ZOË BOEKBINDER, 29.04.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

ZOE BOEKBINDER, 29.04.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Immer wieder ein schöner Moment bei einem Wohnzimmerkonzert: die Gästeschar füllt den Raum, es wird palavert und Bier getrunken, irgendwann lösen sich aus der Gruppe ein paar der Gäste, und entpuppen sich als die Musiker, wegen derer sich alle eingefunden haben. Gestern wieder genau so geschehen mit Zoë Boekbinder und ihren Mitmusikerinnen Taylor Ross und Danah Olivetree.

Claudias Wohnzimmer ist mal wieder bestens gefüllt und die Band muss sich ganz schmal machen. Das Setup ist komplett akustisch, besteht aus der Sängerin, ihrer Gitarre, einem Banjo, einem Schlagzeug und einem Cello. Schlecht vorbereitet, wie ich war, hatte ich einen Solo-Auftritt mit einigen Loop-Maschinen erwartet. Noch schöner natürlich, wenn stattdessen eine richtige Band und handgemachte Musik präsentiert werden. Zoë stellt kurz ihre „Biggest Little Boys‘ Band“ vor und los geht’s.

Zum größten Teil werden Songs ihres aktuellen Albums „Baby Bandit“ vorgetragen. Aber auch aus Ihrem Zyklus „100 Songs in 100 Tagen“ wählt sie einige Titel aus. Dabei beeindruckt immer wieder das enorme Spektrum von Klangfarben, die sie mit ihrer Alt-Stimme erzeugen kann. Sie hat zum einen die leicht knödelnde Intonation mit diesem typischen Kippen in die Kopfstimme, die für unsere Ohren so typisch nach altmodischer Country-Musik klingt, zum anderen kann sie samtweiche Balladen hinhauchen oder auch dreckig-rockig klingen. In den unterschiedlichen Instrumenten-Kombination, die mit dem kleinen Setup möglich sind, ergibt sich dadurch eine erstaunlich große Vielfalt an Sounds und Stilen. Ein absolut unterhaltsamer Abend, das Publikum ist fasziniert, der Applaus riesig.

ZOE BOEKBINDER, 29.04.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Zoë erzählt von ihrem Ehrenamt in einem Gefängnis, wo sie Musik-Workshops mit Häftlingen macht, berichtet von einer Kooperation mit einem Rapper. Und einem Lied, das ein siebzigjähriger lebenslänglich einsitzender Mann geschrieben hat. Bevor sie es singt, weist sie darauf hin, dass lebenslänglich in den USA in der Regel wirklich bedeutet, dass der Mann im Gefängnis sterben wird. Dann singt sie seine zarte Country-Ballade, ein einfaches Lied davon, noch einmal die Bergluft atmen zu wollen, noch einmal den Duft der Blumen der Appalachen riechen zu wollen und dort begraben zu werden. Das könnte kitschig sein, ist es aber nicht. Es ist authentisch und unprätentiös. Und ergreifend.

ZOE BOEKBINDER, 29.04.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Einen erheblichen Anteil haben natürlich ihre Mitmusikerinnen. Taylor Ross spielt in erster Linie das durch eine dicke Decke auf Zimmerlautstärke abgedämpfte Schlagzeug, hin und wieder das Banjo oder die Gitarre. Danah Olivetree am Cello zeigt virtuos, wie vielfältig dieses Streichinstrument ist. Sie spielt es stehend, häufig gezupft – gerne auch als Walking Bass – aber auch klassisch gestrichen. Dabei nutzt sie die ganze klangliche Tiefe, die dieses Instrument ermöglicht und gibt den Songs die ganz besondere Emotionalität. Da ist Gänsehaut garantiert. (Fakt am Rande: sie spielt übrigens auch Cello für Macklemore & Ryan Lewis)

ZOE BOEKBINDER, 29.04.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nach einer guten Stunde ist der Auftritt vorbei. Was dann folgt, quasi, die dritte Halbzeit, ist genau so schön wie der Beginn des Abends: die Musikerinnen mischen sich wieder unter das Publikum, man kommt in Kontakt. Waren zu Beginn noch alle ein wenig schüchtern, ist jetzt das Eis gebrochen. Man plaudert, trinkt zusammen ein Bier in der Küche, holt das digitale Fotoalbum heraus und staunt gemeinsam über die erstaunliche Ähnlichkeit von Danah mit Kate von This Is The Kit, die auch schon in eben diesem Wohnzimmer gespielt hat.

Es ist diese direkte persönliche Ebene, die diese Art von Konzerten so attraktiv für Musiker und Zuhörer macht. Und so wundert es nicht, das Zoë auf Ihrer sechswöchigen Europa-Tour einen großen Teil Ihrer Gigs in privatem Rahmen spielt.

ZOE BOEKBINDER, 29.04.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

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