GET WELL SOON, 31.1.2015, Wagenhallen, Stuttgart

GetWellSoon

Foto: Reiner Pfisterer

Wow – was für ein Abend! Eine Band – und eigentlich ist es vielmehr ein einzelner rastloser, kreativer Kopf, der das alles angezettelt hat – die es schafft sich in etwas mehr als anderthalb Stunden in die Herzen des Publikums zu spielen, so abgedroschen das jetzt auch klingt, so wahr ist es! Konstantin Gropper hat offensichtlich immer an sich und seine Ideen und seine Musik geglaubt und erntet nun – wohlverdient, muss man sagen. Die Ankündigung „A Special Night With Get Well Soon“ ist also in keinster Weise übertrieben.

Meines Wissens hat die Stadt Biberach an der Riß außer Christoph Martin Wieland (einen Dichter der Aufklärung) noch keinen berühmten, wie man so sagt, Sohn hervorgebracht. Mit Gropper könnte sich das ändern, denn Konstantin Gropper wurde 1982 dort geboren. Dieser Gropper ist ein Arbeitstier: Er war nicht nur für sein Baby Get Well Soon aktiv, sondern hat das letzte Casper-Album produziert, einen Song zum Soundtrack von „Oh Boy“ beigesteuert und sich um die Theatermusik für „Der Meister und Margarita“ am Schauspiel Frankfurt gekümmert und und und.

VinBlanc

Foto: Reiner Pfisterer

Und damit’s nicht langweilig wird, schnell noch ’ne Tour. Heute Abend stimmt zunächst ein 2-Mann Projekt, das eng mit Get Well Soon verbandelt scheint, das Publikum mit einem gut gelungen Mix aus Art-Pop, durchaus mit Rockattitude, und Performance ein. Gemäß des Outputs von Get Well Soon, d.h. im Jahr 2014 drei EP’s („Ich bin einfach noch nicht bereit für ein neues Album, besser oder anders kann ich das jetzt auch nicht formulieren.“), ist auch das Konzert strukturiert – drei Konzerte an einem Abend!

Konzert I:

  • The Pope Washed My Feet
  • A Night At The Rififi Bar
  • The 4:3 Days
  • Sci-Fi Gulag
  • Staying Home

Das entspricht der kompletten ersten EP „The Lufthansa Heist“. Gropper hat hier etwas gepackt, das er nicht richtig einordnen konnte. Verfrühte Midlife-Crisis oder wahrscheinlich doch eher etwas in Richtung zweite Pubertät, denn es überkam ihn ein nostalgischer Schauer, der ihn an die Anfänge hat denken lassen. Einfach die Gitarre in die Hand nehmen und eine Band gründen. „Ich glaube, sie nannten es College Rock und ich könnte schwören, ich hatte sogar wieder Pickel, als ich diese Songs produzierte“.

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Foto: Reiner Pfisterer

Die 6-köpfige Band kommt auf die Bühne und wählt folgerichtig von den unanständig vielen Instrumenten vor allem Gitarren aus. Es stehen vier Personen mit E-Gitarren auf der Bühne dazu Schlagzeug und Bass. Und ja, es rockt ein wenig College-mäßig, aber nicht zu sehr, denn eigentlich ist Gropper, sind Get Well Soon, Melancholiker. Und so mutet der Gitarrensound fast brav an, aber dennoch werden Tanzbein und Kopfnickerreflex unwillkürlich aktiviert. Nach dem zweiten Song werden wir auch begrüßt: „Hallo Stuttgart! Ist lange her, dass wir hier waren. Ist eigentlich jemand hier, der uns da auch schon gesehen hat? Damals ging unser VW-Bus kaputt und so… aber mit der Karriere geht es aufwärts, denn wir hatten beim letzten Mal ca. 15 Gäste“. Man muss ergänzen, dass der Konzertsaal in den Wagenhallen bis in die letzte Ecke gefüllt ist.

Get Well Soon kann also auch Gitarre. Die fünf Songs versprühen angenehmsten Popcharme und sind ein wunderbarer, animierender Einstieg, und das Eis ist bereits gebrochen. Ich vermute ohnehin, dass nie welches da war, denn ca. 90%+X sind eingefleischte Fans. Das bestätigt auch meine Konzertbekanntschaft: ein Paar, das extra aus Saarbrücken zum Konzert nach Stuttgart angereist ist.

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Dann, etwas plötzlich, geht die komplette Band von der Bühne, es finden innerhalb kürzester Zeit kleine Umbauten statt und da sind sie wieder für…

Konzert II:

  • Age 14, Jumping Off The Parents’ Mezzanine
  • Promenading Lago Maggiore, You Wouldn’t Hold My Hand
  • Mail From Heidegger
  • You Will Be Taken Care Of

Das entspricht (bis auf das fehlende Intro „Henry“) der kompletten zweiten EP „The Infinite Desire Of Heinrich Zeppelin Alfred von Nullmeyer“ (die Titel muss man sich auch erstmal auf der Zunge zergehen lassen). Laut Gropper ein Verweis auf seinen Lieblingsautor Arnold Stadler bzw. eine Ehrbezeugung zu dessen 60. Geburtstag 2014. Stadlers Novelle „Der Tod und ich, wir zwei“ begleite ihn schon seit geraumer Zeit und so sind diese Songs eine Hommage an diese romantische, dunkle und auch witzige Story.

