DAF, 07.11.2014, LKA, Stuttgart

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Foto: Reiner Pfisterer

„Geh in die Knie, und klatsch in die Hände! …“ Ehrlich gesagt habe ich mich vor dieser Aufforderung von Gabi Delgado aufgrund meiner in ihrer Anzahl dramatisch zugenommen Orthopädenbesuche in den letzten Jahren ein bisschen gefürchtet. In die Knie gehen ist meist kein Problem für Menschen meiner Generation, der in den 60ern geborenen, nur das Aufstehen fällt zunehmend schwerer. Und es ist auch unsere Generation, die damit musikalisch sozialisiert wurde, Mussolini und Hitler aus den Geschichtsbüchern heraus zu holen und sie zu tanzen. Und so war dieser Abend für viele der 500 Besucher eine Reise in die Zeit des Erwachsenwerdens.

Die Gefahr komplett in einer Ü-40-Party zu sein, wurde jedoch dadurch abgemildert, dass Luca Gillian von Die Selektion – einer der beiden DJs, die ab 19 Uhr das Longhorn auf Betriebstemperatur brachten – gerade mal Anfang 20 ist und somit wenigstens der Schein einer Generationen übergreifenden Veranstaltung gewahrt wurde.

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Foto: Reiner Pfisterer

Wenn ich mich an die Vielzahl toller Musik Anfang der 80er Jahre zurück erinnere, so gab es damals zwei Hymnen für mich: „Paul ist tot“ von Fehlfarben und „Verschwende deine Jugend“ von DAF. Robert Görl und Gabi Delgado waren damals der Inbegriff von Coolness. Es war die Zeit meines ersten Musikexpressabos und selbst aufgenommenen Mixtapes. Ein Lied, das darauf nie fehlen durfte, war „Verschwende deine Jugend“, denn wann, wenn nicht mit 15 Jahren, soll man davon träumen! Und dass DAF an diesem Abend gleich mit diesem Song beginnen, betrachte ich als ein gutes Omen.

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Foto: Reiner Pfisterer

Es gab in den letzten Jahren zwar immer mal wieder Auftritte der beiden, aber aus meinem musikalischen Horizont hatten sie sich entfernt. Ich war mir auch nicht wirklich sicher, ob es ein guter Abend werden würde. Zu oft hatte ich Bands bei der dritten Comebacktour nur noch mitleidig beklatscht. Aber die beiden, immer noch vor Coolness strotzend, traten mit einem gewinnenden Lachen auf die sehr minimalistische Bühne und vermittelten sofort, dass sie gerne da sind. In dieser Beziehung bin ich mittlerweile sehr unnachgiebig. Eine Band, die auf der Bühne steht, muss dabei Spaß haben. Hat sie das nicht, dann habe ich auch keinen. Als drittes Stück dann „Der Mussollini“. Ich habe ja zu Beginn bereits meine „gesundheitlichen“ Bedenken erwähnt, doch das Fotografieren entband mich zum Glück von der empfundenen Pflicht der Aufforderung zu folgen.

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Foto: Reiner Pfisterer

Vor ein paar Wochen war ich bei einem der überragenden Konzerte von Kraftwerk und das „Boing Boom Tschack“ der Elektropioniere ging mir tagelang nicht mehr aus den Ohren. Das „Boing“ hat Schlagzeuger Robert Görl weggelassen und der Soundtrack des Abends bestand bei den allermeisten Songs dann aus „ Boom, Tschack, Boom, Tschack, Boom Tschack …“ Doch das alles hat durchaus Charme. Die Menschen tanzen und Delgado spritzteUnmengen von Mineralwasser ins Volk.
Nach einer starken Stunde beenden die beiden ihr reguläres Set mit „Als wärs das letzte Mal“, auch so ein Klassiker der Adoleszenz. Sehr wohlwollender Beifall, der zu „Kebab-Träume“ als erster Zugabe führt. Ich habe erst vor Jahren realisiert, dass der Song nicht von Fehlfarben, sondern von DAF geschrieben und zuerst aufgenommen wurde.

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Foto: Reiner Pfisterer

Alle Slogans wie „Alle gegen alle“ oder „Für immer“ waren unters Volk gebracht, fast alle Hits gespielt, lediglich einer fehlte. Gabi Delgado setzt sich auf eine Monitorbox und begann vom Räuber und dem Prinzen zu singen. Eine Band, zwei Menschen, die durch Höhen und Tiefen gegangen sind, auf Augenhöhe mit den Menschen, die mit ihnen erwachsen geworden sind und mittlerweile selbst erwachsene Kinder haben, was für ein schönes Schlussbild. Danke, war ein toller Abend! Für immer!

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Foto: Reiner Pfisterer

2 Gedanken zu „DAF, 07.11.2014, LKA, Stuttgart

  • 10. November 2014 um 08:43
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    DAF sind Helden meiner Jugend, die sich musikalisch hauptsächlich zwischen New Wave, Punk, Synthiepop und Industruial bewegt hat. DAF waren und sind provokativ, minimalistisch und bringen nach wie vor unheimliche Energie von der Bühne. Kann dem Autor nur zustimmen, war ein toller Abend. Und im Gegnsatz zum 2011er Konzert in Ludwigsburg habe ich dieses Mal vom ersten bis zum letzten Ton durchgetanzt. Trotz meines fortgeschrittenen Alters :-)

  • 11. November 2014 um 09:04
    Permalink

    Fantastische Fotos, Reiner!

    Nach 2011 habe ich es mir erneut am Freitag angeschaut. Anfangs fremdel ich immer mit den kahlen und refreinfreien Tracks.

    Nach einer Weile kapiere ich dann wieder, was Görl/Delgado meines Erachtens damit eigentlich wollen: Durch die immer heftiger werdenden Wiederholungen, unterstrichen durch Delgados sich steigernder Perfomance, wird der zu Grunde liegende Gedanke des jeweiligen Tracks immer stärker verdichtet. Bei „Alle Gegen Alle“ rennt er am Ende auf der Bühne hin und her, brüllt jedoch noch immer die gleichen Worte wie zu Beginn. Achtung, Riesenwortschöpfung: Hardcore-Ambient. Görl/Delgado: Die totalen StimmungsverDichter. Machen ihre Gedanke durch Beats/Bass/Repetition körperlich erfahrbar.

    Ziemlich crazy, dem beizuwohnen. Das hat mich echt begeistert!

    Zum Weiterlesen und schauen:

    Konzert 2011:
    https://www.gig-blog.net/2011/03/15/daf-psyche-und-deine-jugend-12-03-2011-club-paradox-ludwigsburg/

    Q&A Gabi Delgado:
    https://www.gig-blog.net/2014/11/04/questions-answers-der-gig-blog-fragenkatalog-folge-102-mit-daf/

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