POW!, 03.06.2014, Komma, Esslingen

POW!, 3.06.2014, Komma, Esslingen

Foto: Michael Weiß

Wir wissen bis kurz vor dem Konzert im Esslinger Komma kaum etwas voneinander, die POW! und ich. Die Band aus San Francisco habe ich erst kurz vor dem Gig aufgrund des echt fantastischen Debutalbums „Hi-Tech Boom“ kennengelernt. Außerdem ist der Bandname nicht die Abkürzung für „Prisoner of War“ (glaube ich). Und die vier von POW! wissen, glaube ich, im Vergleich noch weniger, nämlich noch nicht mal so recht, wo sie gerade sind: wie sie auf ihrem großartigen Tourplakat ankündigen, führt sie ihre abenteuerliche Konzertreise durch Großbritannien und Europa, mit unter anderem einem Konzert, das tatsächlich in „Vienna, Amsterdam“ stattfinden wird (am 20.6.). Awesome!

In Esslingen, Germany allerdings merkt man an diesem Abend nichts von irgendwelcher Verpeiltheit. Im Gegenteil, spielen POW ziemlich genau den tighten, verschrobene Surferpunk wie auf dem Debüt, der wesentlich sympathischer und sehr viel ungepflegter klingt als ihr modisch angesagtes Äußeres zunächst vermuten lässt. Eigentlich habe ich wegen dieser spaßigen Musik auch schon nach zwei Songs gar keinen Bock mehr, im dunklen Komma abzuhängen, viel lieber würde ich mit einem Longboard die Promenade von Malibu entlangbrettern, dabei POW! hören und im Rhythmus Anschwung geben. Ich kann jedenfalls völlig nachvollziehen, warum man die Debütplatte in Indiemusikblogs lobt. Klar ist natürlich auch: Bands overhypen geht immer, vergessen geht noch schneller.

Die Besetzung ist ohne Bass, dafür mit zwei betagten Synthies, die von Skrillex‘ Zwillingsbruder und Melissa Blue (hat blaue Haare, sieht man aber auf den Fotos nicht so) bedient werden. Hammermäßig unterstützt von Seth Sutton am Schlagzeug, semmelt sich Sänger und Gitarrist Byron Blum mit Tom-Morello-Gedächtnis-Gitarrenhaltung (irgendwo knapp unterm Kinn) durch die spaßigen Dreiminutenkracher, die von keinem einzigen langsamen Stück unterbrochen werden. Das finde ich persönlich gut: nicht verkopft irgendwelches Seelengemüse rauszuquetschen, sondern einfach frisch von der strapazierten Leber weg nach vorne gespielt und öfters mal „fuck“ in den Texten verwenden. Mir fällt in diesem Zusammenhang kurz auf, dass ich musikalisch doch eigentlich recht leicht zufriedenzustellen bin, aber schon geht’s weiter mit dem Albumtitelsong.

Ist das ein katastrophales Klischee, wenn man die Coolness, mit der die vier ihre ebenfalls coolen Songs spielen, jetzt allein auf die berühmte kalifornische Lockerheit zurückführt? Wahrscheinlich schon, trotzdem muss ich ständig dran denken, wie Pow in San Francisco an der Bay sitzen und mit Dick Dale und den Beach Boys einen durchziehen.

Nach nicht besonders vielen kurzen Songs ist das Konzert dann leider schon wieder ohne Zugabe vorbei. Das ist aber letztendlich nicht so schlimm gewesen, weil es mit ziemlicher Verspätung angefangen hatte und schließlich Dienstag ist. POW verkaufen trotzdem alle ihre LPs und die meisten T-Shirts am Merchandise-Stand.

Mosquito Ego, 3.06.2014, Komma, Esslingen

Foto: Michael Weiß

Die Vorband Mosquito Ego sollte natürlich auch noch Erwähnung finden, auch weil es sich um eine Stuttgart-Esslinger Superband handelt, in der unter anderem Mitglieder von Wolf Mountains und Cluster Bomb Unit mitspielen. Auch hier wird kräftig an den Synthies geschraubt, musikalisch geht es allerdings eher in die Noise-Trash-Punk-Richtung. Die kostenlosen Ohrstöpsel am Eingang sind jetzt praktisch, weil es, daher ja auch der Name der Musikrichtung, ziemlich oft sehr lärmt. Aber wieder einmal freue ich mich zu sehen, was man aus drei Akkorden und vier Zeilen Liedtext alles zaubern kann. Am Ende bleibt die Frage, ob die Synthies wirklich den entscheidenden Unterschied machen, oder ob Mosquito Ego nicht mit der klassischen Punk-Besetzung aus Drums, Gitarre und Bass genauso gut beraten wären. Diese hatte ja bereits Kollege Holger durch langjährige empirische Nachforschungen als die optimale identifiziert.

So oder so: das Komma war bisher jedes einzelne Mal, wie auch heute, die kleine Reise aus Stuttgart wert, die ich leider viel zu selten antrete. Und falls es doch mal langweilig werden sollte, kann man auf dem Handtuchspender im Männerklo immer noch „Suche den Gigblog-Aufkleber“ spielen:

POW!

Mosquito Ego

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