PATTI SMITH, 05.08.2014, Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart

PATTI SMITH, 05.08.2014, Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Patti Smith hatte bei mir wirklich was gut zu machen. 1999 war sie für ein Konzert auf dem Markusplatz in Venedig angekündigt. Meine Freunde und ich waren hocherfreut als wir davon erfuhren und wurden von Tag zu Tag aufgeregter. Natürlich hatte keiner von uns ein Ticket und so wurde beschlossen, dem Großereignis hinter der Absperrung aus der Ferne zu lauschen. Als wir dann frohgemut auf der Piazza ankamen, schwante mir schon Schlimmes. Es waren zwar keine Sicht- und Schallschutzwände aufgebaut, wie das in Stuttgart immer geschieht, um Nixzahlern den Spaß zu versauen, aber der gesamte Platz war komplett bestuhlt. Als die Godmother of Punk die Bühne ohne Band betrat, begannen wir uns zu wundern und als sie begann, Gedichte vorzulesen anstatt zu singen wurden wir nach einer halben, musikfreien Stunde allmählich unruhig. Das konnte doch nicht sein! Dafür war keiner von uns gekommen. Gut, sie trat im Rahmen eines Lyrikfestivals auf, aber das konnte doch nicht ihr Ernst sein. Davide brüllte aus voller Kehle mehrmals „Here we are now, entertain us!“ in Richtung Bühne, aber das bewirkte gar nix. Völlig empört wurde demokratisch entschieden, lieber unter dem Uhrturm den besten Spritz der Stadt zu trinken, als dieser Hochkulturnummer weiter beizuwohnen.

PATTI SMITH, 05.08.2014, Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Gemischte Gefühle bei mir also heute, als ich den Gelben Blitz zum Killesberg besteige. Zwar posten alle schon seit Tagen dufte Videos der Franziskus-Freundin im sozialen Netzwerk ihrer Wahl, doch wenn ich heute wieder nur Gedichte vorgelesen bekomme, werd‘ ich echt sauer. Es wird dieses mal ganz anders kommen. Zwei Minuten nach acht betritt sie mit vier Jungs die Bühne und beginnt mit einem schönen Reggaestück. Nach dem zweiten Stück überlässt sie den Herren für eine Classic-Rock-Nummer die Bühne, taucht in den Graben ab und begrüßt liebevoll die anwesenden Fans. Der Seniorenmoshpit rastet darob gediegen aus und freut sich saumäßig. Wieder auf die Bühne geklettert, liefert die charismatische Jackettträgerin ein blitzsauberes Konzert ab. Sie greift für ein Stück selber zur Akustikgitarre und rotzt immer wieder in hohem Bogen auf die Bretter wie ein Kreisligaspieler, dessen Mannschaft im Hochsommer 4:0 hinten liegt. Einen Song widmet sie dem kürzlich verstorbenen Johnny Winter – leider keinen Blues – und dann kommt der erste Hit: „Because the Night“ gibt’s heute als Geburtstagsständchen für den fernen Sohn Jackson.

PATTI SMITH, 05.08.2014, Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Mein Lieblingsstück im folgenden ist „Dancin‘ barefoot“, da treibt sie die Band so richtig an und lässt die Rocksau raus. Den grauen Zopfträger vor mir juckt’s ordentlich unter seiner Zuccherokappe und als sie „G-L-O-R-I-A“ buchstabiert, schwenken sie im Publikum tatsächlich die S21-Gegner- und die Tibetfahne, naja, was man halt immer so dabei hat bei Großereignissen in Stuttgart. Kurz verschwindet die Truppe von der Bühne und lässt sich für eine Zugabe nicht lange bitten. Bei der harten Rocknummer zum Finale kriegt die Chefin die E-Gitarre umgeschnallt und quält das Griffbrett ganz ordentlich. Ich sehe, dass sogar ein zwei Pommesgabeln vor der Bühne in den Nachthimmel gerichtet werden. Es gibt noch eine Gardinenpredigt, den Planeten zu retten und allzeit die Natur zu schützen, dann rupft Frau Smith komplett alle Saiten raus, damit uns allen klar ist, nach ganz genau 90 Minuten ist ein wunderschönes Konzert hiermit definitiv zu Ende. Ich habe ihr schon lange ihren Hochkulturausrutscher in der Lagunenstadt vergeben und gehe versöhnt und zufrieden nach Hause.

PATTI SMITH, 05.08.2014, Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

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