Und standesgemäß kommt die gesamte Band nun auch ganz schnieke in Sakkos, Anzügen (Gropper ganz in weiß) und Verena Gropper (ihres Zeichens übrigens Sopranistin, die auch Geige spielt und diverse andere Instrumente bedient) im kleinen Schwarzen auf die Bühne. Nun stehen Instrumente, wie Synthesizer, Geige, Ukulele und Posaune im Mittelpunkt. Und ja, diese Lieder sind etwas sagen wir schwermütiger, aber nicht finster und auf jeden Fall romantisch-melancholisch bis sinfonisch-dramatisch. Schön.

Sie werden mit solcher Verve, Innigkeit und Echtheit vorgetragen, dass das Publikum regelrecht andächtig jeden Song bis zum letzten Ton ausklingen lässt und erst dann applaudiert. Wieder geht die Band ab, allen voran der barfüßige Gropper, der das Mikrophon einfach fallen lässt.

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Foto: Reiner Pfisterer

Das gleiche Spiel: kurze, schnelle Umbauaktivitäten, bevor es weiter geht mit…

Konzert III:

  • I Sold My Hands For Food So Please Feed Me
  • Careless Whisper
  • The Last Days Of Rome
  • A Voice In The Louvre
  • Angry Young Man
  • Roland, I Feel You
  • Tick Tack! Goes My Automatic Heart
  • You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)

Diese Auswahl entspricht einer Art Best-Of-Liste, einem Querschnitt des Get Well Soon-Schaffens seit dem Start im Jahr 2008. Von allen drei erschienenen Tonträgern ist etwas dabei. „Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon“ (2008), „Vexations“ (2010) und „Scarlet Beast O’Seven Heads“ (2012). Nicht zu vergessen die kongeniale Version von „Careless Whisper“ eben von der dritten 2014er EP „Greatest Hits“, die nicht etwa die besten Songs von Get Well Soon, sondern vielmehr einige Lieblingslieder, wie von den Beach Boys, Elton John oder den Stranglers, in wunder- und liebevollen Coverversionen enthält.

Gut gelaunt kommen sie – nun wieder etwas legerer gekleidet – auf die Bühne und beginnen unvermittelt mit einem Klassiker. Die Stimmung kocht zwar nicht, aber ist angenehm ausgelassen und man fühlt sich mittlerweile wohlig und als Teil der Familie. Nun spricht Gropper zum zweiten Mal an diesem Abend: „Hoffentlich haben wir euch nicht verwirrt mit dem Hin und Her, aber jetzt kommen nur noch Hits Hits Hits…“ Spricht’s und behält Recht!

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Es bedarf auch keiner großen Worte und Ankündigungen oder Erklärungen. Die Musik spricht für sich und hat nun wirklich alle in ihren Bann gezogen. Es wird in diversen Ecken getanzt, teilweise nach wie vor sehr andächtig angehört und angehimmelt oder auch mal Konfetti verstreut. Nun kommen alle Instrumente in allen möglichen und unmöglichen Kombinationen zum Einsatz. Diverses Schlagwerk, Gitarren in verschiedenen Größen und Ausprägungen, Keyboards und Synthesizer, Geige, Posaune und Trompete, Glockenspiel, Klatschhände usw.

Nach drei weiteren Liedern meldet sich der sichtlich selbst euphorisierte Konstantin Gropper noch ein drittes und letztes Mal zu Wort: „Wir haben uns ja viel vorgenommen mit dieser Tour… also mindestens die größte Rockshow seit Bon Jovi… wie schlagen wir uns eigentlich…?“ Doch noch bevor Applaus und Jubel die Antwort liefern können, schafft es ein schwäbischer Zwischenruf mit „zom Glück et wia Bon Jovi“ die Lacher auf seine Seite zu bekommen.

Und dann gibt es noch ein für mich unerwartetes Extra. Anscheinend konnte man sich auf der Get Well Soon-Homepage für das Konzert als Sänger/Sängerin bewerben und so wird nun für „Tick Tack! Goes My Automatic Heart“ eine Nele auf die Bühne gerufen (der Herr aus Liverpool, der gestern in Innsbruck gesungen hat, sei übrigens heute auch wieder da). Und Nele kommt und singt – und wie! Frenetisch wird sie bejubelt und herzlich in die Familie aufgenommen. Und am Ende des Liedes singt schließlich der ganze Saal, ohne Musik. Gänsehaut.

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Foto: Reiner Pfisterer

Doch irgendwann ist das schönste Konzert zu Ende und der letzte Song „You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)“ lässt das Publikum nochmal ausgelassen tanzen. Und jaaa: Natürlich kommen auch noch zwei Zugaben. „Disco 2000“ im Original von den Britpopern Pulp und jetzt auch schon 20 Jahre alt, aber alle kennen es, alle singen es, alle flippen aus. Und zum endgültigen Abschluss noch „If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting “, das einen wunderwunderbaren Konzertabend beendet.

Get Well Soon beschäftigen sich mit Nähe, Distanz, Beziehungen, Tod, Weltuntergang und Sentimentalität kurzum mit dem Leben an sich oder wenn man will auch Philosophie. Sie gleichen einem Nachdenklichkeitsseismographen und vor allem: Sie schaffen es absolut überzeugend und ohne Schnick-Schnack und Getue, dieses romantische, intellektuelle, melancholische, im positiven Sinne arty, augenzwinkernde und unprätentiöse Liedgut an den Fan zu bringen. Sehr sympathisch, sehr authentisch und sehr empfehlenswert! Shoot Baby…!

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Vin Blanc / White Wine

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