Rückblick aufs SOUTHSIDE FESTIVAL 2014, 20.-22.6.2014, Neuhausen ob Eck

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Foto: Charlotte Luther

0% Regenrisiko! Hallelujah! Sagt zumindest meine Wetter-App. Und so technische Sachen lügen ja nicht. Zumindest dieses Mal nicht. Denn schon bei der Ankunft auf dem Southside erwartet uns strahlender Sonnenschein und angenehme paarundzwanzig Grad. Und das Beste: Das wird dieses Jahr genau so bleiben. Ohne Scheiß. Auch schön wegen der Mode und so. Bei den Mädels sind ultrakurze Hotpants und ein Turnbeutel auf dem Rücken wohl der heiße Scheiß dieses Jahr. Bis auf den Turnbeutel sage ich es mit Diamond Daves Worten: „Na gut.“

Auf der Spießigkeitsleiter haben wir uns jedenfalls wieder eine Sprosse nach oben gearbeitet. Neben einem standesgemäß mit so Stuhl-, Tisch- und Sonnensegelschnickschnack angemieteten Zelt verzichten wir auch 2014 wieder auf Hartalk. Außer einem, und dem bekommt das auch gar nicht mal sooo gut (…aber ich war das nicht! Wirklich!). Neu ist, dass wir uns für den Green Camping-Bereich angemeldet haben. Mehr Regeln, ruhigere Leute… bissle uncool. Aber toll auch irgendwie. Alles ein wenig entspannter. Auch wegen der kurzen Wege vom Parkplatz zum Zelt und weiter zur Green Stage. Die Nachbarn werden sich ebenfalls als Glücksgriff erweisen. Auf der einen Seite vier nette Menschen aus… weiß ich nicht… habe ich vergessen. Die sind älter als wir und top ausgerüstet. Tragen zwar nicht viel zum Gespräch bei, haben aber immer kaltes Bier. Auf der anderen Seite drei Mädels, die so schlau waren, sich gleich bei ihrem ersten Festival ein Zelt im Green Camping-Bereich zu mieten (nicht übel, bei uns hat es mit der Erkenntnis ein paar Jahre gedauert). Die wiederum haben kein kaltes Bier, tragen dafür aber was zum Gespräch bei. Alles gut also.

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Foto: Carsten Weirich

Wie immer fallen wir nach der gar nicht mal so strapaziösen Anreise erstmal in die Stühle, köpfen die ersten Flaschen Bier, Wein und Sekt und kommen erst mal ganz in Ruhe an. Vor stundenlangem Ankommen verpassen wir leider London Grammar. Schade, der erste Kollateralschaden. Hätte ich sehr gern gesehen. Aber so ist das nun mal. Wenn es nicht in Stress ausarten soll, muss man Prioritäten setzen. Am späten Nachmittag schaffen wir es dann endlich auch nach vorn. Die Sonne scheint, wir haben dezent einen sitzen und auf der Bühne stehen Jennifer Rostock. Kennt man ja, ist aber immer wieder lustig, dieser etwas holprige Grenzgang zwischen peinlichen Bühnenansagen und einer schon ziemlich unterhaltsamen Show. Jaja, lacht ihr nur… wir haben unseren Spaß halt auch mal ohne Niveau. Es geht um Alkohol, nackte Brüste, halbharte primäre Geschlechtsorgane und ganz harte Frauen… so in etwa. Wie immer halt. „Ich bin schon wieder so sexuell“, ruft Sängerin und Berufsrampensau Jennifer Weist und begrabbelt zum Song „Feuer“ auch mal ihre hoffentlich schon volljährigen Fans auf der Bühne. Einer meiner Mitstreiter (ich will ihn hier mal Jörn nennen) tut sich dadurch hervor, Jennifer Rostocks halbvulgäre Textpassagen in vollvulgäres Vokabular umzuwandeln. Und zwar so mit laut brüllen und so. Was die Jenny kann, kann der Jörn halt schon dreimal.

