LILLY WOOD & THE PRICK, PARASITE SINGLE, 22.09.2014, Zwölfzehn, Stuttgart

Lilly Wood & The Prick

Foto: Michael Weiß

One Hit-Wonder-Alarm im Zwölfzehn: Lilly Wood & The Prick sind da. Ja,ja gut… ich nehme das auch gleich wieder zurück. Im französischsprachigen Raum sieht das ganz anders aus. Da gab es schon Preise und Chartplatzierungen lange vor dem beliebten UmzUmz-Remix von „Prayer in C“, der die Franzosen meines Wissens international erst richtig bekannt gemacht hat. Zugegeben: Ich kannte sie vorher auch nicht. Hat mich aber neugierig gemacht und so habe ich da mal ein wenig reingehört. Klingt toll und ohne UmzUmz auch um einiges besser. Dass die weit mehr drauf haben als einen in der Werbung durchgenudelten Song, werden sie heute Abend noch beweisen. Aber sowas von. Echt jetzt.

Das Zwölfzehn ist ausverkauft, also voll… manche würden sagen: brechend voll. Der Stimmung wird das aber sicher keinen Abbruch tun. Sagt auch die Dame, die uns auffordert, den letzten Schritt bis zur Bühne aufzurücken. Ich glaub ihr mal. Das Publikum ist eher so im Alter von 25 bis 35 Jahren und gern weiblich. Während ich da so stehe, frage ich mich, ob nicht nochmal so viele Leute hier reinpassen würden, wenn die Damen ihre reisetaschengroßen Handtaschen zu Hause gelassen hätten. „Da hast du recht“, sagt eine junge Frau neben mir. Ups, laut gedacht.

Pünktlich um 21 Uhr betreten dann eine junge zierliche Dame und ihr gehrocktragender Mitmusiker, der ganz nebenbei bemerkt aussieht wie Edward Norton in jungen Jahren, die Bühne. Parasite Single alias Jasmina Quach und Christian Seim machen Elektropop, und zwar richtig guten. Eine wunderschön klare und ruhige Stimme trifft auf ordentlich tanzbare Bässe. Die Musik der sympathischen Hamburger erinnert mich ein wenig an Hundreds, ist aber auch in ihrer Verträumtheit doch ein ganzes Stück flotter. Gefällt mir gut und kommt auch generell ganz gut an. Begeisterungsstürme bleiben aber, wie fast immer bei Vorbands, aus.

Nach einer halben Stunde ist Feierabend für Parasite Single. Ich nutze die Zeit, um mal eben auszutreten. Gestaltet sich aber doch schwieriger als gedacht. Manche Leute wollen mich nicht so recht vorbeilassen, andere können gar nicht. Bis ich wieder zurück bei meinen Freunden bin, hassen mich bestimmt einige. Aber hey, mit Höflichkeit bin ich nicht weitergekommen.

Gegen 22 Uhr hat das Warten ein Ende. Moment mal, warum kommen da gleich sechs Leute auf die Bühne? Mir wurde Lilly Wood & The Prick im Internet als Duo verkauft. Scheinen recht viele Begleitmusiker dabei zu haben. Oder haben massig Bandzuwachs bekommen. Weiß ich jetzt auch nicht. Vorpubertäre Witze über den Bandnamen verkneife ich mir an dieser Stelle lieber. The Prick… hihi. Mit „California“ starten die Franzosen in die Nacht und gefühlt eine Sekunde später hat’s mich voll erwischt. Stimme und Ausstrahlung von Sängerin Nili Hadida (wahrscheinlich heißt ihr Bandkollege auch gar nicht wirklich Prick) sind so dermaßen grandios, dass ich man gar nicht anders kann, als das Konzert vom Start weg als was ganz Großes zu empfinden. Ernsthaft… ich habe selten eine schönere Frau auf der Bühne gesehen. Wie sie in ihrem Schlabber-Lou Reed-Shirt auf der Bühne steht und verschmitzt unter ihren im Gesicht hängenden Strähnen hervorlächelt. Und dann diese unverwechselbare leicht rauchige Stimme. Hammer! Folkpop sollen Lilly Wood & The Prick scheinbar machen. Dafür knallt’s ganz ordentlich. Songs wie „Long Way Back“, „Let’s Not Pretend“, „Lovesong“ und „Hopeless Kids“ sorgen für richtig Stimmung und das bei der Vorband noch recht zurückhaltende Publikum steppt und tanzt und klatscht und schwitzt.

„I’m not very good in talking in between the songs“, erklärt die Sängerin. „But fuck it.“ Folgerichtig hält sie sich dabei sympathisch zurück und macht das, was sie am Besten kann: singen und nebenbei noch bissle ihren Drummer unterstützen. Dass nicht nur wir, sondern auch Lilly Wood & The Prick mächtig Spaß haben, merkt man in jeder Sekunde. „I’m on the road with my best friends“, erklärt Nili Hadida die überragende Chemie auf der Bühne. Und ich glaube ihr das auch, so wie die sich auf der Bühne immer anlächeln und sich tief in die Augen schauen. Da stimmt es in der Mannschaft. Als die Sängerin sich dann auch mal unters Publikum mischt, nutzen ein paar Fans die Gunst der Stunde für ein Selfie mit ihr. Alles lächelt, alles lacht, alles tanzt. Alles ist schön. Toller Abend. Zu fortgeschrittener Stunde spielen die Franzosen dann auch „Hey it’s ok“, das ich postwendend zu meinem neuen Lieblingssong mache.

Lilly Wood & The Prick

Foto: Michael Weiß

Gespannt bin ich, wie sie es mit ihrem großen Hit machen werden. Die alte Frage: vorneweg als Einheizer verballern, bis zum krönenden Abschluss aufsparen oder so richtig cool ganz weglassen. Lilly Wood & The Prick machen das sympathisch und völlig unspektakulär. „Prayer in C“ ist der drittletzte Song des Abends und geht ganz ohne Ansage einfach in einer Menge toller Songs auf. Und mich beschleicht das angenehme Gefühl, dass der Großteil der Leute nicht nur wegen dem einen Hit gekommen ist. Großes Zugabengebettel sparen sich Nili Hadida, ihr schnurrestragender Bandkollege Benjamin Cotto und die anderen. Nach „Little Johnny“ ist Schluss. Das Zwölfzehn ist begeistert.

Wir trinken noch ein Bierchen und lassen uns die Chance nicht nehmen, noch ein paar Fotos mit der wunderschönen Nili Hadida und dem ziemlich coolen Benjamin Cotto zu machen, bevor wir den Heimweg antreten. Klasse Band. Sollte man sich mal anhören.

Lilly Wood & The Prick

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