ARPEN & THE VOLUNTEERS, 29.11.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

ARPEN & THE VOLUNTEERS, 29.11.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

„Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee“. Erste Amtshandlung nach dem Wohnzimmer-Gig mit Eric Pfeil war der Kauf eben dieses Buches. Pfeils gesammelte Kolumnen und Konzertkritiken. Ich habe es verschlungen – mit Staunen, Begeisterung und Schenkelklopfen. Hätte ich nicht tun sollen, denn nun nagt es an mir: Wie lahm und uninspiriert kommt doch mein Geschreibsel daher, wenn man es an diesem Großmeister misst. Entwickelt sich hier eine Schreibhemmung? (Warnung an alle Gigblogger: Finger weg von diesem Buch, wenn es euch nicht wie mir ergehen soll. An alle anderen: unbedingte Kaufempfehlung)

Betrachten wir das heutige Wohnzimmerkonzert deshalb auch als Therapie: ein vertrauter Rahmen, garantiert kein Profi-Kritiker von Pfeils Kaliber anwesend und mit Arpen & the Volunteers eine Band, über die nicht schon jeder geschrieben hat. Und ganz ehrlich: Eigentlich hatte ich gar nicht vor, diesen Gig zu besuchen. Allzu dicht der Kalender in der Jahresend-Rallye. Aber die Aussicht auf einen lauschigen Abend mit der lieb gewonnenen Wohnzimmer-Mischpoke und vor allem das Reinhören in Arpens aktuelles Album „Monday“ haben mich doch aus dem Haus gelockt.

ARPEN & THE VOLUNTEERS, 29.11.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Arpen ist ein gut bekannter Gast in diesem Wohnzimmer. Mit Me & Oceans hat er hier auch schon gespielt. Sein „Freiwilliger“ in der heutigen Besetzung ist der Gitarrist Timo Klöckner. Und wenn der Live-Gig hält, was das Album verspricht, dürfte es ein Abend werden, der ganz tief in die Musik-Geschichte eintaucht.

Und tatsächlich: Mit seinem Eröffnungssong „Buddy Bolden Blues“ präsentiert Arpen gleich einen uralten Standard: der Titel über den ersten Jazzband-Leader überhaupt stammt immerhin aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Mit „Delia„, einer wunderbaren folkigen Murder Ballad wird es dann sogar fast weihnachtlich, schließlich wacht die Hauptperson genau am Weihnachtsabend auf. Und zwar gefesselt im Kofferraum eines Autos an der Lower East Side.

Nach drei Titeln kündigt sich eine Wendung an. Er habe nicht nur leise Titel im Programm, nein, es gäbe auch leise, lange Titel. Einen solchen wolle er jetzt spielen, bevor die Stimmung vollends außer Rand und Band gerate. Kleiner Scherz, ist es doch mal wieder mucksmäuschenstill im Rohrschen Wohnzimmer. Und das war nicht unbedingt zu erwarten, denn heute ist die gute Stube an ihren Kapazitätsgrenzen. Gut achtzig Besucher drängen sich in allen Winkeln. Und anfangs sieht es so aus, als ob die wohnzimmertypische Konzentration auf den Künstler dieses Mal nicht zustande käme. Doch die einführenden Worte des Hausherrn tun ihre Wirkung. Wenn auch – so hört man – nicht bei der Spendenbereitschaft der Besucher. Bei fast doppelt so vielen Gästen soll nur knapp mehr im Künstlerhut gelandet sein als sonst. Da haben wohl einige das Prinzip dieser Konzerte noch nicht ganz verstanden.

ARPEN & THE VOLUNTEERS, 29.11.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Die große Kunst Arpens besteht im Weglassen. Seine Lieder sind minimiert bis zum Gehtnichtmehr, weitere Reduktion ginge an die Substanz. Die Instrumentierung ist äußerst sparsam. Crossroads wird zum Beispiel nur von sparsamen Akzenten auf dem Glockenspiel begleitet. Auch stimmlich genehmigt er sich keinerlei Ornament. Er singt, ganz lapidar mit sanfter Bariton-Stimme. Keine Effekte, kein Vibrato, kein Rumgestelze. Und sein Kompagnon Timo setzt ebenfalls nur sparsame Akzente mit der Gitarre.

ARPEN & THE VOLUNTEERS, 29.11.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Weitere erlesene Cover-Versionen finden sich im Programm: Yoko Onos „Goodbye Sadness“, W. C. Handys „Saint Louis Blues“ und – für mich der Höhepunkt – „Saint James Infirmary“, dieser durch Louis Armstrong bekannt gewordene Klassiker. Noch nie habe ich ihn in einer derart einfachen Version gehört und die ergreifende Geschichte von Big Joe McKennedy und seinem Besuch im Saint-James-Krankenhaus kommt so unmittelbar, dass ich mich einer Gänsehaut nicht erwehren kann.

ARPEN & THE VOLUNTEERS, 29.11.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Als Zugabe hoffen wir auf den Country-Song „Cow Cow Yickie Yickie Yea“, der steht aber leider nicht auf dem Programm. Stattdessen gibt es nochmal „Delia“, und als der Konzertkater Michl konsequent in die leisen Stellen hineinmaunzt, wird er mit einigen Zeilen spontan in den Song eingebaut. Das Gerücht, dass Arpen einen Hip-Hop-Background habe, wollte ich ja zuerst nicht glauben, mit dieser Freestyle-Einlage erbringt er aber mühelos den Beweis. Und so spannt dieses kleine, feine Konzert ganz mühelos den Bogen über die letzten hundert Jahre Populärmusik.

ARPEN & THE VOLUNTEERS, 29.11.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Die Setlist:

Buddy Bolden Blues
For All
Delia
For How Long How Long
Saint James Infirmary

Goodbye Sadness
Saint Louis Blues
Cross Roads
Your Ways

Delia

4 Gedanken zu „ARPEN & THE VOLUNTEERS, 29.11.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

  • 2. Dezember 2014 um 10:10
    Permalink

    … wollte mir eigentlich das Eric-Pfeil-Buch zum Geburtstag wünschen, aber wenn das solch einen zersetzenden Charakter hat …

  • 2. Dezember 2014 um 11:25
    Permalink

    Ach, ich spiele auch weiterhin Tennis nachdem ich ein Match von Roger Federer gesehen habe. Der Fehler liegt in der Annahme, man würde den selben Sport betreiben, tut man aber nicht.

  • 2. Dezember 2014 um 14:03
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    Großartige Erklärung, Lino ;)

  • 2. Dezember 2014 um 14:04
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    Kriegst meins, Bertram. ;)

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