ENNO BUNGER, 23.10.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

ENNO BUNGER, 23.10.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

“Also, ich würde mich ja nicht zu mir einladen” witzelt Enno Bunger. Er wundert sich, was Leute eigentlich bewegt, Wohnzimmer-Konzerte zu veranstalten. Die Organisation, der Aufwand, die vielen Fremden in der guten Stube – das ist sicher nicht jedermanns Sache. Und dann noch ein Sänger, der mit seinen traurigen Liedern auch den lustigsten Abend zerstören kann. Dennoch haben sich auf seine Ankündigung einer Wohnzimmer-Tour mehr als achtzig Interessenten gemeldet. Unter den zehn ausgewählten ist auch das Rohr’sche Wohnzimmer. “Weil ich soviel gutes davon gehört habe. Und weil da schon so viele gespielt haben, die ich toll finde.” Eigentlich stehen eher kleinere Orte auf dem Tourplan. Städte, in denen er noch nicht gespielt hat. Für Stuttgart macht er aber eine Ausnahme.

Seine Motivation: ein neues Publikum erschließen, ein wenig experimentieren und einige neue Titel probieren, bevor es auf die große Tour geht. Rein ausstattungsmäßig ist der Unterschied allerdings eher unerheblich. Das wohlbekannte Wohnzimmer ist jedenfalls mit zwei Keyboards, einer PA, einem Drumpad, zwei Gitarren, mitgebrachten Scheinwerfern und einem Akkordeon zu einem veritablen Liveclub ausgebaut. Dass sich zudem auch besonders viele Gäste eingefunden haben, macht den Abend besonders kuschelig. Enno ist auch nicht alleine da. Onno Dreier begleitet ihn; sein Kumpel Dirk hilft als Wohnzimmer-Roadie.

ENNO BUNGER, 23.10.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Sinnigerweise eröffnet er den Abend mit „Abspann“. Ein durchaus typischer Song von seinem Album “Wir sind vorbei”: eine eingängige Klaviermelodie, melancholischer Text, emotional, authentisch, und komplett unkitschig. Enno Bunger eben.

“Warum hören sich die Leute eigentlich meine traurigen Lieder an? Ich schaue hier doch in lauter gut gelaunte Gesichter. Wartet nur ab, ich werde euch schon noch runterziehen. Oder hört ihr euch das etwa nur an, um euch daran zu erfreuen, dass es anderen noch schlechter geht? Quasi das RTL-Syndrom?” Großartig, wie der smarte Ostfriese (nein, das ist kein Widerspruch in sich) zwischen lustigen – später sogar sau-komischen – Erzählungen und seinen meist eher ruhigen Liedern wechselt. Wie immer wird mucksmäuschenstill gelauscht, nur Konzertkater Michl maunzt manchmal in die leisen Stellen.

ENNO BUNGER, 23.10.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

“Nichts ist für immer” beindruckt mit einem monumentalen Instrumentalpart. “Ein Astronaut” mit seinem minimalen Orgelsound und dezentem Schlagzeug-Einsatz von Onno Dreier, ist die adäquate Antwort auf Bowies “Space Oddity”.

Richtig zur Hochform läuft Bunger auf, als er Anekdoten aus seiner Zeit als Bar-Pianist und Organist zum Besten gibt. Mit welchen Tricks er das Sieben-Stunden-Repertoire beim Jubiläum des örtlichen Einkaufscenters zusammengeschummelt hat und wie knapp beieinander ein Hochzeits- und ein Trauermarsch liegen. Natürlich alles virtuos unterlegt mit Soundbeispielen. Das ist großes Entertainment, das Publikum hängt an seinen Lippen. “Achja, Musik habe ich für eine Stunde, aber so ein Abend kann schon mal zweieinhalb Stunden dauern…”, scherzt er. Aber gerne doch, so lange wir so wichtige Dinge wie den ostfriesischen Imperativ lernen, soll’s uns recht sein.

Wenn sie dann Musik machen, verstehen sich Enno und Onno blind. Bis auf einen herzhaft daneben gegriffenen Akkord, der beiden ein schmerzverzerrtes Grinsen entlockt, passt wirklich alles. Mit “Bear In The Woods” gibt Onno ein Intermezzo seines Solo-Projekts “Projektor”.

ENNO BUNGER, 23.10.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Einmal noch plaudert Enno aus dem Nähkästchen: ihr Auftritt bei „Inas Nacht“. Das sei nicht nur eine siebenstündige Anstrengung gewesen, er habe ihn tatsächlich bekannt macht. Am nächsten Tag schon hätten ihn die Leute auf der Straße erkannt. Zumindest fast…

“Die Flucht” habe er übrigens geschrieben, um der Aufgabe der Popkultur gerecht zu werden, sich an der älteren Generation zu reiben. Extra schräg hätte er es gestaltet, blöderweise hätte aber genau dieser Titel seiner Mutter besonders gut gefallen. Überhaupt: zu jedem Titel hat Enno wichtige Hintergrund-Info parat: “Wahre Freundschaft” würde gern von Teenies zum unterlegen ihrer mit rosaroten Einhörnern verzierten Freundschafts-Videos bei Youtube verwendet. Dagegen sei man nun vorgegangen, allerdings so gründlich, dass nun auch sein Freundschafts-Video für Onno verschwunden sei.

Nach gut zwei Stunden, einem tollen Element-Crime-Cover, einer ersten Zugaben-Runde mit seinem Hit “Regen”, treten Enno und Onno nochmal akustisch vor “die Bühne” und schließen den Abend mit einer Akkordeon-untermalten Version von “Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung”. Wie wahr.

ENNO BUNGER, 23.10.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

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