MOULETTES, 11.03.2015, Keller Klub, Stuttgart

MOULETTES, 11.03.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

“People can listen to Moulettes and apparently hear Shostakovich, Miles Davis, Pentangle, Pink Floyd, Bjork and Skrillex. That is where we’ve all come from… everyone shares in over 80 years of recorded music history”.

Interessante Standortbestimmung, die Hannah Miller, Frontfrau, Sängerin und Cellistin der Moulettes auf deren Website verkündet. Am Dienstag konnten wir uns bei einem „Lunchtime Gig“ in Ratzers knuffigem Plattencafé schonmal einen ersten Eindruck verschaffen, wie ein solcher Mix wohl live klingen würde.

Und schon im „kleinen“ Setup, halbakustisch und ohne Schlagzeug hauen die fünf (bis sechs) Musiker einen Sound raus, dass uns vor Staunen die Klappe offen steht. Mehrstimmiger Harmoniegesang, wilde Rhythmuswechsel und ein Stil, den man vielleicht als orchestralen Folk bezeichnen könnte. Zwei Gitarren, ein Kontrabass, eine Autoharp und ein Fagott sorgen für einen wirklich eigenständigen Sound und versüßen uns die Mittagspause.

MOULETTES, 11.03.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Der Werbeeffekt des Plattenladen-Konzerts hat sich leider in Grenzen gehalten. Am Mittwochabend im Keller Klub haben sich nur gut drei Dutzend Zuschauer eingefunden, von denen vermutlich auch einige vom Support Act Roman Wreden angelockt wurden. Und er schafft es mit seinen reduzierten Folk-Songs und seinem unaufgeregten Vortrag tatsächlich, den spärlich besetzten Laden zu erwärmen. Nicht unbeträchtlichen Anteil daran hat übrigens seine Begleiterin, die Cellistin Tanja Höhne.

ROMAN WREDEN, 11.03.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Überhaupt: täusche ich mich, oder sehe ich plötzlich überall Celli? Kürzlich bei Cult of Youth als Teil des infernalischen Klangteppichs, bei Nick Jaina als Part des begleitenden Streichduos und nun sowohl bei Roman Werden als auch bei den Moulettes. Und bei diesen sogar als melodie-führendes Hauptinstrument. Ich finde das toll, bin ich doch ein bekennender Fan der „kleinen Bassgeige“. Eine Band, die dieses Instrument auf die Bühne bringt, hat bei mir schonmal einen dicken Bonus. Denn das mindeste, was dieses Streichinstrument leistet, ist seine Wirkung als „Gefühls-Verstärker“. Eine schlichte Begleitung der Melodie in der Bass-Tonlage, warmes Holz und ein bisschen Vibrato, und schon bekommt jeder Song Tiefe.

Wenn man es aber, wie wenig später Hannah Miller in all seinen Facetten, pizzicato und glissando, rasend schnell, akzentuiert und rhythmisch über alle Lagen spielt, dann kann das Cello eine Dynamik entfalten, die die gesamte Band mitreißt. Keine Frage: die Moulettes sind auf jeder Position mit herausragend guten Musikern besetzt, sei es Ruth Skipper an Fagott und Autoharp oder auch die Gastgitarristin Raevennan Husbandes, die neben ihrem instrumentalen Beitrag eine wunderschöne Singstimme mitbringt. Die eindeutige Band-Leaderin ist aber Hannah Miller. Mit kurzen Blicken gibt sie die Einsätze und bestimmt den Rhythmus des Abends.

MOULETTES, 11.03.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Was die eingangs genannte stilistische Positionierung betrifft, da muss unbedingt noch Kate Bush genannt werden. Es sind poetische, manchmal träumerische Themen, die in den Liedern der Moulettes bearbeitet werden. Sei es ein Tiefsee-Olm, der in absoluter Dunkelheit lebt, idyllischer Vogelgesang oder die Rebellion der Tiere („Lady Vengeance“). Ich mag da auch Spuren von Psychedelic oder Prog Rock erkennen. Kritiker mögen das vielleicht als etwas arty-farty abtun, für mich steht das allein wegen seiner offensichtlichen Brillanz außerhalb solch kleinlicher Kritik. Hannahs kurze Erläuterungen in den Ansagen sind humorvoll, bleiben aber manchmal auch ein wenig unverstanden.

MOULETTES, 11.03.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Bei Lady Vengeance habe übrigens Arthur Brown mitgesungen, erfahren wir. Zur Erläuterung schiebt Miller noch hinterher, da, das sei der „God of Hell Fire“, bei Ihnen allerdings eher der „God of Hell Choir“. Bei diesem Titel wird übrigens auch deutlich, dass die Besetzung mit drei Bassinstrumenten eine durchaus bedrohliche Atmosphäre schaffen kann, vor allem dann, wenn das Fagott auch noch durch den Verzerrer gejagt wird. Ollie Austin spielt Schlagzeug und Gitarre – und zwar meistens gleichzeitig! Dazu noch das Glockenspiel. Und das alles in Songs, die nur selten mehr als ein paar Takte im gleichen Rhythmus verharren. Dauernde Wechsel zwischen Dreiviertel- und Viervierteltakt gehören da noch zu den einfacheren Übungen. Einige Passagen tragen hier eindeutige Jazz-Züge. Schade nur, dass Jim Mortimore seinen Kontrabass durch einen E-Bass ausgetauscht hat. Natürlich hat dieser mehr Bums, aber optisch wäre der Stehbass noch das Tüpfelchen auf dem i gewesen.

Lust am Wortwitz, Geschirrhandtücher als Merchandise, charmante englische Intonation – ja, die Moulettes sind wirklich „dead british“. Bleibt Ihnen nur zu wünschen, dass sie im Laufe Ihrer Deutschland-Tour, die sie in Stuttgart begonnen haben, noch ein größeres Publikum erreichen.

MOULETTES, 11.03.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Moulettes @ Ratzer Records

Roman Wreden

Moulettes @ Keller Klub

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