THE DILLINGER ESCAPE PLAN, 29.06.2014, Universum, Stuttgart

THE DILLINGER ESCAPE PLAN

Foto: X-tof Hoyer

„One of us must die, but the killer won’t survive“, singt Greg Puciato. Win/Win-Situation geht irgendwie anders, aber gewonnen haben THE DILLINGER ESCAPE PLAN am Sonntagabend im Universum trotzdem. Auch weil das Quintett aus New Jersey in all seiner Unberechenbarkeit etwas macht, das kaum einer in dieser Form erwartet hätte: Musik. Es wäre ihnen vermutlich ein Leichtes gewesen, etwas Chaos anzuzetteln oder durch Sachschaden, Körperlichkeit, Finesse und Wahnsinn zu punkten. Am Sonntagabend zeigten sich Dillinger Escape Plan aber als nahezu perfektes Komplettpaket.

„One, Two, Three, Four“, brüllt Drummer Billy Rymer und nur einen Bums später ist auch die unberechenbarste Abrissbirne der zeitgenössischen Unterhaltungsmusik schon bestens in Schwung. „Prancer“ und „Farewell, Mona Lisa“ – das ist strukturiertes Chaos, eingerahmt von der Schwerkraft. Ansonsten gibt’s nix und niemanden, der Dillinger Escape Plan an diesem Abend in die Schranken weisen könnte. Wasser reichen auch.

THE DILLINGER ESCAPE PLAN

Foto: X-tof Hoyer

Die Lieder: eine Mischung aus Naturgewalt, Diashow mit Blitzen als Lichtquelle, nervösem Daumen beim Zappen, vier Liter Espresso auf ex, Kopf gegen die Wand hauen und warten, was passiert.  Oder so, wie man sich gemeinhin diesen Film vorstellt, der läuft, wenn man gerade stirbt. Fragmente, Flackern, Töne, nix Greifbares, dennoch ein Rausch, dennoch ein Bild. Von schön bis pfuiteufel – die ganze Palette – nur halt ohne Vierviertel-Takt. Nur ausgemachte Psychopathen können zu derartigen Rhythmen unfallfrei tanzen.

Wer kann, der schreit Greg Puciato seine Zeilen direkt zurück ins Gesicht, während der auf dem Publikum liegt und wahllos nach den Leuten in den ersten Reihen greift. Mal packt er jemandem am Genick und brüllt ihn frontal an, mal greift er nach dem Handgelenk und drückt zu. Kenner und Ärzte wissen: dort  kann man den Puls fühlen. Überprüfen, ob noch Leben im Körper ist. Ein Fan legt im Armgemenge die Hände an Puciatos Kehle – der schaut ihn an, als ob er sagen würde: „Los! Drück zu.“  Dann schreit er noch lauter, noch psychotischer, noch besser. Ein verdammter Wirbelsturm ist das.

THE DILLINGER ESCAPE PLAN

Foto: X-tof Hoyer

„Milk Lizard“ und „Panasonic Youth“ oder die fiese Walze „Happiness Is A Smile“ setzen noch weitere Ausrufezeichen und lassen ganz nebenbei unfassbar guten Refrains genügend Luft. Denn es ist nicht nur die musikalische Finesse, die The Dillinger Escape Plan auszeichnet – es ist eben auch die Tatsache, dass sie wahrscheinlich innerhalb von zehn Minuten einen schmissigen TopTen-Hit schreiben könnten – es nur nicht machen, weil sie das etwas langweilt.

Gleichzeitig steht fliegt da auch eine Band durch den Raum, die jedem, der nur des Spektakel wegens gekommen war unmissverständlich klar macht, dass es darum letztendlich gar nicht geht. Puciato brüllt weiter, Gitarrist Ben Weinmann balanciert auf dem Publikum – und natürlich pflegen Dillinger Escape Plan all dieses Kraftgemeier und auch ihren Ruf als wahnsinnigste Band der Welt. Im Universum nehmen sie die Gimmicks aber zurück und lenken die Aufmerksam­keit auf ihre Lieder. Möge niemand seinen Freunden am nächsten Tag erzählen, wie geil der Salto vom Gitarrenverstärker war, sondern wie gut eben Songs wie „Milk Lizard“ oder „43% Burnt“ sind.

THE DILLINGER ESCAPE PLAN

Foto: X-tof Hoyer

Aber eines ist auch da klar: Das Quintett aus New Jersey geht ständig bis zur Grenze, zeigt da artig den Mittelfinger und sprengt dann das Zollwärterhäuschen in die Luft. Dillinger Escape Plan suchen die Gefahr, das Extreme, den absoluten Wahnsinn und die musikalische Perfektion. Das Irre daran: die werden wahrscheinlich immer weiter suchen, anstatt sich mit irgendetwas zufrieden zu geben. Das ist „Hardcore“ im besten und im eigentlichen Sinne. Was für ein Rausch, was für ein Abend.

NECROTTED

Foto: X-tof Hoyer

Vorneweg gab’s noch NECROTTED aus dem malerischen Örtchen Abtsgmünd bei Aalen. Deren handelsüblicher Deathcore ist zwar durchaus brachial und schmissig, ob sie je auf einem Mixtape mit vierzehn anderen Bands ihrer Zunft rausstechen, ist dagegen fraglich. Vor der Bühne machen zwei Raketenphysiker Liegestütz. Ich verstehe das genauso wenig, wie Leute, die sich zum gemeinsamen Rudern bei Konzerten auf den Boden setzen. Wahrscheinlich bin ich doof, eventuell auch zu alt oder ich erinnere mich halt daran, dass „Sportrock“ nie als Kompliment gemeint war.

THE HIRSCH EFFEKT

Foto: X-tof Hoyer

THE HIRSCH EFFEKT aus Hannover zwirbelten derweil eine hochmusikalische Mathematik-Leistung nach der anderen raus – aufgelockert durch etwas plausiblen Groove und Rabatz, den man auch ohne Mathematik-Lehrstuhl kapieren kann. Easy Listening geht trotzdem anders, Instrumenten­beherrschung aber genau so. Auch wenn immer die Angst mitschwingt, Sänger/Gitarrist Niels Wittrock könnte sich im Eifer des Gefechts die Gitarre gegen das Kinn hauen. Hat er nicht.

The Dillinger Escape Plan

Necrotted

The Hirsch Effekt

The Dillinger Escape Plan – Meet & Greet

Ein Gedanke zu „THE DILLINGER ESCAPE PLAN, 29.06.2014, Universum, Stuttgart

  • 3. Juli 2014 um 09:08
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    Sehr schöne Bilder dabei!

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