ΩRACLES, TRISTAN REVERB, 31.01.2015, Merlin, Stuttgart

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Foto: X-tof Hoyer

Selten genug kommt es leider vor, dass in Stuttgart live Musik gespielt wird, die mal genau meinen Geschmack trifft. Neo-Psychedelicker wie Jacco Gardner, Tame Impala, Moon Duo, oder auch Ariel Pink machen einen ebenso einen großen Bogen um meinen Wohnsitz, wie Artisten vom Schlage einer Rumer, Alexander Von Mehren, die einen eleganten, orchestralen Retropop zelebrieren. Umso überraschter und begeisterter bin ich von diesem Abend. Ein fantastischer Abschluss des Pop Freaks 2015.

Das Vorprogramm bestreiten Tristan Rêverb, die ich schon im August im Merlin gut fand. Und heute Abend gefällt mir das Quintett sogar noch besser. Die Leutchen wissen ihre amerikanisch klingende Psychedelic (ich muss an so Bands wie Magic Castles denken) gekonnt an- und abschwellen zu lassen. Der Hall auf Stimme und Gitarre schafft eine Menge Raum, in welchem man sich dank der dahinschwebenden Songs verlieren kann. Hypnotisch.
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Foto: X-tof Hoyer

Der angenehme Gesang gibt ansprechende Melodien von sich, die Songs sind geschmackvoll und gekonnt arrangiert. Es gibt eine E-Bow Gitarre zu hören, und bei den postrockigeren Songs der zweiten Hälfte des Sets gibt es auch schöne Trompetensoli. Die alten Giardini Di Mirò kommen mir da in den Sinn. Und trotz aller bekannten Zutaten gibt es immer wieder so kleine Harmoniewechsel, die einen überraschen, Spannung erzeugen. Das gefällt nicht nur mir, sondern auch dem Rest des Publikums. Eine Zugabe ist die logische Konsequenz. Ein instrumentales Outro, das eine nette, optimistische Grundstimmung hat, wird gejammt (scheint noch ein wenig unfertig zu sein das Stück). Hoffentlich gibt es bald einen Tonträger von Tristan Rêverb mit all diesen Songs.

Die Umbaupause zieht sich. Zeit um zu konstatieren, dass der Zuschauerzuspruch doch noch ganz ok geworden ist. Das sah anfangs gar nicht danach aus. Ebenfalls interessant zu erfahren, dass Human Abfall gestern mit ihrer Lautstärke die Gläsern von den Regalen abgeräumt haben. Genug davon, 22.25 Uhr, Oracles aus Berlin/Köln kommen auf die Bühne.
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Foto: X-tof Hoyer

Ebenfalls ein Quintett mit einer Frau (hier an den Keyboards statt am Schlagzeug wie bei TR), beginnen die Fünf ihr Set mit einem Instrumental. Die Keyboards flirren, der Bass spielt die Melodie, und das alles klingt schon so dermaßen frisch, gut und interessant, dass es mich komplett mitnimmt. Der zweite Song kommt mit einer Tame Impala-mäßigen Gitarre daher, und saustarken Gesangsmelodien, die von der gut klingenden, schnörkellosen Stimme des Gitarristen/Bassisten/Keyboarders rühren. Ja, der gute Mann wird im Verlauf des Sets öfter mal die Instrumente wechseln. Bei dem Weg, der Schlagzeuger sieht ein wenig wie Bjarne Mädel aus.

Nach drei, vier Songs, die mich euphorisieren, wird mir ziemlich klar, dass die hier genau meinen Nerv treffen. Dynamik und Zusammenspiel sind top. Gut, das können viele Bands. Aber in Kombination mit dem Ideenreichtum, den gekonnten Arrangements, und einem Bandsound, der gekonnt Retroelemente aus der Psychedelic-Pop Phase der zweiten Hälfte der 60er mit modernen Elemente vermischt, wird es so zu etwas ganz Besonderem. Vielleicht ist jetzt nicht jede Idee genial, aber teilweise gibt es Parts mit so starken Melodiebögen und mitreißenden Instrumentalparts, dass ich mich wirklich schwer tue, daran zu erinnern, wann mich das letzte Mal eine junge Bands so begeistert hat.
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Foto: X-tof Hoyer

Und als man gerade anfängt sich es gemütlich in dieser Soundwelt einzurichten, kommt plötzlich ein Tempobreak daher, und der folgende Uptempopart hat Progrock-Elemente. Aber die des guten, songdienlichen Progs. Das ist alles so gut, so überraschend (einen funky Part, der komplett unpeinlich ist gibt es auch), und so dermaßen Lichtjahre interessanter als das übliche Indiegitarren-Zeug, dass ich aus dem Schwärmen nicht herauskomme. Da muss ich dann doch sogar mal Pete Doherty erwähnen, dessen musikalisches und drogen-gossipes Schaffen mir ansonsten herzlich egal ist, der lobende Worte für die Oracles fand.

So endet das diesjährige, eh schon sehr gelungene Pop Freaks, mit einem absoluten Höhepunkt für mich. Tristan Revêrb haben mich endgültig überzeugt, und sind ein weiterer Bestandteil einer mittlerweile reichen und interessanten Stuttgart-und-Umland-Musikszene. Und Oracles sind eine der für mich interessantesten Versprechungen überhaupt. Wenn ein vollständiges Debütalbum kommen sollte, das diese einlösen kann, dann…ja, dann…

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Tristan Rêverb

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