THE GROWLERS, THE MOKKERS, 13.08.2014, Schocken, Stuttgart

The Growlers

Foto: Michael Haußmann

Spätestens seit der umtriebige Black-Keys-Kopf und Jack-White-Erzfeind Dan Auerbach 2013 „Hung at Heart“, das dritte Abum der südkalifornischen Gruppe The Growlers produzierte, prophezeit man den selbsternannten Beach-Goth-Rockern eine glorreiche Zukunft. Konzerte wurden weltweit frenetisch gefeiert, der profilierte Kritiker Eric Pfeil überschlug sich in der FAZ mit Lobeshymnen. Tatsächlich besteht das Quintett auch den Live-Test bei einem von nur drei Deutschland-Auftritten in diesem Monat in Stuttgart, wenn auch nicht ganz so überzeugend wie erhofft.

Der Andrang  im Schocken ist erwartungsgemäß groß. Das Publikum ist grundsätzlich jung, urban subkulturell sozialisiert und in nicht unerheblichen Teilen in die schwäbische Konzert- und Musikszene involviert. Passend zum surfigen Garage-Rock des Hauptacts eröffnen The Mokkers aus Berlin den Abend mit artverwandten Klängen. Das Quintett aus drei jungen Frauen an Bass, Gitarren und Gesang und einem Drummer spielt mitreißenden Garagen-Rock mit Noise-, Punk- und Surf-Anleihen. Das klingt mitunter skizzenhaft, aber gerade das Unvollendete verleiht den Nummern in Ramones-Songlänge hypnotische Energie. Die ist den Growlers angemessen und wird von den Zuschauern dankbar aufgesogen. Dass vielen Songs der Wiedererkennungswert noch fehlt, ist irrelevant, solange der Gesamtsound dicht bleibt. Besonders „Indians“, veröffentlicht als 7‘‘, vereint die Qualitäten des Quartetts. Der Klang ist flächig, der Gesang der Frontfrau und Gitarristin emotionslos – mal schreiend wie Brody Dalle, dann wieder für kurze Augenblicke in hohen Passagen der frühen Patti Smith nicht unähnlich – und immer einnehmend. Nach einer halben Stunde verlässt die Band die Bühne, Zugaberufe sind der gerechte Lohn für eine Gruppe, die ein ähnliches Terrain besiedelt wie die zu zweidritteln anwesende Stuttgarter Formation Wolf Mountains, bekannt für ähnlich spannende Konzerte.

The Mokkers

Foto: Michael Haußmann

Ausgezeichnet eingestimmt wird schon das Erscheinen der Growlers auf der Bühne frenetisch gefeiert. Zunächst müssen aber einige technische Einstellungen nachjustiert werden. Als verspäteten Soundcheck spielt Gitarrist Matt Taylor Nenas „99 Red Balloons“ an. „I like that one“, flüstert er ins Mikrophon. Dann kann es losgehen. Sänger Brooks Nielsen schaut mit leerem Blick über die Zuschauer hinweg. „We were tired, but now we’re not tired anymore“, nuschelt der Mann mit Backen- und Dreitagebart, zerzausten schulterlangen Haaren in der zugeknöpften Jeansjacke. Surfgitarren, jede Menge Hall, locker um den Finger gewickelte Melodien und der – obschon tadellose – lethargische Gesang, deuten die Richtung des Konzerts an. „Big Toe“ von der neuen Platte „Chinese Fountain“ wartet lyrisch wie gewohnt mit tiefen zwischenmenschlichen Abgründen auf. „Wasting her window of beauty / The only thing she has to offer“, singt er über eine Verflossene, schließt immer wiederkehrend „She’s a lost cause / So count your losses“. Klassische Gothic-Thematik trifft dabei auf verspielten West-Coast-Garagen-Rock. Ähnlichkeit mit den stilprägenden Strokes aus New York ist immer offenbar und man ahnt, warum die Band um Julian Casablancas vor über zehn Jahren als der spannendste Act überhaupt galt. Die Melodien waren damals unwiderstehlich und auch den Growlers gelingt diese musikalische Leichtfüßigkeit mitunter spielend, vielleicht sogar überzeugender, da vom urbanen Topik ein stückweit entfernter, durch die Surf-Elemente unbeschwerter.

