BEN SCHADOW BAND, 13.02.2015, Wohnzimmer, Stuttgart

BEN SCHADOW BAND, 13.02.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Halten wir mal fest: Wenn es Ben Schadow nicht gäbe, gäbe es wahrscheinlich keine Wohnzimmerkonzerte bei der Familie Rohr. Eine Doppelbuchung im Zwölfzehn vor drei Jahren war die Initialzündung für die familiäre Konzertreihe. Jens, großer Ben-Schadow-Fan, wollte damals nicht akzeptieren, dass es keinen Gig in Stuttgart geben solle. Seine „Schwiegereltern“ konnten sich für seine spontane Idee, eine Rockband ins Haus zu lassen, erwärmen. Und so begann die Konzertreihe, die heute das 29. Event präsentiert. Und Ben Schadow ist bereits zum fünften Mal da, diesmal sogar mit kompletter Band.

Ich sehe ihn heute zum ersten Mal, bin aber durch Jens‘ Schwärmerei neugierig geworden und habe mir – zur Vorbereitung des Abends – seit Wochen den Back-Katalog des mir bis dahin unbekannten Musikers angehört. Und zwar mit wachsender Begeisterung. Ahnend, dass dies wohl den Hauptteil des Abends ausmachen würde, habe ich mich auf das aktuelle Album „Dr. Eskapismus“ konzentriert. Eine Platte, von der es mehrere Titel mühelos in meine ewige Bestenliste geschafft haben.

BEN SCHADOW BAND, 13.02.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Wenn man Ben Schadows wohlklingende Stimme und die fein arrangierte Musik nur aus der Konserve im Ohr hat, ist der erste optische Eindruck doch etwas überraschend. Eine Mischung aus jungem Karl Marx und Harry Rowohlt steht da auf der Bühne. Wilder Haar- und Bartwuchs, der später noch Anlass zu band-internen Witzeleien geben wird. Umgeben übrigens von drei Bandmitglieder, die Ben insbesondere wegen ihres guten Aussehens ausgewählt haben will. Schließlich verspreche er sich besonderen Zuspruch bei den weiblichen Fans, die allein wegen des „süßen Bassisten“ Pele Caster kämen.

Zuerst wird aber erstmal das Publikum umarrangiert, so dass keiner im akustisch toten Winkel sitzt. Dass dadurch nun einige direkt vor der Band „auf Schritthöhe“ sitzen, sei ihm etwas unangeehm aber leider unvermeidbar.

BEN SCHADOW BAND, 13.02.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Das Set beginnt erwartungsgemäß mit dem Intro des aktuellen Albums, und so folgt – wie auf der Platte – und damit für mich etwas zu früh im Set, mein Lieblingstitel „Selbstgespräch vor dem Spiegel“. Ein wunderbarer Mod-Rock-Titel mit unwiderstehlicher Hookline. Käme der am Ende des Sets, das Wohnzimmer würde tanzen. Noch spielt die Band aber mit etwas verhaltener Wohnzimmer-Dynamik. Doch es deutet sich an: Dabei wird’s nicht bleiben.

BEN SCHADOW BAND, 13.02.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Zwischen den Songs albern Ben und Pele ausgiebig herum, plaudern und necken sich in einem Streit unter Musikern, den sie dann unter Zuziehung einer zufällig anwesenden Mediatorin ausdiskutieren möchten. Dies löst bei der werten Gigblog-Kollegin einen Lachanfall aus, der von Ben schlagfertig angeheizt wird und auf gute Teile des Publikums und der Band überspringt. Auch noch nicht erlebt: ein Konzert, dass kurzzeitig wegen eines kollektiven Lachflashs außer Kontrolle zu geraten droht.

BEN SCHADOW BAND, 13.02.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Weiter geht’s im Programm. Ratespielchen gibt es zu „Fräulein M.“ und „All diese Leute“. Bei letzterem geht’s darum, herauszufinden, an welchen berühmten Refrain man sich hier angelehnt habe. Für mich klingt’s nach Beatles, einige rufen prompt „Eleanor Rigby“ in den Raum, die Lösung hat aber unser Gigblog-Ober-Auskenner Lino parat: „All The Young Dudes“ von David Bowie ist richtig. Freie Auswahl am Merch-Tisch ist der Gewinn. Überhaupt hat die Band schon einen ordentlichen Retro-Aspekt. Nur logisch, dass Pele Caster einen Höfner-Bass spielt, gibt dieses Paul McCartney-Instrument doch auch optisch einen deutlichen Hinweis auf die Beatles. Sie sind unüberhörbar eine der wichtigsten musikalischen Referenzen der Ben Schadow Band. Mehr als nur einmal werden augenzwinkernde Zitate der Fab Four eingestreut.

Etwas skurril übrigens der (scheinbare) Happy-Song „Alles wird leicht“, der für mich wie eine Bewerbung um den Soundtrack der Sesamstraße klingt.

BEN SCHADOW BAND, 13.02.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Zwei Kabinettstückchen sind es dann, die über die ohnehin schon enorme stilistische Bandbreite hinaus zeigen, welch großartige Musiker Ben und seine Band sind. Um seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, endlich mal im Merlin spielen zu können, improvisiert Schadow ein komplettes Lied für „Annette“, eine der Managerinnen des Merlin, die sich auch im Publikum befindet. Der spontan erfundene Text habe sogar Homo-Fabersche Qualitäten ulkt Schadow hinterher. Das zweite wird gegen Ende des Sets gespielt: jeder der Musiker darf auf Zuruf ein Solo spielen, die Band soll dazu in einem hereingerufenen Stil begleiten. Und es war zu erwarten: weder Blues, noch Bossa Nova oder Reggae bringen diese sympathische Band in Schwierigkeiten.

Und natürlich hat die Band inzwischen jegliche Zurückhaltung abgelegt, das Schlagzeug ist nun ungedämpft, der harten Sticks im Einsatz. Die Nachbarn dürften auch ihren Spaß haben.

BEN SCHADOW BAND, 13.02.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: David Oechsle

2 Gedanken zu „BEN SCHADOW BAND, 13.02.2015, Wohnzimmer, Stuttgart

  • 16. Februar 2015 um 12:44
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    Da bin ich komplett bei Lino. Alles fein aber The Caper gefällt mir persönlich besser.

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