MARIANNE FAITHFULL, 11.10.2014, Liederhalle, Stuttgart

Marianne Faithfull

Foto: Steffen Schmid

Eingehakt bei einem Roadie, gestützt auf einen eindrucksvollen Gehstock betritt die alte Dame die Bühne der Liederhalle. Über tausend Zuschauer feiern die 67-jährige Engländerin, bevor sie ein Wort sagen, geschweige denn singen kann. Der mit Glitzerapplikationen versehene Blazer eines vermutlich berühmten Designers passt  haargenau. Marianne Faithfull geht mit vorsichtigen Schritten zwischen ihren vier Mitmusikern, dann alleine vor zum Bühnenrand, nimmt die Brille ab: Sie winkt, hebt den Stock, lächelt. Es ist der Auftakt ihrer 50th Anniversary Tour, ihrer letzten Konzertreise, wie sie immer wieder in Interviews anklingen lässt.

Weil sie massive Drogenprobleme, die daraus resultierende Obdachlosigkeit Ende der 60er, schwere Krankheit und zahllose Schicksalsschläge überstanden hat, beschwören Boulevard wie Feuilleton gerne das Bild der Überlebenden. Ihr selbst ist das unangenehm, aber es ist viel Wahres dran und das sieht man: Hinter ihr liegt weit mehr als das, was man allzu oft bewegtes Leben nennt. Die Faithfull ist faszinierende Pop-Ikone und Legende. Davon zehrt sie noch heute, auch wenn sie von einem Trümmerbruch der Hüfte schwer gezeichnet ist, in manchen Momenten gebrochen wirkt.

Marianne Faithfull

Foto: Steffen Schmid

Gemessen an ihrer Vergangenheit wenig überraschend, ist es zu großen Teilen ihr Mythos als Jagger-Muse – und bei manch einem auch die weit in das Reich der Mythen reichende und unwahre Behauptung, sie trage eine Mitschuld am Tode Jim Morrisons, weil ihr Ex-Freund ihm Heroin verkaufte –, der deutlich über tausend Besucher in den großen Hegel-Saal der Liederhalle lockt. Pop trifft auf Hochkultur im Zweckbau am Berliner Platz, wo meist klassische Konzerte stattfinden. Da wird an der Abendkasse schon mal nach einem Programmheft gefragt – selbstverständlich vergebens.

Marianne Faithfull

Foto: Steffen Schmid

„Hello, good evening, ladies and gentlemen. Meine Damen und Herren. It’s so lovely to be back in Stuttgart. And I will much more enjoy it now, because I quit smoking“. Charmant zieht Faithfull das Auditorium im bestuhlten Saal in ihren Bann. Sie habe nach über 40 Jahren mit dem Rauchen aufgehört, berichtet sie, nur um kurz darauf tiefe Züge aus einer E-Zigarette zu nehmen. Der Nebel schenke ihr Schutz. Überhaupt sei diese Wirkung der entscheidende Faktor beim Rauchen. Dann setzt die Band mit nüchtern arrangierten Songs zwischen Pop, Chanson und mit einem Hauch New Wave ein. Der Titelsong ihres gefeierten aktuellen Albums „Give my Love to London“ eröffnet den Abend. Mit einer sarkastischen Rückschau auf das London der Swingin‘ Sixties zu beginnen, passt zur charakterstarken Künstlerin. London erfülle sie mit Grausen, merkte die Exil-Britin, die zwischen Paris und der irischen Provinz pendelt, in den letzten Wochen in Gesprächen mit den großen Zeitungen mehrfach an, zu schlecht sei es ihr, die das Bild der britischen Popmusik der Zeit mitprägte, in den späten 60ern und frühen 70ern dort ergangen. „If I was to die there, I wouldn’t really care“, schließt sie zur bedächtigen Melodie unzweideutig. Nichtsdestotrotz erklärt sie noch einmal, dass es sich keinesfalls um eine Liebeserklärung handelt, wie es eine junge – wie sie besonders hervorhebt – amerikanische Journalistin in einem Interview verstand. Überhaupt ist Faithfull auch mit Ende 60 noch eine gewitzte Diva, der es gelingt, auf der Bühne mit ironischer, mitunter zynischer Anekdotenplauderei zu unterhalten. Einen eigenen Fehler kommentiert sie kurzerhand mit einem überhaupt nicht rotzigen „You know I could fuck up for hours“, ohne dabei das Damenhafte zu verlieren.

Marianne Faithfull

Foto: Steffen Schmid

Wie die etwa gleichaltrige Patti Smith, umgibt sie die Aura einer unnahbaren Künstlerin, deren Ausstrahlung Gründe genug liefert, von einem Konzert hingerissen zu sein. Denn eines steht auch fest; als Sängerin kann Faithfull 2014 nicht mehr glänzen. Die noch immer vertraute Stimme ist brüchig, manchmal versagt sie ganz. Doch anstatt zu enttäuschen, ist ihr Auftritt in Stuttgart ein Fest. Kein besonders fröhliches zwar, aber doch ein Fest. Sie war schon immer primär Interpretin, heute verleiht sie großen Texten anderer Künstler und ihren eigenen Klassikern eine neue, tiefe Dimension: „Falling Back“ ist da so ein Beispiel. Geschrieben mit der charismatischen Anna Calvi, ist es ein Highlight ihres neuen Albums, das sie zu großen Teilen spielt. Dazu gibt es einen Querschnitt aus Faithfulls Schaffen seit Mitte der 60er. Für eine Jubiläums-Tournee absolut nicht unüblich werden besonders diese vertrauten Stücke gefeiert. „Broken English“, der Titelsong ihres grandiosen Comebackalbums von 1979, ist früh am Abend das erste ältere Lied. Ausgesprochen populär in Deutschland wird der düster arrangierte Klassiker geradezu frenetisch aufgenommen. Dazwischen kredenzt Faithfull, die sich immer wieder erschöpft auf einem edel verzierten Schaukelstuhl niederlässt, Raritäten wie „Witches Song“ – „which you don’t have heard for years“ – oder nimmt sich Zeit für eine Hommage an ihren verstorbenen Freund Phil Everly.

