MOTÖRPUSSY, 30.04.2014, Goldmark’s, Stuttgart

Motörpussy

Foto: Michael Haußmann

Strammes Programm. Kaum im ersten Refrain von „Fuckin‘ Cunt“ angekommen, hängt die Hose schon auf Halbmast. Zweiter Refrain: Huch, Pipi, Pillemann, Schwanz, primäres männliches Geschlechtsorgan und dann ein blanker Arsch. „Rock’n’Roll Asshole“ steht mit Edding draufgeschrieben, und „Rock’n’Roll Asshole“ schreit auch Reverend Reichsstadt ins Mikro. Wer seinen Abend beginnt wie MOTÖRPUSSY ihre Reunionshow im pickepackevollen Goldmark’s, ist nicht darauf aus, Gefangene zu machen. Motörpussy fallen nicht mit der Tür ins Haus, sondern treten sie gleich fachmännisch aus dem Rahmen. Kladderadäng. Ein bisschen Sachschaden geht immer.

Stilvoll mit Privatiers-Mantel, Infusionsständer und Katheter-Beutel von einer – Achtung, Insidergag – jumijami Altenpflegerin auf die Bühne geleitet zu werden, ist ohne Frage auch ein super Stunt.  All der Zirkus wäre natürlich haarsträubender Quatsch, würde er von einem Idioten vorgetragen. Reverend Reichsstadt ist aber keiner – das wiederum weiß auch jeder, der kein Trottel ist. Ohne aufrichtige Männer wie ihn wäre Punkrock in Stuttgart nicht die Hälfte wert. Ich hoffe trotzdem, dass im Urinbeutel nur Apfelsaft oder Bier drin war.

Motörpussy

Foto: Michael Haußmann

Die schmissige Misantrophen-Hymne „I Hate This Town“ lässt auch nicht lange auf sich warten. Nicht ohne vorher darauf hinzuweisen, man möge ihm bitte vorab die Gage auf sein Schweizer Nummernkonto überweisen – ein kleiner Wink in Richtung der ziemlich guten Stuttgarter Band Wolf Mountains, die ein paar Tage zuvor im Goldmark’s als Support von King Khan spielten und ein kleines Shitstörmle anzettelten, weil sie vorab mit dem Veranstalter Radioclash keine Gage abgesprochen hatten und dann recht sauer waren, dass der sie trotz ausverkauftem Haus vertragsgetreu nicht ausbezahlte. Ein Shitstorm ist nunmal immer nur so viel Wert wie die letzte Mahlzeit davor.

Keine Ahnung, ob Tres Locas anständig entlohnt wurden. Das Akkustik-Cover-Trio aus Los Angeles, Sindelfingen und Böblingen, mit u.a Ralf Dietl, von den früher sehr anständigen Confused Mindfuckers, aka CMF, klampfte einen bunten Strauß von unkaputtbaren Gassenhauern wie „Blister In The Sun“, „Rebell Yell“ oder „Nice Boys (Don’t Play Rock’n’Roll)“ raus. Geht immer. Genauso wie die gute alte „We will rock you“-Nummer oder einen Schalenkoffer als Bassdrum. Und um das abzuschließen: Ja, Vorbands sollten dem Veranstalter immer etwas wert sein.

Motörpussy

Foto: Michael Haußmann

Motörpussy wiederum sind keine Band, die viel Zeit darauf verschwendet, sich zu beschweren. Tex Torpedo, Herbie Hustler, Ingo Love und Reverend Reichsstadt  rumpeln zielstrebig und rustikal nach vorne. Das war schon früher so, auch als ihnen wegen Rumgekeile, Sauereien auf der Bühne und einem großen Mittelfinger an jeder Hand das Prädikat „Skandalrocker“ verliehen wurde. Heute wird man ja schon „Skandalrocker“, wenn man eine beschissene Frisur hat.

„Getting Older“ ist da eine prima Überleitung, auch weil vermutlich 80% des Publikums noch nie ein Motörpussy-Konzert erlebt haben. Die anderen 30% überlegen, wo sie die damals das letzte Mal gesehen haben, ob das eigentlich gut war und wie das mit Mathe nochmal ging. Die erste Show nach 15 Jahren hier beim Goldmark’s Geburtstag ist auch ohne Rechenschieber außerordentlich gut. Und alle so: „Yes, I’m getting older, older all the time“. Ein paar Leute grinsen selig, andere klatschen oder rempeln sich freundlich beim Tanzen an und alle schwitzen. Wer Konfetti hat, wirft damit.

Motörpussy

Foto: Michael Haußmann

Das ist Punkrock ohne großes Rumgeschnörkel. Ecken, Kanten und ein paar Lieder, die auch gestern hätten geschrieben werden können. Da klingen Jesus Lizard durch, New Bomb Turks und G.G. Allin auch. Der Reverend rollt, kniet und liegt auf der Bühne oder steht mit immer noch offener Hose am Mikroständer und bellt Lieder raus, deren Titel man seiner kleinen Schwester nur im Ausnahmefall ins Poesie-Album schreiben würde. Selbst wenn man keine hat.

Das ist Musik aus der Welt, in der Russ Meyer einen Oscar bekommen würde und Blink 182 nie passiert ist  – natürlich hochgradig altmodisch, aber eben mindestens genauso unterhaltsam. Auch weil immer wieder deutlich wird, wie gut Motörpussy damals eigentlich waren. Mit „I’m So Sorry“ würden anständige DJs noch heute jede Tanzfläche voll machen. Motörpussy selbst lassen mit dem gut 15 Jahre alten Stück das Goldmark’s und alle verfügbaren Hüften wackeln.

Klar, das klingt jetzt wie „Also, für ihr Alter sieht die Iris Berben echt noch voll heiß aus“ – ist aber anders gemeint. Echte Schönheit – innen wie außen – vergeht schließlich nie, Hässlichkeit auch nicht und Motörpussy pflegen beides.

Motörpussy

Foto: Michael Haußmann

„I Really Like To Fuck“ ist ebenfalls wunderbar ungehobelter Punkrock und ein kleines Stück der Gewissheit, dass es da weder ein Verfallsdatum gibt noch sonderlich auf Mode ankommt. Bei QVC würde das „zeitlos, schlicht und schön“ heißen. Im Goldmark’s heißt das. „Oiner goht no. Zuuhhgahbe“ Aber nix da: Nach einer Stunde fällt der Reverend um, die Altenpflegerin fühlt seinen Puls und legt ihm dann den Privatiersmantel übers Gesicht. Klappe zu, Affe tot. Möge er bald wieder auferstehen.

Und weil das auch mal gesagt werden muss: Alles Gute zum Geburtstag und „Danke!“, liebes Goldmark’s. Auch dafür, dass Laura, Brunner und Martin nix von „Subkultur“ faseln, sondern den besten Punkrockladen der Stadt betreiben. Der Ort, an dem das Publikum gleichermaßen Bolt Thrower, die Dwarves, Northern Soul und Depeche Mode feiert. Mögen sie bitte noch ganz viele Kerzen auf der Torte ausblasen müssen.

Motörpussy

Foto: Michael Haußmann

Tres Locas


Motörpussy

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