GREENLEAF, PHASED, 04.03.2015, Keller Klub, Stuttgart

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Foto: Reiner Pfisterer

Hatte ich so auch noch nicht, dass mein Espresso vor Konzertbeginn ausfallen muss, weil in der von mir ausgewählten Bar (diesmal das Café Bohème) Tango getanzt wird. Also so getanzt, dass man an den drehenden und abrupt wendenden Pärchen sich vorbeischlängeln müsste, um zum Getränk der Wahl zu gelangen. Dann eben unterkoffeeiniert zum Keller Klub, wo harte Gitarren auf einen warten.

Gerade rechtzeitig betrete ich den, für einen Mittwoch gut gefüllten, Keller Klub, um den Beginn um 20:50 Uhr von Phased mitzunehmen. Das Schweizer Trio sagte mir bisher nix, aber gefällt gleich gut. Sehr schwere und harte Gitarren, verschlepptes Tempo, aggressiver, nicht sehr melodischer Gesang. So ähnlich geht das auch beim zweiten Stück, aufgebrochen durch ein Gitarrensoli, bei dem Wah Wah- und Flanger-Effekte zum Zug kommen. Beschrieben wird die Band u.a. als die „Hawkwind des Doom“, aber vom Solo mal abgesehen, trifft das nicht so richtig zu. Die Melvins kommen mir da als entfernter Vergleich eher in den Sinn.

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Foto: Reiner Pfisterer

Viel zu sehr Richtung Metal geht der Sound, um von Space- oder Psychedelic-Rock reden zu können. Die Riffs sind teils sehr atonal, erinnern mich teilweise eher an langsame Celtic Frost Sachen, denn an verkiffte Musik, die sich vage an Black Sabbath orientiert. Die Drums hingegen haben durch ihr die Gesangsmelodien akzentuierendes Spiel, etwas Leichtes an sich, trotz allen niederwalzenden Doom-Sounds.

Gegen Ende gibt es noch ein etwas schnelleres Stück, welches fast schon etwas Hardcore-artiges an sich hat. Mich überzeugt das alles, spricht mich an, doomiger Sound ganz nach meinem Geschmack. Fotograf Reiner ist auch sehr angetan, Herr Whirleypop kann interessanterweise damit gar nichts anfangen. Zu sehr Rockgepose seiner Meinung nach, nicht Fisch nicht Fleisch das Ganze, der Gesang ist nicht seins. Vor dem Rockgericht steht sein Wort gegen meins. Wie würden Sie entscheiden?

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Foto: Reiner Pfisterer

Befassen wir uns lieber mit dem Hauptact und lassen die Rechtsstreitigkeiten ruhen. Greenleaf, die beim sehr guten Small Stone Records ihre Labelheimat haben, haben schon mal einen sehr guten Namen gewählt. Einfach die Bestandteile zweier Hits der Stoner Rock Szene zusammengewürfelt (Sweet Leaf und Green Machine), fertig ist schon mal ein guter Bandname. Und nicht nur der ist gut.

Um 21:50 Uhr kommen die Schweden auf die Bühne, und das erste Stück nimmt von Sekunde eins alle mit. Riffs, die den Blues in sich haben, aber natürlich schwer und hart, wie es das Genre verlangt. Ein deutlich abgesetzter Refrain, das Tempo deutlich schnelles Midtempo, das ist nun eine ganz andere Baustelle als Phased. Der Keller Klub tobt von Anfang an.

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Foto: Reiner Pfisterer

Sänger Arvid Jonsson, stilvoll mit ZZ Top Bart, Fernfahrer-Mütze und Jeans-Kutte, zappelt elektrisiert auf der Bühne herum wie nicht ganz zurechnungsfähig. Nebenbei singt er auch ordentlich. Sein Auftreten ist aber bezeichnend für die Energie der ganzen Band. Die fegen tatsächlich wie der sprichwörtliche Orkan über die Bühne, und machen so etwaige Originalitätsdefizite im Sound und den Kompositionen wett.

Beim zweiten Song gibt es einen runtergedrosselten Mittelpart. Die Magie dieses gern genommenen Stilmittels funktioniert einfach immer. Die Menge nickt synchron dazu, scheint diesem Gedanken Recht zu geben. Das hier ist Stoner Rock, mit Betonung auf Rock. Weniger THC-induziertes Gejamme als vielmehr bierseliges Hardrocken in der Truckerkneipe.

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Foto: Reiner Pfisterer

Der üppige Gitarrist gibt derweil alles, sein Flüssigkeitsverlust während eines Auftritts muss zweistellige Literwerte betragen. Und da ich ihn mir so anschaue, fällt mir dann auch wieder ein, dass ich die Band auch schon mal gesehen habe, damals im 1210. Da waren sie definitiv noch nicht so eine Live-Macht wie heute.

Gegen Mitte des Sets wird mir die Musik dann aber doch etwas zu eintönig. Immer nur Vollgas, immer nur dieses angeblueste auf die Zwölf Gerocke, Abwechslung wäre mal ganz gut. Die kommt dann auch. Arvid kündigt an, dass nun die Mitte des Sets erreicht sei, „now it’s getting real“. Und tatsächlich kommt die erwünschte Abwechslung ins Set.

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Foto: Reiner Pfisterer

Zuerst mit einem superschweren Blues-Stomper, in dessen Mitte sogar John Lee Hookers „Boom Boom“ zitiert wird. Hut ab vor so viel Geschichtsbewusstsein. Danach kommen dann Stücke, die eher nach „klassischem“ Stoner Rock klingen. Soll heißen, dass der Blues etwas in den Hintergrund rückt, die Stücke poltern eher angenehm Kyuss-mäßg, auch das Tempo der Songs variiert etwas mehr. Passend dazu scheint sich irgendwo im Club jemand schon eindeutig dem Thema Wellness-Zigarette (Quelle: Setzer) zu widmen. Mein lieber Herr Bob Marley Gesangsverein, intensiver und eindeutiger kann so ein Kraut aber auch nicht mehr riechen, hüstel.

Die zweite Hälfte des Konzerts sorgt sogar für eine nicht möglich gehaltene Steigerung der Publikumslaune. Es wird gejohlt, gebangt, genickt, geschwitzt, Greenleaf haben den Stuttgarter Mittwochabend erfolgreich in die Knie gezwungen. Da dürfen zwei Zugaben auch nicht fehlen. Zwei weitere Kopfnicker und in-die-Beine-Geher par excellence, wobei das abschließende Cover von Going Down nochmal ein weiteres Highlight ist. Und zu dem Auftritt gibt es dann keine zwei Meinungen mehr, die man vor Gericht bringen müsste.

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Foto: Reiner Pfisterer

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Ein Gedanke zu „GREENLEAF, PHASED, 04.03.2015, Keller Klub, Stuttgart

  • 5. März 2015 um 15:37
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    Tatsächlich supergeile Bilder!

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