CORROSION OF CONFORMITY, 16.03.2015, Universum, Stuttgart

COC

Foto: Jutta Von Teese

Pepper Keenan ist zurück. Und das ist mit das Zweitbeste, das CORROSION OF CONFORMITY passieren konnte. Noch besser wäre nur gewesen, wenn er Karl Agell auch noch mitgebracht hätte. Oder Pizza für alle. Dann hätten sie zwei bis drei Mal ihre „Blind“-Platte durchspielen können, ich hätte geschmatzt, im Akkord Unterhosen auf die Bühne geworfen und „Yiieehhaaww!“ gebrüllt. Ehrensache. „OMG!“ brüllt sich ja eher schlecht – beziehungsweise: klingt komisch.

Nicht dass, „Corrosion Of Conformity“ oder „IX“ besonders mies gewesen wären. Aber zumindest ich wollte beide Platten immer ein bisschen besser finden, als sie letztendlich waren. Jetzt, da Keenan wieder in die Startaufstellung gerutscht ist, widmen sich C.O.C. wieder ihrer stärksten Phase. Was ich der Band aus North Carolina aber zu jeder Zeit hoch anrechnen werde: Als Teenager gaben sie mir das Gefühl, dass ich mich nicht zwischen Punkrock, Hardcore und Metal entscheiden müsste. Zuzüglich super Eltern macht das eine traumhafte Jugend mit jeder Menge lauter Musik.

CORROSION OF CONFORMITY WAREN AM GLOCKENHELLEN MONTAGABEND IM UNIVERSUM AUCH ZIEMLICH LAUT. KNAPP 300 ZUSCHAUER, VORWIEGEND MÄNNER, MUSSTEN BEIM SMALLTALK ODER BEI DER BIERBESTELLUNG ZIEMLICH LAUT BRÜLLEN!

Mit „These Shrouded Temples“ und „Senor Limpio“ ging’s los. ZIEMLICH LAUT, WIE BEREITS ERWÄHNT.  „King Of The Rotten“, auch so ein feines Stück, batschte ebenfalls ziemlich spitze und  „Wiseblood“ kann man zur gelungenen Abendgestaltung natürlich auch gleich durchwinken.

Trotzdem: Im Universum hat man ja auch immer ein bisschen „Rücken“. Meistens direkt vor sich. Und das auch andere Naturgesetz bewahrheitet sich immer wieder: Profi-Basketballer  – und alle anderen die über zwei Meter groß gewachsen sind – stellen sich bei Konzerten immer direkt vor mich. Aber wenigstens wippen sie locker mit.

Das andere Naturgesetz hebeln C.O.C. allerdings sofort aus: Montag. Ich kann mich nicht erinnern, wann ein Montag das letzte Mal mehr Sinn gemacht hätte. Sonnenschein, lächelnde Menschen, keine Schießerei, kein neues Einkaufszentrum und dann sind auch noch C.O.C. in der Stadt. Ansonsten schadet es nie, mal Sibylle Berg zu fragen. Die war leider nicht da, tippte aber einst: „Es ist nicht der Montag. Es ist euer Leben.“ Morgen schreibe ich ihr zurück: „Mein Montag konnte alles.“

„Heaven’s not overflowing“  beispielsweise klingt so gut, dass man sich extra einen Bauch stehen lassen könnte. Hab’s gemacht. Echte Jungs haben schließlich Kurven. Und auch der Rest hier ist auch das Gegenteil von mager. „Seven Days“ zum Beispiel. Ein unfassbar schönes Lied, der selbstgefällige Blues von Männern, die nur Scheiße bauen, damit sie später ein Lied darüber schreiben können. „Believe In Me, Cause I Damn Sure Don’t Believe In You“. Ein Satz, der auch nach all den Jahren keinen Sinn machen will. Es sei denn, man war halt dort. Keenan war’s und er singt fantastisch. Klar, Pavarotti wird wegen ihm keine schlaflosen Nächte verbracht haben, aber der Mann kennt sich dafür mit dem Blues aus.