The Growlers

Foto: Michael Haußmann

Durch zwei Mikrophone singend bringt Nielsen den Tontechniker an seine Grenzen. Während der Gesang durch das eine klar wiedergegeben wird, sorgt der Hall auf dem anderen für einen zunehmenden Psychedelic-Einschlag, was zur Folge hat, dass man fast nichts versteht. Der Wirkung der Band tut das allerdings keinen Abbruch, kommt ihr in den wirklich starken Momenten sogar sehr zugute. Gerade Songs wie „Naked Kids“ und das kurze, makabere „Graveyard’s Full“ können als betörende Stücke in Tradition der kalifornischen Psychedelic-Pioniere der späten 60er wie The Seeds punkten. Darüber hinwegtäuschen, dass dazwischen und danach aber eine Menge mediokres folgt, das lediglich von dem Charisma der Band und dem Gesamterlebnis vor einem Abdriften ins Belanglose gerettet werden, kann das aber auch nicht immer.

The Growlers

Foto: Michael Haußmann

Irgendwann zieht sich Nielsen die Jeansjacke aus, bewegt sich mit abrupten, unkoordinierten Bewegungen über die Bühne, versteckt sich einmal hinter dem Vorhang am linken Bühnenrand. Immer wieder beklagt er die Müdigkeit der Band und die Dauer der Tour, entsprechend abwesend, ausgelaugt, ja kaputt, erscheinen er und seine Kollegen Taylor (Gitarre), Scott Montaya (Schlagzeug), Anthony Braun Perry (Bass) sowie Kyle Straka (Keyboards und Gitarre). Derweil feiert die Menge eine angesagte Band, es wird am Bühnenrand getanzt, mit dem Sänger angestoßen, ab und an gepogt. Kleine Hits wie die bekannten Songs „Million Lovers“ oder „Gay Thoughts“ am Ende des regulären Sets werden gefeiert wie Welterfolge. Tatsächlich zeigen The Growlers hier wie fantastisch einzelne Melodien aus der Masse herausstechen.

The Growlers

Foto: Michael Haußmann

Wie einst bei The Strokes liegen Fluch und Segen nah beieinander. Ging damals im allgegenwärtigen Hype um das Debüt das monotone Element der Songs unter, wurde bei den darauffolgenden Alben die Kritik lauter, dass alle Stücke gleich klingen und zudem aus Großtaten anderer zusammengeklaut wurden. Man muss an dieser Stelle kein Oscar Wilde Zitat bemühen, um diese Form der Bereicherung als Lebenselixier der Popmusik im Allgemeinen zu entlarven, doch muss die Qualität des Ganzen stimmen.  Den Growlers gelingt aber gerade das nur an manchen Stellen. Besonders live wird die Redundanz mitunter besonders deutlich. Zwar gleicht man das mit der intensiven Bühnenpräsenz und einem beeindruckenden Zusammenspiel ein wenig aus, doch fehlt der Band noch ein gehöriges Maß an Eigenständigkeit, um wirklich einmal zu den wichtigen Gruppen ihrer Generation zu gehören. Das Potential ist unbestritten und gerade gegen Ende des Konzerts besonders augenscheinlich. Mit zunehmendem Off-Beat-Charakter tritt man aus dem Schatten der Giganten und deutet wahrlich Großes an. Dan Auerbach brachte den Growlers große Aufmerksamkeit über die eingeschworene Szene hinaus. Es liegt an der Gruppe selbst, was sie in den kommenden Jahren daraus macht.

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