Vor lauter gute Laune sind wir erstmal ganz schön angestrengt und suchen den Weg zurück in die Stühle. Jaja, nicht auf sondern in die Stühle, denn oft kann man sich nur noch so halb reinlegen in ein Gewirr aus Stoff und Stangen. Etwa zwei Drittel unserer Stühle sind dem Untergang geweiht. Nicht weil wir übermäßig fett sind oder abartig Faxen machen, sondern weil die filigran und zerbrechlich sind und oft nach wenigen Stunden in sich zusammensinken. Wehe die knöpfen uns Kaution dafür ab. Egal, erstmal ankommen und so. Erst als es aus Richtung Green Stage „Keep on running, keep keep on running, there’s no place like home“ schallt, haben wir es plötzlich eilig. Auf zu den White Lies. Mit einem dümmlichen Grinsen im Gesicht und Richtung Sonne erhobenen Armen singen wir: „Let’s grow old together and die at the same time“ auf dem Weg zur Bühne. Jetzt hat das Southside 2014 wirklich begonnen. Vor allem „To Lose my Life“ und „Farewell to the Fairground“ haben es mir angetan. Aber auch sonst rocken die Engländer mit ordentlich Atmosphäre und Charme.

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Foto: Carsten Weirich

Einen Barbarenspieß und einen Maultaschenburger (sauber, die Speisekammer West hat hier einen Stand und erkennt mich als Stammkunden schon am zweiten Tag wieder) später stehen wir bei Selah Sue im Zelt. Auch die Belgierin zieht uns mit ihrem Soul-Funk-Reggae-Mix in ihren Bann. Was gar nicht so einfach ist. Denn generell kommen die Zeltkonzerte nicht so sehr gut bei uns an. Erstens ist drinnen Sauna, zweitens ist’s oft rappelvoll und irgendwie fehlt mir drittens genau das, was ein Festival ausmacht: der Himmel über einem und der einem um die Nase wehende Wind während man wunderbare Bands sieht. Egal jetzt, wir grooven bissle rum und trinken Bier.

Ein ganz dickes Ding sind dann wenig später die Black Keys. Denn die rocken richtig satt auf der Green Stage. Und wir flippen so bissle aus und tanzen und hüpfen wie die Spasten herum. Vor allem bei ihrem Hit „Fever“ brechen die Dämme. Kann man dann auch mal seine Freunde zu schubsen. Oder Fremde. Die Erinnerung ist schwach, aber die Fotos am nächsten Tag sprechen eine deutliche Sprache.

Leider spielt auch die wunderschöne Lykke Li im Zelt. Egal. Lohnt sich trotzdem hinzugehen. Denn die Britin spielt ihren ruhigen Indie-Sound mit viel Gefühl und wirkt irgendwie als würde sie ihr Publikum ausblenden und ganz für sich spielen. Ich mag sowas arg gern. Tolle Frau. Und auch „I Follow Rivers“ spielt sie unter großem Applaus.

Ich muss erstmal ganz viel essen, bevor ich mit den anderen beim Zelt absemmel. Schon abartig was man für einen Spaß haben kann beim stundenlang Schwachsinn reden. Wir sind da ganz gut drin. Einfach gestrickt in gewisser Hinsicht. Müde, ausgedörrt und kaputt falle ich in meinen Schlafsack. Zitternd, habe ich vergessen. Schon doof: Nachts schläft man frierend ein und morgens wacht man schwitzend auf. Und mit Nackenschmerzen, aber Wunderwaffe Conny verschafft mir Linderung.

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Foto: Carsten Weirich

Der Samstag beginnt wie jeder andere Tag auch: mit der Frage ab wann man sein erstes alkoholisches Getränk zu sich nehmen kann. Wir entscheiden uns für so etwa 9 Uhr. Aber da hat ja jeder seine eigenen Präferenzen. Manch Verrückten (Charlotte Charlutte beispielsweise) aus unserer Gruppe zieht es in aller Herrgottsfrühe zur Bühne. Mich nicht. Ich habe vor 15.15 Uhr keine Termine vor irgendeiner Bühne. Da erst spielen dann Samaris im Zelt. Die habe ich beim Iceland Airwaves letztes Jahr gesehen und mich auch ein bissle in die verliebt. Schräg, ungewöhnlich, gut. Mich zieht es aber irgendwie so gar nicht da hin, und das obwohl da eine dermaßen tolle Band spielt. Aus Island auch noch! Aber so angeschwipst, bestens gelaunt und gerade noch von der Sonne gekitzelt in ein schwitziges Zelt rein und sphärische ruhige Musik hören. Na? Nee, echt nicht. Ich beschließe, dass das nicht funktionieren kann und versuche es erst gar nicht.

