HOLLY JOHNSON, 08.12.2014, LKA, Stuttgart

Holly Johnson

Foto: Steffen Schmid

Konzertankündigungen aus einer entfernten Musikgalaxie zieren die Litfasssäule auf dem Weg zum Kindergarten: Bryan Adams, Simply Red, Chris Rea, Billy Idol, Queen… Keep The Vampires From Your Door möchte man da sagen… aber ach, da hängt auch ein Plakat von Holly Johnson, der war doch, richtig, Frontmann von Frankie Goes To Hollywood (FGTH), cool, aber… uff, jetzt hat mich also auch ein 80er-Zombie erwischt.

Vier Wochen später: Holly Johnson im LKA, geschätzte 600 Leute, 550 davon in der Alterskohorte zwischen 45 und 55 mit ihren württembergischen Vertretern aus dem Showbiz Andreas „Bär“ Läsker, Dodokay („Die Welt Auf Schwäbisch“) und dem Gerold vom Concert- und Eventservice Wernau.

Holly Johnson

Foto: Steffen Schmid

Mit sechs Musikern tritt der gealterte, aber sehr gut aufgelegte Herr Willam „Holly“ Johnson in einem zugeknöpften Lederzweireiher und weißen Handschuhen auf die Bühne:

Was anyone here in 1987 at the Hanns-Martin-Schleyer-Halle?

Zu viele bekunden ihre damalige Anwesenheit mit Gejubel. Holly Johnson säuselt süffisant:

Alles klar!

Gleich nach dem Johnson-Opener „Atomic City“ werden mit „Warriors Of The Wasteland“, “Welcome To The Pleasuredome” und “Rage Hard” FGTH-Songs abgefeuert. Treibender, harter Pop. Die Songs hat man knapp 30 Jahre nicht mehr live erleben können, aber das hat an seiner Kraft nichts verloren und begeistert sofort. Weiter geht es mit Holly-Johnson-Songs. Und das Konzert verliert an Fahrt, genau genommen kommt es fast zum Stillstand. Nur die überaus charmanten Ansagen von Mr. Johnson sorgen für Unterhaltung:

Can you take another one? You may have seen the video… … … on a streaming service… [halb weggedreht] It´s a modern world.

 Oder nach dem Love-Song “So Much It Hurts”:

Ah, Wolfgang… [sein deutscher langjähriger Lebenspartner heisst Wolfgang Kuhle] And is Günter here? I always liked Günter.

Holly Johnson

Foto: Steffen Schmid

Zurück zu Johnsons Musik: Nach der im Streit erfolgten Auflösung von FGTH im Jahr 1987 startete er 1989 seine Solokarriere mit dem Album Blast („Americanos“, „Love Train“ etc.) und 1991, im Jahr seines zweiten Albums „Dreams That Money Can’t Buy“ wurde bei ihm HIV festgestellt. Wie er in Interviews erzählte, folgten Jahre der Medikamentierung und der Angst. Außer ein paar Singles, u. a. mit dem fantastischen japanischen Komponisten Ryūichi Sakamoto („Love & Hate“) konnte er nichts produzieren. Sein Album 1999 „Soulstream“ floppte.

2014, 31 Jahre nach FGTH kam „Europa“ heraus. Europa-Tourneestart: Heute, LKA. Aber wie angedeutet, schlagen seine Songs nicht wirklich ein. Der Dance-Track „Dancing With No Fear“ vom aktuellen Album kommt ziemlich gut daher, er klingt wie eine Kevin-Saunderson-Single. Zu diesem Phänomen textete Jan Wigger (SPON) neulich zu einem ganz anderen Album (Steffi – „Power of Anonymity“): Der Hit des Albums klang wie eine alte Kevin-Saunderson-Single – fantastisch also. Aber braucht die Welt das wirklich? Wo doch wirklich kein Mangel an alten Kevin-Saunderson-Singles besteht?“  Zum Verständnis: Saunderson war Mitbegründer des Detroit-Techno, Massenbekanntheit erreichte er mit Inner City.

Are you ready for an ejaculation?

Holly Johnson rüttelt uns wach >>> und Abfahrt “Relax”, der Megahit aus dem Jahr 1983/84. Und da sind wir wieder am Anfang: treibender, harter Pop, ein super Song. Das Publikum ist wieder sofort am Start und singt textsicher mit, Fäuste werden in die Höhe gereckt. „Two Tribes“, vorgetragen mit viel E-Gitarre und „The Power Of Love“ bilden Abschluss und Höhepunkt des Abends und jede und jeder weiß wieder, warum sie und er eigentlich hier ist.

Holly Johnson

Foto: Steffen Schmid

Die drei Songs wurden innerhalb eines Jahres veröffentlicht und waren alle drei UK-No-1-Hits. Was an der Trilogie der drei Songs rückblickend so faszinierend ist: Mit Hilfe des Pop wird dem Massenpublikum – gelinde gesagt –  (homo-)sexuelle Selbstbestimmung mit SM und Natursekt („Relax“), groteske Weltpolitikthematik („Two Tribes“) und wunderschöne (Liebes-)-Poesie („The Power Of Love“) untergejubelt – das ist ordentlich subversiv, und das ist gut so. Auch wenn der Produzent Trevor Horn die Bandmitglieder im Studio total überforderte, sodass er Studiomusiker anheuerte, damit Horn seine Vision des bombastischen Sounds verfolgen konnte, so stammten die Kompositionen und Texte dennoch aus der Feder von FGTH. Ob das bei Boyzone auch so war?

„The Power Of Love“ treibt vielen die Tränen in die Augen und begänsehäutet nicht nur unseren Fotografen. Auch ich muss mich erinnern an Stehbluesparties in Reihenhäuser-Hobbykellern suburbaner Siedlungen nahe der Landeshauptstadt….

Keep The Vampires From Your Door

Holly Johnson, ebenfalls anscheinend bewegt, bedankt sich beim Publikum und sagt zum Abschied:

Tschüsschen

Holly Johnson

Foto: Steffen Schmid

Ein Gedanke zu „HOLLY JOHNSON, 08.12.2014, LKA, Stuttgart

  • 29. Dezember 2014 um 10:02
    Permalink

    Voll die Zeitreise der Bericht! Die 80er waren rückblickend schon irgendwie niedlich, friedlich, hoffnungsvoll. Holly Johnson und FGTH sind Teil des Soundtracks jener Tage, wo die Selbstverwirklichung über allem stand. Nicht nur musikalisch schien damals so vieles möglich. Wobei: „Ob das bei Boyzone auch so war?“ Eher wohl nicht. War auch nicht alles Gold, was damals funkelnd glänzte.

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