Marianne Faithfull

Foto: Steffen Schmid

Dass die in einem noblen Londoner Stadtteil aufgewachsene Boheme-Ikone John Lennons „Working Class Hero“, das sie einst für „Broken English“ neu aufnahm, heute wie eine Totenrede intoniert beeindruckt besonders. Ihre Musiker an Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard peitschen Lennons Statement vehement, hier und da gar brachial, nach Vorne. Faithfull sitzt derweil und sorgt für gespenstige Atmosphäre.

Marianne Faithfull

Foto: Steffen Schmid

Ein weiterer Höhepunkt, „Love More Or Less“, bezaubert geradezu mit Anmut, bevor es zu dem kommt, was die Protagonistin mit feiner Ironie in der Stimme als „60’s corner“ bezeichnet. Es folgen „As Tears Go By“, das Jagger/Richards einst für die berühmte Muse schrieben und „Come and Stay With Me“, ihre beiden Hits aus der Ära, die ihr so verhasst ist. Kurz darauf folgt der „Junkie’s corner“ und Faithfull stellt ihren Sinn für dunklen Humor noch einmal unter Beweis. Vorher allerdings klagt sie im Herzstück ihres aktuellen Albums, wie sie es selbst nennt, „Mother Wolf“, die Zerstörung der Natur und der Welt durch die Menschheit an. Der Übergang zur gemeinsam mit den Stones komponierten Drogenhymne „Sister Morphine“, in der auch Kokain und andere Drogen als personifizierte Allegorien erscheinen, passt da gut ins Bild. Das erschütternde „Late Victorian Holocaust“, für ihr aktuelles Album geschrieben von ihrem guten Freund Nick Cave gemeinsam mit seinen Zwillingen, führt das Konzert auf eine neue Ebene. Es ist die tragische Rückschau eines Junkies, todtraurig und ohne jeglichen Trost. Den kann auch „Sparrows“ nicht spenden, jene melancholische Roger-Waters-Komposition, die er ihr für das aktuelle Album seiner Freundin verfasste. Bis zum heutigen Tag ist Faithfull glänzend vernetzt und gewissermaßen noch immer eine Muse. Die Größten geben ihr Songs, denen sie diese kühle, knarzige und betörende Aura verleiht. „Pretty isn’t my thing at all“, erklärt sie, „Verdammter Dreck, Sapperlot nochmal!“ Sie habe von ihrer österreichischen Mutter das Fluchen auf Deutsch gelernt, bekennt die Nachfahrin des Autors Leopold von Sacher-Masoch, die sich mit dem Rittertitel schmücken könnte, wenn sie es denn wollte (zumindest behauptet sie das). Schönheit liegt sicherlich im Auge des Betrachters und zwischen „Beautiful“ und „Pretty“ ein großer Unterschied. Die Schönheit ihres Wirkens erschließt sich mir jedenfalls am Ende eines großen Abends spätestens mit „The Ballad of Lucy Jordan“, der wundervollen Live-Premiere „Who Will Take My Dreams Away“ und dem fantastischen „Green Fields (Last Song)“, Frucht einer Kollaboration mit Britpop-Genius Damon Albarn vor fast zehn Jahren, als krönenden Abschluss.

Marianne Faithfull

Foto: Steffen Schmid

Am Ende wird ihr aus dem Publikum eine Rose gereicht, stehende Ovationen danken aufrichtig und Faithfull lächelt. Bis April daure es noch an, bis sie von der Hüftverletzung genesen sei, bekennt sie noch einmal im Dunst ihrer E-Zigarette. Der Tourauftakt muss anstrengend und schmerzhaft gewesen sein. Aber – so viel Plattitüde muss erlaubt sein – das kann einer Sacher-Masoch wenig anhaben, sie muss ja nicht gleich „Venus in Furs“ covern. Ein letztes Winken, ein Anheben des Stocks und ein strahlendes Lächeln und humpelnd entschwindet die große Dame der Bühne.

Marianne Faithfull

Foto: Steffen Schmid

2 Gedanken zu „MARIANNE FAITHFULL, 11.10.2014, Liederhalle, Stuttgart

  • 14. Oktober 2014 um 16:51
    Permalink

    Sehr schöne Rezension und vor allem Fotos. Ich würde einige davon gerne auf meinem Blog über Marianne zeigen – siehe Website – natürlich mit Link zu Gig Blog und Name des Fotografen. Würde mich über Rückmeldung diesbezüglich freuen.

    Kleine Korrektur, Marianne hat tatsächlich den Titel „Ritter“geerbt wie in der Ahnenforschungssendung „Who Do You Think Yiu Are?“ letztes Jahr festgestellt wurde. Ist also Fakt, nicht Behauptung.

  • Pingback:50th Anniversary Tour | Faithfull Forever

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