Die erste Band, die sich am Samstag sehe sind The Sounds. Ich hab die Schweden um die nicht ganz unansehnliche Sängerin Maja Ivarsson zwar schon wirklich oft gesehen, aber die machen mir auch immer gute Laune. Nicht gerade was für Depressionen an kalten Wintertagen, aber genau richtig fürs Jetzt. Überwiegend Teenies tanzen zu Songs wie „Living in America“ oder „Ego“. Wir steppen aber immerhin auch bissle ab.

Beim Zelt angekommen ist es erstmal Zeit für einen schönen kleinen Kick. Wenn die hier schon keine WM übertragen, machen wir eben selbst unser Ding hier. Vorbeilaufende Passanten werden natürlich sofort integriert. Oder integrieren sich selbst. Oder versuchen ihre Füße in unsere Knöchel zu integrieren. Die Sündenböcke sind schnell ausgemacht. Zwei äußerlich ziemlich harmlos wirkende, zierliche Mädels bringen unser Match härtetechnisch auf einen ganz neuen Level. Wir ziehen beim Pressschlag durch als ob es kein Morgen gebe, werden von hinten rüde abgegrätscht und manchmal weiß man nicht mal wie viele Menschen sich gerade in einem Knäuel auf dem Boden wälzen um die Kugel zu erobern. Nur eines weiß man, der Huiss ist immer dabei. Sieht man am nächsten Morgen auch an seinen Beinen. Problematisch auch die kräftige Verteidigerin, die kurz vor Spielende eingewechselt wird. Aber wie durch ein Wunder wird keiner verletzt. Und wir sind Sportsleute: Am Ende gibt es ein Mannschaftsfoto und ein faires Shakehands.

Nachdem wir der Sonne beim Untergehen zugeschaut haben, geht es irgendwann los nach vorn. Erstmal bissle Angus & Julia Stone bevor es zu Casper geht. Und der ist schon cool. Auch wenn der Sound doch ziemlich mau ist. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass unser Standort seitlich hinten bei Wind sicher nicht der Beste ist. Egal, wir singen mit und haben unseren Spaß. Vor allem als Thees Uhlmann auf die Bühne kommt und Casper zu „Xoxo“ begleitet und die beiden dann noch Uhlmanns „Zugvögel“ spielen. Schön auch Miley Cyrus, die als Puppe über dem Publikum twerkt. Tolle Sache. Oder, David H.? War schon klasse der Casper, gell?! Sogar mit richtig Feuerwerk am Schluss.

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Foto: Carsten Weirich

Wir hören uns noch ein paar Songs von Macklemore & Ryan Lewis an. Die Amis hauen mit „Thrift Shop“ und „Can’t hold us“ gleich ihre zwei dicksten Hits zu Beginn raus. Wir begießen den zweiten Festivaltag erstmal, chillen uns dann wieder unsere Hinterteile wund, reden viel, lachen noch viel mehr und genießen es einfach nur, dass wir da sind. Drei Tage lang rumhängen, Spaß haben, tolle Bands sehen, ganz ohne Termine und Druck und das mit richtig scheißenochmal echt guten Freunden. Hammer. Kann ich nur jedem empfehlen.

Mein Konzertsonntag beginnt sogar ausnahmsweise gar nicht mal so spät. Denn um 12.30 Uhr spielen I Heart Sharks. Hab ich zwar erst neulich so für mich entdeckt, aber doch auch ganz schön liebgewonnen. Der Indiepop der Berliner hat viele Parts zum Mitsingen und ist an manchen Stellen sicher auch ein bisschen cheesy. Mir scheißegal. Macht gute Laune und animiert zum Tanzen. Und die Stimmung im Zelt ist dementsprechend gut. Leider spielen sie viel zu kurz. Immerhin bekomme ich „To be young“ und „Karaoke“ zu hören. Wir und alle anderen steppen ab. Danach habe ich erstmal wieder eine Weile Pause. Nicht dass das noch in Stress ausartet hier.

