URIAH HEEP, VOODOO CIRCLE, 26.11.2014, LKA, Stuttgart

Uriah Heep

Foto: Özlem Yavuz

Warum denn jetzt auch noch so Classic Rock Gedöns, das ist doch peinlich!? Ganz einfach, Uriah Heep muss ich zumindestens einmal in meinem Leben gesehen haben, denn… 1985, der 13jährige Lino sitzt im Auto seines Vaters, und der lässt laut die MC „Look At Yourself“ von Uriah Heep laufen. Der vor sich hin pubertierende Sohn ist begeistert, angefixt von den harten Gitarren und der verzerrten Hammond. Paar Monate später erste Black Sabbath LP gekauft, Dio-Konzert kurz darauf. Die zweite Hälfte der 80er mit regelmäßig Metal Hammer kaufen, unzähligen Heavy Metal Kassetten, und Fernbleiben von Diskotheken, wo man Frauen kennen lernt, können endlich beginnen. Weil: Uriah Heep.

Das Abenteuer Classic Rock beginnt recht früh um 19:15 Uhr in der schon zu 2/3 gefüllten Halle mit 21Octayne. Eine deutsche Band (einer war wohl bei Axxis, auch so etwas, was sich damals temporär bei mir auf Kassette verirrt hatte), die sauberen 80ies Hard Rock, der nach USA klingt, spielen. Dafür gibt’s natürlich keinen Preis für das waghalsigste Genre, aber man darf durchaus neutral konstatieren, dass die Songs gut komponiert sind. Gesang, Zusammenspiel, Sound, alles tiptop. Halb- und Powerballaden sind natürlich auch dabei, umschiffen aber meine persönlich gesteckten Grenzen, was seichten Rock-Kitsch angeht, gekonnt. Mal davon abgesehen, ich habe damals auch White Lion und Europe gerne gehört, heute Journey und Asia, da muss ich jetzt auch gar nicht den geschmäcklerischen Kritiker spielen. Adult Orientated Rock, eine offene Flanke in meiner sonst so soliden Stil-Phalanx. Nach 30 Minuten gibt es auf jeden Fall viel Applaus, und ich habe mich auch gut unterhalten gefühlt. Seltsam irgendwie.

Voodoo Circle

Foto: Özlem Yavuz

Kurz vor Acht kommt der zweite Support auf die Bühne. Voodoo Circle. Ebenfalls eine Band aus germanischen Landen, u.a. mit Metal-Urgestein und Lokalmatador Mat Sinner am Bass. Star der Band ist aber wohl der Sänger Alex Beyrodt, bekannt durch Sinner und Primal Fear. Mir kein Begriff, aber man merkt gleich, dass da jemand weiß, wie man harten Rock singt. Das langhaarige Quintett legt mit einem Stück los, das mich gleich etwas an Rainbow erinnert, v.a. das Gitarren- und Keyboard-Solo mit ordentlich Harmonisch Moll geht in die Richtung. Auch der zweite Song huldigt mit der fetten Hammondorgel einer weiteren 70ies Größe, Deep Purple. Der Refrain klingt dann aber eher nach klassischem 80er Hard Rock. Kommt auch nicht oft vor, dass mir die Strophe besser als der Refrain gefällt.

Schön anzuschauen ist das spektakelorientierte Gefuchtel vom zutätowierten Drummer. Mit „Tears In The Rain“ (sic) gibt es einen schönen, leicht bluesigen Song im besten Stil der frühen Whitesnake. Danach kommt eine monumentale auf- und abschwellende Halbballade à la „Catch The Rainbow“. Da zeigt die Band, dass sie auch ganz leise spielen kann, was kurz fast schon einen jamartigen Charakter ergibt. Bisher bin ich angenehm überrascht. Von der Band, und von mir selber, dass ich mich gut unterhalten fühle. Wahrscheinlich ein Schlüsselmoment heute Abend, bei der mir die aufgesetzte Indie-Maske vom Gesicht heruntergerissen wird, und klar wird, dass ich wohl doch der Classic-Rock Typ bin, nagende Identitätszweifel.

