GERWALD, 22.12.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

GERWALD, 22.12.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Wie feiert eine Konzertveranstalterin angemessen in ihren Geburtstag hinein? Natürlich mit einem schönen Wohnzimmerkonzert. Alles hatte Gastgeberin und Geburtstagskind Annette perfekt vorbereitet: Toni Kater war gebucht. Federleichter Singer-Songwriter-Pop stand auf dem Programm. Musik, die auch weniger geübten Konzertgängern mundet. Also den ganzen Freundeskreis eingeladen, Verwandte, Eltern und Kinder aus der Kita, die Nachbarn, aber natürlich auch ein paar der unvermeidlichen Stuttgarter Musik-Nerds. Dann aber musste Toni Kater wegen Krankheit absagen.

Als Ersatz springt spontan Dominik Gerwald ein. Als ehemaliger Frontmann von Stuttgarts großer, aber leider zu früh von uns gegangener Folk-Rock-Hoffnung Yasmine Tourist kein Unbekannter. Doch er  habe neuerdings ganz andere Farben auf der musikalischen Palette, hört man. Finsteres aus dem Bereich Folk solle es geben. Na, wenn das mal das richtige für eine fröhliche Geburtstags­einstimmung ist.

GERWALD, 22.12.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Noch schnell zur Vorbereitung das Kurzportrait in der Stuttgarter Zeitung gelesen und in das aktuelle musikalische Projekt „Gerwald“ reingehört, und schon ist die Neugierde geweckt. Im Wochenrhythmus wolle er nun neue Titel veröffentlichen. Und was man bisher unter seinen „Promises“ vorfindet, ist tatsächlich vielversprechend. Düsterer Americana-Folk, durchaus ein wenig schräg, experimentell und auch laut. Johnny Cash und Neil Young kann man als Referenz heranziehen, weit näher liegt aber der Dark-Folker King Dude. Ist das überhaupt eine adäquate musikalische Früherziehung für die Racker aus der Kita?

Fast fünfzig Besucher quetschen sich ins Wohn-Schlafzimmer. Die Katzen haben sich aufs Hochbett geflüchtet. Sparsames Kerzenlicht, eine einzelne Box dient als PA. Und ein Künstler, der schon allein durch seine körperliche Präsenz beeindruckt. Groß gewachsen, ganz in schwarz und eher wortkarg. Schon beim Intro wird klar: ganz so heftig wie bei den Aufnahmen wird’s nicht, das halbakustische Setting ist doch eher wohnzimmer­tauglich.

GERWALD, 22.12.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Auch wenn einige Titel im freundlichen Folk-Gewand daherkommen, die Texte sind wahrlich finster. In „Funeral March“ gehe es ums Töten, erklärt Gerwald knapp. Dass aber unser aller Kindheits-Held Huckleberry Finn gemeuchelt wird, geht hoffentlich an der versammelten Jugend vorbei:

We’re killing Huckleberry Finn
We’ll sink his boat
We’ll cut his throat
(…)
Well, at least…
We’ll hang him high

Überhaupt erstaunlich: nicht nur die Älteren, auch die Kids scheinen beeindruckt. Da gibt es kaum unruhiges Gezappel, eher offene Münder und Staunen. Und meinen Lieblingstitel habe ich auch gleich ausgemacht. „Drag The Devil Through Their Bones“, eine Folk-Ballade, bei der Altmeister Terry Lee Hale vermutlich stolz wäre, wenn sie von ihm stammen würde.

GERWALD, 22.12.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Apropos: Schon viele Musiker haben wir gesehen, die angesichts der intimen Wohnzimmer-Atmosphäre deutliche Anzeichen von Lampenfieber erkennen ließen. Nicht so Dominik Gerwald. In aller Gemütsruhe stimmt er seine Gitarre, schaut sinnend in eine Zimmerecke und verbreitet Gelassenheit. Wenn man Gerwald glauben darf (und warum sollte man das nicht), entstehen seine Titel sehr spontan und situationsbezogen. So habe er den ersten Titel des Abends ad hoc zum Text erfunden, den Titel „Night Comes“ habe er an einem Freitagnachmittag mit GarageBand zusammengebastelt. Ein wuchtig vorgetragenes Rezitativ vor grollendem Trommel-Sound gibt es auch. Gegen Ende des Sets muss er trotzdem mangels weiterer Titel, etwas „Leichenfledderei“  betreiben und spielt zwei Titel von Yasmine Tourist, darunter auch die wunderschöne, im sanften Dreivierteltakt daherwalzende Ballade „Black Magic“.

Und als dann – natürlich von einem stadtbekannten Musikauskenner – als Zugabe „Nagorny Karabach“ von den Einstürzenden Neubauten gewünscht wird, erfüllt Gerwald sogar diesen Wunsch. Obwohl er normalerweise keine deutschen Texte singe (warum eigentlich nicht?), riskiert er, sich an Blixa Bargeld zu messen. Und auch dies meistert er mit Bravour. Ein grandioser Abschluss für ein Wohnzimmer­konzert vom Feinsten.

GERWALD, 22.12.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

2 Gedanken zu „GERWALD, 22.12.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

  • 24. Dezember 2014 um 13:01
    Permalink

    Schade, dass ich das verpasst habe!

  • 24. Dezember 2014 um 14:07
    Permalink

    sehr sschöner, treffender artikel! war ein tolles konzert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.