REEL BIG FISH, 18.07.2014, Martinskirche, Stuttgart

REEL BIG FISH, 18.07.2014, Martinskirche, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Ungewöhnliche Veranstaltungsorte üben eine unwiderstehliche Anziehung auf uns aus. Wohnzimmer, Marmorsaal, Atombunker – da müssen wir dabei gewesen sein. Auch ein Kirchenkonzert war schon dabei. Und wenn die Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart Nord ganz trocken über die Martinskirche informiert

„Das Kircheninnere hat heute ein anderes Gesicht. Altarbereich mit Kruzifix sowie die Orgel sind unverändert, das Kirchenschiff selbst aber ist für die Nutzung durch die Jugendkirche umgestaltet worden: die festen Bänke sind ausgebaut und durch Stühle ersetzt, zudem steht in der Kirche ein großer Gerüstrahmen, der einen variantenreichen Gestaltungsrahmen und unterschiedliche „Inszenierungen“ für Gottesdienste der Jugend eröffnet.“,

dann feuert dies unser Interesse zusätzlich an. Wir freuen uns jedenfalls auf „einen variantenreichen Gestaltungsrahmen und unterschiedliche Inszenierungen“, zumal die kalifornischen Happy-Pop-Ska-Punker Reel Big Fish nebst zweier Support Acts angekündigt sind, und davon einiges im Gepäck haben dürften.

REEL BIG FISH, 18.07.2014, Martinskirche, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Auf dem Kirchenvorplatz hat sich ein bunt gemischtes Publikum eingefunden. Nicht unbedingt alle so jung wie erwartet, extrem hohe Tattoo-Dichte und auffallend viele Fan-Shirts von Reel Big Fish und anderen kalifornischen Offbeat-Bands. Wir genießen den idyllisch gelegenen Platz mit Blick auf den angrenzenden Pragfriedhof, während sich ein Leichenwagen den Weg durch die überall kauernden Fans bahnt. Ein reichlich skurriles Setting für ein Spaß-Konzert. Das Kirchenschiff selbst ist überraschend großräumig, schmucklos und mit einem hölzernen Tonnendach versehen. Die Bühne ist vor dem Altar aufgebaut, mit reichlich Lichttechnik ausgestattet und hinter dem Backdrop lugt tatsächlich das Kruzifix heraus.

Dessen ungeachtet stimmt der erste Support-Act, die Stuttgarter Band Watch This!, seinen Titel „Not My Religion“ an. Könnte man wohl unter Street Punk einordnen. Nicht gerade subtil, aber gerade heraus in das noch leere Gotteshaus. Hey ho, let’s go!

WATCH THIS, 18.07.2014, Martinskirche, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Der zweite Support-Act, die schwedischen The Sigourney Weavers begleiten Reel Big auf Teilen deren Europa-Tournee und beginnen den Reigen der Konzerte in Deutschland just in Stuttgart. „Schau mal, Angus Young in langen Hosen!“ entfährt es unserem Fotografen beim Anblick des Bassisten Johan Hjelm. Die Band spielt jedenfalls einen soliden Punk-Rock mit leichter Stadion-Attitüde, der durchaus auch ein größeres Publikum erreichen könnte. Die großen Rockposen haben die fünf jedenfalls gut drauf – und beim Publikum kommt das gut an.

THE SIGOURNEY WEAVERS, 18.07.2014, Martinskirche, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Während wir in der Umbaupause rätseln, wie wohl das Passwort für Kirchen-WLAN „Jesusnetz“ lauten könnten und wohin genau man damit wohl verbunden wird, füllt sich der Saal mit der gesamten Ska-Punk-Gemeinde und die Kalifornier starten unverzüglich ihr Party-Programm. Ähnlich wie The Slackers, die wir erst zwei Tage vorher gesehen haben, haben sich Reel Big Fish anfangs der 1990er gegründet. Beide spielen Ska, das war es aber dann mit den Gemeinsamkeiten. So wie sie an den entgegengesetzten Küsten der USA angesiedelt sind, so sehr sind sie auch auf der Palette der Ska-Spielarten voneinander entfernt. Es ist Uptempo-Ska-Punk mit lustigen, teils derben Texten. Das richtige, um mal richtig die Sau rauszulassen.

REEL BIG FISH, 18.07.2014, Martinskirche, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Genau zu diesem Zweck haben sich ihre Fans auch versammelt. Und sie werden nicht enttäuscht. Vom ersten Takt an wird geskankt und gepogt und die sechs Kalifornier tun alles, um die Stimmung anzuheizen. Bis auf den Schlagzeuger positionieren sich alle Musiker in einer Reihe direkt an der Bühnenkante. Dank Funk-Mikros sind sie komplett mobil, und so kommt nicht vor sondern auch auf der Bühne alles ordentlich in Bewegung. Mit „Everything Sucks“ und „Everyone Else Is an Asshole“ geht’s los,  und das Tempo lässt auch bei den folgenden Titeln nicht  einmal nach. Ganz gut, dass die Kirche nicht ganz voll ist, so bleibt genug Platz, dem geradezu infernalischen Moshpit auszuweichen.

REEL BIG FISH, 18.07.2014, Martinskirche, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Beeindruckend, wie die Bläsersektion bei diesem Affentempo den Druck und die Präzision aufrecht hält. Bei einem derartigen Bombardement von Party-Krachern stört sich auch keiner dran, dass der Sound nicht perfekt ist. Die Anlage scheint eventuell etwas unterdimensioniert für das recht voluminöse und zudem ziemlich hallige Kirchenschiff. Auf der Habenseite kann man dafür eine opulente Lichtanlage verbuchen, die man manchem professionellen Live-Club auch wünschen würde.

REEL BIG FISH, 18.07.2014, Martinskirche, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Keine Frage: In der Martinskirche würden wir uns noch viele Jugendgottesdienste dieser Art wünschen. Wenn es auch nicht unbedingt wieder Punk-Ska sein muss. (Das ist aber eine ganz persönliche, subjektive Meinung, die vom Nachhall des überragenden Konzerts der Slackers geprägt ist.)

Reel Big Fish

The Sigourney Weavers

Watch This!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.