Voodoo Circle

Foto: Özlem Yavuz

Vielleicht aber doch nicht, denn der Song danach ist ein schlimmes Stück Kommerz-Hardrock, wie es in den 80ern gerne von eigentlich ganz ordentlichen Bands aufgenommen wurde, um eine Single mit Airplay zu haben. Nicht mein Fall. Das letzte Stück, das wieder nach den beiden bekanntesten Blackmore Bands klingt, sowie das Led Zep Cover „Rock’n Roll“ versöhnen mich dann aber schnell wieder. White man hetero Rock, so bin ich drauf. Und die Zuschauer aber auch, viel, viel Applaus gibt es vom Publikum, das erwartungsgemäß nicht aus den allerjüngsten Hüpfern besteht.

Nach etwas zu lang geratener Umbaupause geht es im mittlerweile vollen LKA um 21:15 Uhr mit Uriah Heep weiter. Von der Urbesetzung ist ja nur noch Mick Box dabei. Sänger Bernie Shaw und Keyboarder Phil Lanzon sind immerhin auch schon seit Mitte der 80er dabei. Schlagzeuger und Bassist erst seit paar Jahren, und die sehen auch merklich jünger aus. Der Sound ist aber wirklich sehr gut, und überragend mit welcher Frische die Band spielt. Das klingt nicht im Geringsten müde oder schlapp.

Uriah Heep

Foto: Özlem Yavuz

Die ersten Songs sind mir natürlich nicht bekannt, aber überzeugen durch eine schöne Mischung aus viel Druck und Melodiösität. Es gibt die typischen Chorgesänge in den Refrains, Uptempo Rhythmik und sehr tightes Zusammenspiel. Respekt! Hier wird nicht routiniert der übliche Sermon runtergespielt. Gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass das erste Uriah Heep Album 1970 rauskam, 24 Alben wurden seitdem veröffentlicht, und so eine richtige Pause gab es nie.

Bernie Shaw ist gut bei Stimme, seine Ansagen launig. Die Aufforderungen und Fragen ans Publikum verpuffen allerdings etwas, v.a. wenn es Bezug nimmt auf die neuen Sachen. Die meisten sind dann halt doch wegen den alten Hits da (ich ja eigentlich auch). Mit „Magicians Birthday“ gibt es ein langes Stück mit Gitarre-Drum-Solo Part in der Mitte. Ein Stück aus dem Jahre 1972, „a great year for prog rock“ laut Mr. Shaw. Toller Song, beeindruckend wie sicher die hohen Parts gesungen werden.

Uriah Heep

Foto: Özlem Yavuz

Die neuen Songs kommen bei mir teils ganz ordentlich („Can’t Take That Away“), teils etwas zu bieder („One Minute“) an. Aber „July Morning“ ist dann wieder klasse. Großartiger Song, bekomme ich jedes Mal Gänsehaut von, auch wenn die Liveversion nicht ganz an die Originalversion rankommt. Ein Rock-Monument. Das gilt natürlich erst Recht für „Lady In Black“. Wenn man sieht wie die Leute immer schön auf die Eins in die Hände patschen und „Lalala“ mitsingen, könnte man meinen, die wären Alle nur deswegen hier. Die Band spielt den Song aber schön groovend, fast schon swingend, und nimmt so dem Marschgeklatsche den Wind aus den Segeln.

Aber nach diesen 80 Minuten ist noch nicht Schluss. Zugaben gibt’s. Zwei weitere Meilensteine des 70ies Rock bekommen wir begeisternd dargeboten. „Gypsy“ mit einem toll dröhnenden Hammond-Riff und „Easy Living“. Beide Songs , die noch einmal zusammenfassen, was den Sound von Uriah Heep so ausmacht. Melodien, Chorgesänge, Orgel-Gitarrenriffs die zeigen, dass Uriah Heep keine Vertreter von episch langem Solomuckertum sind, sondern songorientierte Hard Rocker, die man sich auch im Jahre 2014 noch sehr wohl antun kann.

Voodoo Circle

Uriah Heep

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