrund rücken diese nämlich nur dann, wenn sich die Songs Richtung Ambient verschieben, weitgehend ohne Gesang auskommen und das Geschehen auf der Leinwand (gerne in 70er-80er-Homevideo-Ästhetik) einem Tangerine-Dream-Soundtrack nicht unähnlich musikalisch unterlegen.

Von Spar

Foto: Steve Sonntag

Wie auf dem Album unterstützt Cummings die Band bei vier Songs, den poppigen Stücken des Abends. Bei einer opulenten Disconummer, mit treibenden Beats und schummriger Orgel, scheint Cummings Gesang über den Dingen zu schweben, den sphärischen Klängen angemessen und im Ausdruck an das frühe Solowerk Peter Gabriels erinnernd.

Nach sechs Liedern folgt noch einmal eine eindringliche Electronummer irgendwo zwischen zeitgenössischem Krautrock und Caribou: „You Can Shake Down On My Settee Tonight“ mit seinen Blue-Monday-Basschlägen, betörender Rhythmik und noise-rockigem Ende beschließt einen großartigen Abend zweier gleichberechtigter Projekte, der spannender ausfiel, als es das Alan Parsons Project anno 2015 wohl könnte.

Ein Gedanke zu „VON SPAR, MARKER STARLING, 09.04.2015, Manufaktur, Schorndorf

  • 13. April 2015 um 19:14
    Permalink

    Der Manufaktur-Kassenmann hatte übrigens unabhängig von mir auch die Alan Parsons Assoziation.

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