THE SLACKERS, 16.07.2014, 1210, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Mit Ska ist das ja so eine Sache. Love it or hate it. Allzu schnell ist der fröhliche Offbeat in die Ecke dumpfer Party-Mucke geschoben. Und die meisten Musik-Connaisseure fassen dieses Genre ohnehin nur mit spitzen Fingern an. Dass dies zu Unrecht geschieht, haben gestern im Zwölfzehn The Slackers mit einem begeisternden Gig bewiesen. Es war die so genannte „Dritte Welle“ des Ska in den späten 1980ern und 1990ern, die das Image dieser ursprünglich jamaikanischen Musik so nachhaltig beschädigt hat. War die 2-Tone-Ära um The Specials Ende der 1970er noch ein erfrischendes und freches Zitieren der jamaikanischen Originale, wurde jetzt immer mehr beliebiger Pop-Ska produziert, der letztlich auch die letzten Fans des authentischen Offbeat vergraulte.

The Slackers gingen aber schon seit Ihrer Gründung Anfang der 1990er einen anderen Weg. Sie besannen sich nicht nur auf den jamaikanischen Traditional Ska und Early Reggae, wie er von Jimmy Cliff, den Skatalites oder auch Toots Hibberts gespielt wurde, sie kombinierten den Offbeat sogar mit noch älterer Musik, die letztlich die Inspiration für den ursprünglichen Ska war. Rhythm & Blues, Soul, Jazz, Blues oder auch Rock ’n‘ Roll, dies sind Ingredienzien, die den Stil des New Yorker Sextetts nicht nur damals über den Durchschnitt erhoben, sie sind auch das Geheimnis ihres dauerhaften Erfolgs über mehr als zwanzig Jahre.

Foto: Michael Haußmann

Natürlich musste man sich Sorgen machen, ob sich an einem solchen Abend genug Zuschauer finden. Die Konkurrenz ist groß: Jazz Open, Fischmarkt, Sommerfestival der Kulturen und ein lauer Sommerabend vom Feinsten. Da kann ein Club-Konzert auch mal schwach besucht sein. Nicht aber bei den Slackers. Das Zwölfzehn ist voll und die Stimmung grandios. Nachdem die Stuttgarter The Nite Steadies mit einem tighten Set aus 2-Tone-Ska geschafft haben, was nur den wenigsten Support Acts gelingt – nämlich der Hauptband ein bereits tanzendes Publikum zu übergeben – nehmen die Slackers den Faden mühelos auf und schaffen schon mit den ersten Titeln, den Laden noch mehr in Bewegung zu versetzen.

Foto: Michael Haußmann

Mehr als zwanzig Jahre Ska, die sieht man den Bandmitgliedern durchaus an. Alle sind sie Originale, charmante, kauzige Typen mit einer ordentlichen Portion Charisma und durchweg ansteckend guter Laune. Keyboarder und Sänger Vic Ruggiero könnte tatsächlich gerade in Little Italy um die Ecke gebogen sein. Sein knitzes Grinsen, sein verknautschter Strohhut und die Hingabe, mit der er sein Keyboard bearbeitet; keine Frage, er ist eines der Markenzeichen der Slackers. (Ruggiero tritt übrigens auch gerne mal solo mit Gitarre und Mundharmonika auf – so auch schon im Zwölfzehn geschehen – und überzeugt als Geschichtenerzähler und Blues-Musiker). Am anderen Ende der Bühne: Dave Hillyard, der große „alte“ Mann unter den amerikanischen Ska-Saxophonisten – das letzte Mal übrigens in Stuttgart mit seiner Band den Rocksteady 7. Äußerlich eher der Typ Mathe-Lehrer, aber mit wirklich virtuosen Soli und launigen Ansagen.

Foto: Michael Haußmann

Zwischen den beiden: Glen Pine, Posaunist, Sänger und energiegeladene Rampensau. Er und Ruggiero teilen sich die Gesangsparts und es ist eine Freude, wie temporeich und übergangslos von einem Titel zum nächsten gewechselt wird. Mit einem guten Dutzend Studioalben steht natürlich ein riesiges Repertoire zur Verfügung und die Herren stellen ein maximal abwechslungsreiches Menü zusammen. Neben den oben genannten Stilen finden sich auch Spuren von Mambo und anderen Latino-Rhythmen, Boogaloo, Swing und Boogie und natürlich Reggae und Dub.

Foto: Michael Haußmann

Heimlicher Star ist für mich der bescheiden im Hintergrund agierende Gitarrist „Agent Jay“ Nugent, der die stilprägende Offbeat-Gitarre schneidend und exakt wie kein anderer spielt. Dabei wirkt er völlig abwesend, seine spontanen Tanzeinlagen so unmotiviert, als wäre in seinem Kopf ein anderes Konzert. In Wirklichkeit hält er die Rhythmus-Sektion zusammen. Die vervollständigt wird durch den dauergrinsenden Drummer Ara Babajian und den skurrilsten Bassisten ever: Marcus Geard. Sein Outfit mit Zwirbel-Schnauz, Schläger-Mütze, Karo-Jackett, Krawatte, Kavalierstüchlein und weißen Salon-Schleichern ist ja schon bemerkenswert, seine typische Art den E-Bass senkrecht auf einem Bar-Hocker zu postieren, aber wirklich einzigartig.

Foto: Michael Haußmann

Kleinere Singalongs und Ausflüge ins Publikum steigern die Stimmung zusätzlich, aber letztlich macht es der riesige Fundus an großartigen Songs aus, aus dem die Sechs schöpfen können. Darunter auch mein Lieblingstitel mit dem lapidaren Zeilen

„Every day is Sunday, when you’re unemployed
Every day is Sunday, every day is Sunday, Friday never comes.“

Foto: Michael Haußmann

Und wenn ich mir in letzter Zeit, häufiger Sorgen gemacht habe, ob Ska im allgemeinen und in Stuttgart im speziellen auf dem absteigenden Ast ist, nach diesem Konzert ist mir klar: solange es Bands wie die Slackers gibt, ist der Ska noch lange nicht am Ende.

The Slackers

The Nite Steadies

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