DIE SCHÖNE LAU, 02.01.2015, Theater Rampe, Stuttgart

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Foto: Markus Milcke

Könnte vielleicht ein für das neue Jahr sich spontan herauskristallisierender Trend werden, jeden Tag eine neuartige kulturelle Aktivität unternehmen, zu der man sich aus nicht spezifizierten Gründen bisher noch nicht aufraffen konnte. Gestern zum ersten Mal in meinem Leben „Tatort“ geschaut (wegen Nora Tschirner), heute freiwillig alleine ins Theater (wegen „Die Schöne Lau“).

Überraschenderweise ist die Aufführung schon Tage vorher ausverkauft. Wie schön, dass es mit meiner Karte noch geklappt hat. Kurzfristig interessierte Besucherinnen und Besucher gehen leider leer aus, nur über die nummerierte Warteliste bekommen noch wenige Glückliche ein Ticket an der Abendkasse.

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Foto: Markus Milcke

„Die Schöne Lau“ ist ein Theaterstück der Künstlergruppe Jon Shit nach einer literarischen Vorlage von Eduard Mörike, das ganze aber eher frei interpretiert und als sogenannte Poperette mit viel Live-Musik umgesetzt. Involviert sind u.a. eine Reihe von Musikern, von denen wir im Rahmen anderer Projekte schon Fan sind (Monsieur Mo Rio, Torben Denver Band). Logische Schlussfolgerung, „Die Schöne Lau“ ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit etwas nach unserem Geschmack.

Das Stück wurde vor gut einem Jahr zum ersten Mal gespielt, seitdem meines Wissens nicht mehr, wer heute (oder morgen) also dabei sein kann, kann sich glücklich schätzen, einer ziemlich exklusiven Aufführung beizuwohnen. Etwa 120 Zuschauer passen in den Saal des Theater Rampe, der heute bis auf den letzten Platz besetzt ist. Einen Vorhang gibt es nicht. Mehrere Podeste rahmen die Bühnenfläche ein. Das Bühnenbild wird dominiert von einem überdimensionierten Papp-Fisch links, dessen Maul von blauen LEDs gesäumt ist (blinken später auch noch, I like!), dazu diverse Unterwasserpflanzen, vergoldete Schlingpflanzengirlanden und blaues Licht unter den Podesten. Sieht gut aus. Rechts sind die Instrumente der Band aufgebaut. Leises Plätschern ist zu hören. Dann treten die Band und die Darsteller auf.
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Foto: Markus Milcke

Zunächst gibt es eine kurze Einführung in die Geschichte der „Schönen Lau“, die ist eine traurige Wasserfrau, die fünfmal zum Lachen gebracht werden muss, um aus ihrer Verbannung erlöst zu werden. Dann geht es los mit einem zarten Intro, das auf Sprudel- bzw. Bierflaschen geblasen wird. Interessanter, schöner, geisterhafter Sound. Es folgt der erste Auftritt der schönen Lau, die einen riesigen blauen Kopf trägt, ein blaues Tüllkleid und mit Glitzerscherben verzierte Turnschuhe. Während die zierliche Darstellerin der schönen Lau sich tänzelnd und gekonnt gestikulierend über die Bühne bewegt, singt eine in schwarz gekleidete Sängerin mit klarer, unaufgeregter Stimme das melancholische erste Stück „Mir ist so schwer“. Ein starker Einstieg.

Nächstes Highlight ist kurze Zeit später das Stück „Mei Garda“, das im Garten der Wirtin vom Nonnenhof spielt, von Vogelgezwitscher und Pfeifen begleitet und auf schwäbisch gesungen. Sehr charmant auch die Kinderdarsteller, die als Fische verkleidet in Batikumhängen in den Unterwasserszenen durch die Szenerie „schwimmen“.

Sehr besonders (und sehr komisch) ist die Kirmesszene, in der mit Hilfe eines geheimnisvollen lila Kreisels ein Streit unter den feiernden Zechern geschlichtet wird. Der psychedelische Kreisel wird dabei von einem Kind im Grundschulalter dargestellt, das sich minutenlang präzise im Kreis dreht, untermalt von einer raunenden Erzählerstimme und reduzierter elektronischer Musik.
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Foto: Markus Milcke

Musikalisch ganz anders ist „Verdruß“, ein mehr geschrieenes als gesungenes Hardcore-Stück, bei dem die dann nicht mehr ganz so schöne Lau im wahrsten Sinne der Wortes ihre andere Seite zeigt, nämlich die zu einer wütenden Fratze verzogene Rückseite ihres riesigen Pappmachékopfes.

Auch jede weitere Szene (und die dazugehörigen Musikstücke) hätten es verdient, sie detailliert zu beschreiben und zu würdigen. In der „Schönen Lau“ stecken jede Menge Kreativität, Können und Einfallsreichtum und überzeugende Interpretationen der Szenen des Kunstmärchens, das als Vorlage diente. Die Musikstücke sind toll komponiert und schlicht, aber wirkungsvoll arrangiert, die Kostüme voller liebevoller Details. Besonders sympathisch finde ich auch, dass es keine übermäßig herausragenden Hauptakteure gibt, sondern alle Ensemblemitglieder gleichberechtigt beteiligt und mit großem Spaß gemeinsam bei der Sache sind.

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Foto: Markus Milcke

Natürlich gelingt es den Dorfbewohnern am Ende übrigens, die unglückliche Besucherin fünfmal zum Lachen zu bringen und der „Erlösung“, also dem Wiedersehen und der gemeinsamen Heimreise mit ihrem Gatten, dem (funky) Donaunix, steht nichts mehr im Weg (auch wenn die mitfiebernde feministische Zuschauerin angesichts des durchgeknallten Gemahls der Lau dringend zum Verbleib im Single-Leben mit Dorf-Anschluss geraten hätte).

Die neunzig Minuten vergehen wie im Flug, es gibt viel Applaus und abschließend heißt es dann: „Mir gehet jetzt gleich rüber in die Rakete und leget da bissle auf. Der Herr sei mit euch.“ Zugaberufe werden charmant aber geflissentlich ignoriert, hinter der Bühne hört man noch Kindergekicher und -getrampel. Des war’s.

Eine faszinierende und bezaubernde Aufführung, die man sich am liebsten direkt noch einmal von vorne anschauen würde.
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Foto: Markus Milcke

Ein Gedanke zu „DIE SCHÖNE LAU, 02.01.2015, Theater Rampe, Stuttgart

  • 11. Januar 2015 um 12:26
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    Diese Veranstaltung war wirklich außergewöhnlich. Die Kostüme haben mich besonders fasziniert. Wirklich wahnsinn!

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