Einer zerstört die Romantik ein bisschen und furzt. Es riecht derart nachhaltig – man wünscht dem Kerl, dass hoffentlich nichts Schlimmeres passiert ist. Eine Frau war’s wahrscheinlich nicht, erstens waren wenige da und zweitens hätten die „Hui!“ oder „Hihi!“ gesagt. Hier war aber eindeutige „Yeah!“-Stimmung. Furzen. Highfive und weiter: Yeah, „Albatross“ – auch von der „Deliverance“-Platte. Und immer wieder das Gefühl, dass DOWN, bei denen Pepper Keenan ebenfalls Gitarre spielt, noch besser sein könnten, wenn sie etwas mehr wie C.O.C. klingen würden.

Zu Hause in New Orleans betreibt Pepper Keenan übrigens eine Kneipe. Ich glaube, dass ist einer, der sich locker das Geschirrtuch über die Schulter wirft und zu den Gästen sagt: „Was darf’s denn sein, meine Herrschaften? Bier oder Bier? Vielleicht einen Whiskey vorneweg?“ Aber im Ernstfall würde er auch meine Knochen in völlig willkürlicher Reihenfolge vor die Kneipe legen können. Einer fragt trotzdem etwas lauter: „Wer nennt seinen Sohn eigentlich Pfeffer?“

Woody Weatherman ist auch ein bockstarker Name. Er spielt Gitarre, hat sichtlich Spaß dabei und den Mund dabei offen – manchmal so weit, dass man Popcorn reinwerfen könnte, wenn es nur welches gäbe. In der Hinsicht ist das Universum allerdings eine ziemliche Servicewüste. Keine Ahnung, warum: irgendwas mit Käse Überbackenes wäre mir aber eh lieber. Das ist nie verkehrt. Huch, Faden verloren. Sorry. Weatherman wirkt an Keenans Seite endlich wieder wie einer, der Freude an seiner Gitarre hat. Beide lassen ihre Instrumente schnurren, als würde man drei dicke Kater gleichzeitig am Bauch kraulen. Die Lümmel stehen auf sowas.

Ich freu mich derweil über „Long Whip/Big USA“ und dass Bassist Mike Dean noch nicht umgefallen ist. Der sieht ein bisschen kaputter aus als sonst. „Magen-Darm-Dingens. Dem geht’s nicht gut“, sagt einer, der es wissen muss. Ungefähr 1996 hätte ich gewettet, dass Dean an keiner Milleniumsfeier teilnehmen wird. Jetzt steht der verschrobene Kauz mit geschlossenen Augen auf der Bühne, wippt artig mit oder lehnt sich gegen die Wand. Ein Schauspiel. Reed Mullen am Schlagzeug sowieso. Der sah schon immer aus wie der nette Metal-Kumpel aus der Nachbarschaft – spielt aber einen ziemlich sexy Metalbeat. So mit Hüfte.

„Vote with A Bullet“ ist auch ein pfundiges Brett. Mitten ins Gesicht – wenn auch mit einem etwas laxen Demokratieverständnis. Und dann zum Abschluss und ebenfalls mitten ins Herz: „Clean My Wounds“dängdädägädägdädägädäg.padatsch – aufgelockert durch einen etwas wirren und ausufernden Reggae-Dub-Jam.

„Schiri, die spielen doch auf Zeit!“ sagt ein Mann neben mir. Wir lachen. Auch weil CORROSION OF CONFORMITY gar nix über die Zeit retten müssen. Denn das hier hätte auch locker in eine abgehangene Nostalgieveranstaltung abrutschen können. Tat es aber nicht. Die Herren hatten Spaß und noch genügend zu erzählen.

Und bevor wir das hier unterschlagen: die Stuttgarter TIEFLADER hatten ebenfalls eine pfundige Gaudi. Erstens sind sie die weltweit einzige Band, die ein Lied über den B27-Blitzer am Pragsattel geschrieben hat, zweitens werden sie von einer lokalen Brauerei gesponsort und drittens besitzt ihr deutschsprachiger Metal genügend Kurzweil, um sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Demnächst soll übrigens wieder eine Reunion der FARMER BOYS anstehen, eine der anderen Bands von Tieflader-Gitarren-Gott Alex Scholpp.

Und zu guter Letzt habe ich auch etwas gelernt: Ein Herr hatte sich Konzerttickets reserviert und wurde bei der Abholung an der Abendkasse nach seinem Personalausweis gefragt. Er sagte: „Spinnsch? Den hab‘ ich nicht dabei. Ich hab’ doch morgen Urlaub.“  Mehr muss man über Männer nicht wissen, die CORROSION OF CONFORMITY und den ehrlichen Spaß eines Montagabends zu schätzen wissen.

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