CANNIBAL CORPSE, 05.11.2014, Rockfabrik, Ludwigsburg

Cannibal Corpse

Foto: Telefon

Kettensägen raus, Klassenarbeit: Death Metal. USA, CANNIBAL CORPSE. Natürlich könnte man genüsslich Witze darüber machen, wo denn George „Corpsegrinder“ Fisher damals seinen Hals verloren hat oder ob sein Kopf doch nur ein bisschen zu klein für den Rest des Körpers ist. Viel besser: Maul halten, zuhören und genießen, wie der knuffige Fleischberg mit den süßen Knopfäugchen die ausverkaufte Schleyerhalle in Schutt und Asche brüllt – okay, kleinen Ulk gemacht – „die mit 400 Leuten ordentlich bestückte Rockfabrik in Ludwigsburg“.

Natürlich bellt der 45-Jährige da mitunter ganz großen Quatsch in den Raum: größtenteils detailgenaue Beschreibungen von miesen Dingen, die man mit Menschen oder Zombies anstellen könnte. Beziehungsweise: gröbste Ordnungswidrigkeiten, die man mit Kram vom Baumarkt begehen könnte. Die dazugehörigen Bilder gibt’s in jeder Splatter-Videothek – eine Metaebene nur, wenn man die auch wirklich will. Bahnstreik heißt für CANNIBAL CORPSE allenfalls, dass sie diese Woche kein Lied darüber schreiben werden, wie einer vom Regionalzug nach Paderborn überfahren wird. Aber auch klar: So lange es Hinterbliebene von Opfern gibt, bleibt das zumindest textlich grenzwertiges Entertainment beziehungsweise Kunst.

Doch in der Rockfabrik sind geschätzte 99% der Anwesenden derart gefestigt, das für sich selbst entscheiden zu können. Ich wage auch die Prognose: Wer den komplett überzogenen und absurd überspitzten Splatter-Unsinn als Freizeitanleitung versteht, hat an einem verregneten Mittwochabend eh weit Besseres zu tun, als in der Rockfabrik zu stehen. RTL gucken, Champions League oder Leichenteile in den Wald bringen zum Beispiel. Dazu gehört eben auch ein munteres Lächeln, wenn Fisher Songs ankündigt, die tatsächlich auch mal „Addicted To Vaginal Skin“ heißen.

Zwei junge Herren vor mir versuchen derweil, vereinzelt Textzeilen von „Scourge Of Iron“ mitzubrüllen, aber – ehrlich gesagt –  glaube ich, dass sie nicht mehr gemacht haben als „Ggrrooohhwwwlllllaabtakkawirsingabdabwhuhaaa“ zu rufen. Der Rest im Raum lächelt, schubst sich ein bisschen, nickt mit dem Kopf oder schüttelt ihn gleich im halsbrecherischen Tempo. Einer furzt. Kann passieren, so viel Menschlichkeit muss auch hier gestattet sein.

Hören konnte man das allerdings nicht. Das geht bei CANNIBAL CORPSE nur, wenn man sich deren nahezu perfektes Timing aneignet und einen der Breaks für derartige Körperertüchtigungen nutzt. Da gibt’s dann für den Bruchteil einer Sekunde totale Stille, nix scheppert oder pfeift. Wahnsinn. Es sind nicht die Blastbeats, es ist die Brutalität, mit der sie das Tempo rausnehmen und ihre Lieder damit auf die Spitze treiben, obwohl der Höhepunkt eigentlich längst erreicht war. Als würden sie jemanden fünf Mal totschlagen wollen. Effizienter und gleichzeitig grausamer ist höchstens die Weltwirtschaft.

Was George „Corpsegrinder“ Fisher da veranstaltet, ist natürlich auch aller Ehren wert. CANNIBAL CORPSE sind mit diesem Mann besser als sie es jemals mit Chris Barnes waren. Barnes erinnerte immer an den Hund von Loriot, der eigentlich gar nicht sprechen konnte. In der Rockfabrik spricht auch keiner mehr, erstens weil’s angenehm laut ist und, zweitens weil Staunen keine Worte braucht. Fisher freut das. Er grinst sympathisch, manchmal rotzt er auch auf den Bühnenboden oder wirft den Headbanger-Propeller an. Auch ziemlich gut: Während sich andere Leute mit der Hand die Haare aus dem Gesicht streichen, schüttelt  Corpsegrinder gleich den ganzen Kopf.

Noch irrer: Alex Webster (Bass), Pat O’Brien (Gitarre), Rob Barrett (Gitarre) und Paul Mazurkiewicz (Schlagzeug) an ihren Instrumenten. Selten kamen sich Kunst, Technik, Perfektion und Brutalität näher. Und natürlich auch wieder der Quatsch: „Stripped, Raped And Strangled“ oder „I Cum Blood“. Diese Walze aus purem Death Metal und Energie ist eine Pracht.

Alte Tradition: bei neuen CANNIBAL CORPSE Platten höre ich immer erst die Lieder an, deren Titel mir am Griffigsten erscheinen – oder bei deren Übersetzung mir noch vor dem letzten Wort ein bisschen kotzübel wird. In der Hinsicht ist das Quintett aus Buffalo noch immer eine gemähte Wiese. Klar, an lichtdurchflutete Poesie wie „Entrails Ripped From A Virgin’s Cunt“ oder „Meat Hook Sodomy“ kommt die Death Metal Band aus Buffalo heuer nicht mehr ran und die letzten fünf Alben habe ich mir eher aus reinem Pflichtbewusstsein angehört. Meistens kam auch nicht viel mehr dabei heraus, als würde mir eine süße Katze als Geschenk einen aufgeplatzten Vogel vor die Couch legen. Da sagt man halt: „Toll, das hast du aber feinifeini gemacht“. Das war’s dann aber auch. Doch die neue Platte „A Skeletal Domain“ ist erstmals wieder ein echter Brocken.

Umso freundlicher, dass CANNIBAL CORPSE da am Stück „Kill Or Become“, „Sadistic Embodiment“ und das irrwitzige „Icepick Lobotomy“ raushauen. Da halten sie das Versprechen, dass Slayer längst gebrochen haben: absolute Kompromisslosigkeit an der Grenze zur kategorischen Humorlosigkeit. Wahnsinn.

Humor ist wenn man trotzdem lacht, so wie mein Schreibprogramm. Da stand eben „A Skull Full Of Margots“, weil die Autokorrektur wirklich gar nix kann. CANNIBAL CORPSE können in der Rockfabrik aber alles und deswegen gibt’s am Schluss „A Skull Full Of Maggots“, den Feelgood-Hit „Hammer Smashed Face“, „Devoured By Vermin“ und schon wieder kein Erbarmen. Mehr Flurschäden richtet heute keiner mehr in 80 Minuten an. Und wenn wir ehrlich sind: selbst eine Stunde dieser maßlosen Brutalität hätte vollkommen ausgereicht.

Ein freundlicher Kerl erzählt am Ausgang, dass das heute sein 49. CANNIBAL CORPSE-Konzert war. Für den 50er hat er sich etwas Besonderes überlegt: das Summer Breeze Open Air im Sommer.

Das ist Romantik.

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