ART BRUT, 08.11.2014, Café Bohème, Stuttgart

popnotpop

Foto: Özlem Yavuz

„Damit hat mich meine große Schwester damals immer aufgezogen.“ Mein Mitbewohner hebt sein Gin Tonic gefülltes Glas, grinst breit, prostet Richtung Bühne, während der Mann im gesprenkelten Hemd „My little brother just discovered rock ’n‘ roll / There’s a noise in his head and he’s out of control“ skandiert. Es ist ein Abend der von nostalgischen Gefühlen dominiert wird, Erinnerungen an die eigene Oberstufenzeit, Mofahelmfrisuren und erste Festivalbesuche aufkommen lässt. Da passt es gut ins Bild, dass Eddie Argos ganz in seinen Element ist: Der Wahl-Berliner und würdige Jarvis-Cover-Imitator spuckt schwarzhumorige Verse aus, erzählt Anekdoten und unterstreicht, warum Art Brut, seine Band, vor beinahe zehn Jahren eine große Hoffnung und ein next big thing im Hype hungrigen England war.

Nach dem Ausstieg des prägenden Bassisten Jasper Future im vergangenen Jahr befürchtete manch einer das Ende der Gruppe, die immer das Potential hatte das 00er-Jahre-Pendant zu Pulp zu werden, musikalisch nahezu ebenbürtig ist, aber im Bekanntheitsgrad doch stagnierte. Umso beruhigender ist die Gewissheit, dass Art Brut auch 2014 noch existieren. Bei der diesjährigen Auflage des POPNOTPOP-Festivals steht die Band für eines von lediglich vier Konzerten einer kurzen Akustiktour als Duo auf der Bühne. Wie gut die Reduktion der häufig punkig arrangierten Art-Brut-Klassiker gelingen würde, war im Vorfeld freilich nicht abzusehen, doch genügen wenige Minuten und das Publikum im überfüllten, ausgesprochen stilvoll eingerichteten Café Bohème in der als „Fluxus – Temporary Concept Mall“ wunderbar zwischengenutzten Calwer-Passage ist begeistert. Die Klasse der Songs und vor allem Argos‘ Habitus sowie selbstredend seine entwaffnende Lyrik sind nach wie vor umwerfend. „We’re ready to reclaim folkrock“, bekundet der charismatische Frontmann ironisch, dann spielt Gitarrist und Gründungsmitglied Ian Catskilkin „Wild Horses“ und Rage Against the Machine an, geht wieder in „My Little Brother“ über, hier und da wird bereits gedankenverloren mitgesungen.

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Foto: Özlem Yavuz

Lange schon als glänzender Texter verehrt, tritt Eddie Argos auch als Autor in Erscheinung. Auch als Lesung angekündigt, stellt er im Rahmen des Auftritts sein aktuelles Werk vor: „It’s A Bit Complicated“ betitelte man 2007 das einem gängigen Klischee gemäß schwierige zweite Studioalbum, dessen Aufnahmen tatsächlich mit Schwierigkeiten verbunden gewesen seien. Mit starkem Ausdruck liest Argos vor, doch gehen die Worte in der allgemeinen Unruhe unter. Das Club-Festival-Publikum ist nicht darauf eingestellt, aufmerksam zuhören zu müssen und so bleibt es bei einer literarischen Anekdote im Café Bohème. Statt beleidigt zu reagieren, meistert der Engländer die Situation mit Bravour, belohnt die zahlreichen Fans vielmehr mit dem dem traumhaften „Blame It On The Trains“, das man schon ewig nicht mehr gespielt habe. Der ruhige Song ist ein Höhepunkt eines exzellenten Konzerts. Stücke der raren Kategorie „Ungewöhnliche Liebeslieder“ hört man viel zu selten. Argos schrieb mit seiner Trennungsode ohne Bitterkeit aber mit Humor ein solches: „Just another five, another five minutes“, singt er. „That train’s gone and we’re not in it / My heart can’t take the strain /Give me thirty minutes and we’ll blame it on the“. Schluss.

Es folgen „Pump Up The Volume“ und das grandiose „St. Pauli“ mit den nahezu unübertrefflichen Versen „Punk rock ist nicht tot“, „Sorry if my accent’s flawed / I learnt my German from a 7“ record“ und – natürlich – „We are Hamburg school“(!). Zwischen Publikum und Musikern besteht keine Distanz, die Bühne ist klein und hebt sich kaum vom übrigen Raum ab. Die Nähe ermöglicht für ein Akustikkonzert ungewohnte Energie, intensiv ist das alles sowieso. Mit „Lost Weekend“ liefern Argos und Catskilkin im Anschluss den passenden Klischee-Soundtrack für das POPNOTPOP-Festival und den Kater am nächsten Tag. „Stumbling from one club to another / My friends and I, all lost each other / I didn’t want the weekend to be over / Stood at the cash pan trying to look sober“. Eddie Argos hebt sein Glas, Zuschauer folgen. „Modern Art makes want to rock out“, brüllt er schließlich, wechselt wie so oft in klassische Spoken Word Peformance und schildert pointiert einen verhängnisvollen Besuch des Van Gogh Museum in Amsterdam, „I want to taste the painting, I want to lick on the paintings“.

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Foto: Özlem Yavuz

Vom Rolling-Stone-Cover zum Auftritt vor wenigen hundert Zuschauern ist sicherlich ein enttäuschender Weg. Art Brut waren vor gar nicht allzu langer Zeit Teil der zurecht gefeierten Speerspitze des Indie-Rocks der Libertines-Generation, dem aufgrund seiner Scharfzüngigkeit und des oftmals kruden Humors der Weg in den Mainstream verwehrt blieb. Eine Verschwendung, betrachtet man das fantastische „Emily Kane“ oder „Formed A Band“, Schlüsselsongs, mit denen das Duo den Auftritt in der Calwer-Passage beendet. „Art Brut Top of the Pops“, singt Argos in ritualisierter Selbstironie vor der „faked encore“ „Brand New Girlfriend“, ergänzt „Robocop Kraus Top of the Pops“ und entlässt seine begeisterte Zuhörerschaft in die Clubs der Stadt.

Eine knappe Stunde später steht die genannte, befreundete Nürnberger Band – The Robocop Kraus – vor vollem Haus auf der Bühne im Club Schocken. Eddie Argos ist strahlender Teil des Publikums und hebt einmal mehr sein Glas. Er und die deutlich jüngere Menge feiern die Post-Punk-Band frenetisch. Das vermutlich beste Konzert des Festivals haben dabei die meisten verpasst, denn Art Brut ist immer noch außergewöhnlicher als durchschnittliche Festival-Bands und verfügt über alterslose Hits. Den Machern des POPNOTPOP-Festivals gebührt derweil großes Lob, mit einem Akustikkonzert von Argos und Ian Catskilkin einen ganz besonderen Coup gelandet zu haben.

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Foto: Özlem Yavuz

Art Brut und anderes

Ein Gedanke zu „ART BRUT, 08.11.2014, Café Bohème, Stuttgart

  • 13. November 2014 um 09:29
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    Sehr schöner Text und die Bilder von Özlem sind großartig.

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