Chvrches spielen dann irgendwann am Nachmittag auf der White Stage. Ist schon schön und die Stimme von Lauren Mayberry ist auch toll. Wir sind aber hungrig und durstig und sowieso irgendwie rastlos. Nach ein paar verträumten Elektropop-Songs zieht es uns dann auch schon wieder nach draußen. Schade, hätte gern noch „Nightsky“ gehört. Wir schauen noch bissle bei den Broilers rein. Mag ich auch recht gern. Außer im Namen ist bei den Düsseldorfern zwar nicht mehr viel übrig vom Oi-Punk alter Tage, aber auch Rockmusik können die ganz gut. „Tanzt Du noch einmal mit mir?“ geht mir dann auch gleich in die Beine. Ich kümmere mich mal um die richtigen Moves, während meine Freunde endlich einen Weinstand gefunden haben. Weißweinschorle ist unser Getränk dieses Jahr. Ist erfrischender als Bier und tut auch, was sie tun soll.

Bestens vorbereitet geht es dann zu Kraftklub. Und die sind wahrlich ein Live-Phänomen. Die rocken so derbe, dass man gar keine andere Chance hat als die Beine zu bewegen. Und zwar alle. Oder immerhin fast alle. Besonderes Highlight… als Kraftklub die Fans auffordern auch mal bissle für die Fahnenschwinger in schwarzen Skimasken zu applaudieren, entpuppen sich die als meine Berliner Lieblingsradaubrüder KIZ. Haha ja! Eben erst haben die Mädels die Köpfe geschüttelt als „Hurensohn“ am Zeltplatz lief. Zetteln auch gleich Krawall an die Rüpel. Also KIZ meine ich… „Juppe“ gegen „Urlaub fürs Gehirn“… KIZ gewinnen, die Fans johlen. Leider war es das auch schon mit den Berlinern. Einen haben Kraftklub aber noch. Casper stürmt zu „Songs für Liam“ nochmal auf die Bühne, auch in schwarzer Skimaske. Die Erde bebt, die Menge tobt, T-Shirts fliegen durch die Luft, Staub wird aufgewirbelt und die Schubskreise drehen ihre Runden.

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Foto: Charlotte Luther

Ein grandioses Finale jedenfalls. Wir drehen noch eine Runde im Riesenrad. Und während wir ganz oben über dem Southside thronen und ich in der wackligen Gondel stehe um ein paar gute Fotos zu machen, frage ich mich, ob das nicht gefährlich ist lauter übermütige, nicht mehr so nüchterne Menschen in ein Riesenrad zu lassen. Andererseits sind Wasengänger im Regelfall ja noch viel gerichteter. Ich setz mich trotzdem lieber wieder hin.

Die letzte Nacht wird nochmal vor dem Zelt mit Kaltgetränken und dummen Sprüchen eingeläutet. Wir haben viele tolle Bands gesehen, noch viel mehr tolle Bands verpasst, nette Menschen getroffen, viel getrunken und geraucht, die Duschen nur von ganz weit weg gesehen (nur Charlotte entpuppt sich hier wieder als Klassenstreber), gelacht bis der Bauch geschmerzt hat, sind gut gebräunt und fertig wie nix Gutes. Am nächsten Morgen geht’s nach Hause im vollgepackten Auto, das mich irgendwie an ein Flüchtlingsboot vor Lampedusa erinnert. Zuhause angekommen (dauert bissle länger bei mir, weil Schlüssel und ich einfach keine guten Freunde mehr werden) ist das Badezimmer erstmal the place to be. Ich genieße die Zivilisation, sinniere über Erlebtes und höre ganz leise Musik. Und werde melancholisch. Aber was soll’s: nach dem Southside ist ja vor dem Southside!

„Und wir schauen in den Himmel

Denn bald ist es soweit

In jedem Jahr auf diesem Platz zur gleichen Zeit

Bilden Zugvögel ein V am Firmament

und wir schauen ihnen nach bis man das V nicht mehr erkennt.“

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Foto: Carsten Weirich

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