Y’AKOTO, 06.12.2014, Wagenhallen, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

So mit Fünfzig fragst du dich als Gig-Blogger ja schon manchmal, wie lange du noch auf Konzerte rennen willst, wo jeder denkt, der alte Sack will ja eh nur seinen Nachwuchs abholen. Wo sogar die Musiker meist deine Kinder sein könnten. Wo du dich damit abfinden musst, der Berufs-Jugendliche unter all den tatsächlich Jugendlichen zu sein. Vielleicht tut es dir da auch mal ganz gut, auf ein richtiges Erwachsenen-Konzert zu gehen.

Y’akoto ist in den Wagenhallen, von „Deutschlandradio Kultur“ präsentiert und in „Titel Thesen Temperamente“ mit warmen Worten angekündigt. Da bist du sicher unter deinesgleichen. Feuilleton-Leser, Theater-Abonnenten, Gelegenheits-Konzertgänger, Bildungsbürgertum. Und tatsächlich, du wirst nicht enttäuscht: Silberrücken und reifere Damen reihen sich ordentlich vor dem ehemals alternativen Kulturzentrum, das seine wilden Jahren auch schon längst hinter sich und vielleicht nur noch eine kleine Zukunft vor sich hat.

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Foto: Andreas Meinhardt

Und du erinnerst dich: Vor zwei Jahren war Jennifer Yaa Akoto Kieck schon mal in Stuttgart, damals im Zapata. Das Publikum war ein ähnliches, nur halt viel kleiner. Y’akoto hatte ihr erstes Album „Babyblues“ herausgebracht, auf der Bühne stand eine schüchterne Mittzwanzigerin mit einer fantastischen Stimme und einer formidablen Band. Es war ein schöner Abend damals, Astrid North hatte eröffnet. Ebenfalls aus Hamburg, ebenfalls mit viel Soul. Und du gingst, wie die meisten, ganz beseelt nach Hause: was für zwei tolle Stimmen, was für zwei tolle Frauen. Und du hättest jede Wette abgeschlossen, dass Y’akoto mal „groß rauskommt“, wie man das früher mal nannte.

Und die Wette hättest du gewonnen. Y’akotos neues Album „Moody Blues“ wird von der Kritik gefeiert, die aktuelle Tour ist ausverkauft, und auch die Wagenhallen sind voll. Keine Ahnung, ob man dir und deinen Altersgenossen etwas Gutes tun wollte, aber die Halle ist auf mindestens dreißig Grad aufgeheizt. Nicht nur deshalb freust du dich, dass man euch nicht allzu lange warten lässt. Eine Vorgruppe gibt’s auch nicht. Fein, da kommst du mal zu einer vernünftigen Zeit nach Hause. Zu einer Zeit, wo bei deinen anderen Konzerten meist noch nicht mal der Support Act auf der Bühne steht.

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Foto: Andreas Meinhardt

Das schüchterne Mädchen ist Y’akoto inzwischen nicht mehr. Ganz divenhaft kommt sie im roten Leder-Trenchcoat auf die Bühne, aus dem Stand stimmt der Sound. Stimmlich gefällt sie dir noch besser. Ein beindruckender Umfang an Tonlagen und Ausdrucksmöglichkeiten. Die ewigen Vergleiche mit Nina Simone oder Billie Holiday magst du zwar schon nicht mehr hören, auch die mit Sade oder Amy Winehouse nicht. Dumm nur, dass sie alle stimmen. Wie damals im Zapata ist sie umgeben von einer Riege hervorragender Musiker. Und du merkst gleich: Haile Jno-Baptiste an der Gitarre ist ein ganz besonderer Könner. Sein Jimi-Hendrix-mäßiges Zungensolo ist vielleicht ein wenig übertrieben, vor allem in diesem eher gemäßigten Rahmen. Als er dann aber für einen Titel als Sänger nach vorne darf, wünschst du dir, wie viele in der Runde, dass er noch ein paar Songs mehr singt.

Ansonsten bleibt die Band meist diskret im Hintergrund. Exakt und sparsam, kein übertriebenes Muckertum. Y’akoto ist der Star. Mit schlangenartigen Tanzeinlagen, leicht verkicherten Zwischenansagen und einem tollen Spektrum an Songs. Getragene Blues-Balladen, wuchtige Soulnummern, Tanzbares wie das Moloko-Cover „Sing It Back“ oder auch federleichter Afro-Pop, in dem der grandiose Benoit Dordolo auf dem Bass die zweite Gitarrenstimme spielt.

Und du ertappst dich dabei, dass du, wie die meisten in der Halle, und trotz der tropischen Temperaturen, in leichte Tanzbewegungen kommst. Du könntest jetzt rumkritteln, dass es nicht mehr ganz die Frische des letzten Auftritts hat oder insgesamt schon fasst zu perfekt ist. Aber das wäre nicht gerecht: Die Stimmung ist gut, allen gefällt es bestens.

Eines weißt du aber auch, als das Konzert nach knapp zwei Stunden vorbei ist: so ein richtiges heftiges Club-Konzert mit Moshpit und Bierdusche ist dir irgendwie doch lieber. Notfalls auch allein unter Jugendlichen.

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Foto: Andreas Meinhardt

Ein Gedanke zu „Y’AKOTO, 06.12.2014, Wagenhallen, Stuttgart

  • 8. Dezember 2014 um 08:45
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    Nachtrag: die Kämpferfaust und den sehr ernsten Auftritt zu Beginn hat Y’akoto im Anschluss auf Facebook erklärt. Sie ist ohnehin eine sehr ernsthafte, politische Künstlerin. Die aktuell bekannt gewordenen Erkenntnisse um den Tod von Eric Garner haben sie kurz vor dem Konzert erreicht und sehr bewegt. Wen nicht?

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