BLOOD RED SHOES, 13.04.2014, Wagenhallen, Stuttgart

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Foto: X-tof Hoyer

Wenn man als Besucher mitten während des Konzerts in die Wagenhallen gebeamt worden wäre, vermute ich, dass einem als erste Assoziation dort ein Begriff wie Inferno in den Sinn käme. Stroboskop und schnell wechselnde Lichtstimmungen und ganz viel Nebel auf der Bühne. Und für einen frisch Hineingebeamten sicherlich im ersten Moment ein gewaltiger Höllenlärm.

Doch nach kurzer Zeit ziehen sich die Mundwinkeln leicht nach oben und man stellt wohlwollend fest, dass man sich inmitten eines Blood Red Shoes Konzerts befindet und wird als geneigter Zuhörer sehr schätzen, was die Briten Laura-Mary Carter und Steven Ansell hier zünden. Es ist so, wie man sich ein hm… Indie-, Punk-, Garage-, Rockkonzert wünscht: laut, fett, dynamisch, dreckig, wütend und mit extrem hohen Wipp- und Nickfaktor.

Zwischen den Songs dürfen Augen und Ohren (und ggf. auch Genick) sich ganz kurz mal ausruhen, bevor die nächsten Kaskaden aus Licht und Sound auf die Menge niedergehen. Diese nimmt sie wohlwollend in Empfang, nein sie saugt sie förmlich auf wie ein ausgetrockneter Schwamm. Von Beginn an ist die Stimmung sehr schön – eine angenehme Mischung aus entspannt aufgewühlt und begierig aufgeregt. Aufgeladene, erwartungsvolle Musik- (evtl. auch andere) Emotionen entladen sich an diesem so eingängig wie abgefahrenen Shoes-Sound durch laute Begrüßungs- und Begeisterungsschreie (hier vorwiegend von erwachsenen Männern abgegeben) und fröhlichem unaufgeforderten Mitklatschen und –singen (die Textsicherheit ist enorm hoch).

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Foto: X-tof Hoyer

Die ausgeprägte Vorliebe für Gitarrenriffs und lauten, treibenden Rhythmus, die ergänzt werden durch die Stimmakzente von Laura-Mary Carter, macht jeden Konzertsong der Blood Red Shoes zu einem Erlebnis und man groovt sich immer weiter hinein, denn trotz der Rohheit und der garagetypischen DIY-Attitute, ist eine gewisse Popaffinität nicht zu leugnen. Das mach richtig Spaß!

Schlagzeuger Steven Ansell, der auch immer wieder Gesangsparts übernimmt, muss als Kind hyperaktiv gewesen sein: Unermüdlich drischt er perfektionistisch auf das klein wirkende, da seitlich aufgestellte Schlagzeug ein, animiert das Publikum durch Stöckeschlagen oder direktes Anbrüllen zum Mitmachen und Tanzen.

Und ebenso wenig wie man sich vorstellen möchte Ansells Becken oder Basedrum zu sein, möchte man sich in die Gitarre von Frau Carter hineinversetzen, die frenetisch und wütend, aber nicht weniger professionell malträtiert wird. Carter bleibt hingegen die dunkle scheinbar Unnahbare; eine Indiepunk-Femme-Fatal. Finster im schwarzen Outfit. Doch als eine kleine Pause entsteht (da die von Herrn Ansell zerstörte Snare getauscht werden muss), wird sie unerwartet zum Mädchen: „dunno what to say“ haucht (!) sie schüchtern ins Mikro und behilft sich verlegen mit einer Bemerkung über die ungewöhnlich großen Weingläser hier in Stuttgart – dann nochmal anstoßen mit dem Bandkollegen und es heißt wieder Party on!

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Foto: X-tof Hoyer

Über das vierte nach der Band benannte und in Berlin in Eigenregie aufgenommene Album wurde viel gemunkelt und hin- und herinterpretiert. Ob sie nun ihren ehemaligen Produzenten Mike Crossey (Artic Monkeys) tatsächlich in die Wüste geschickt haben oder einfach nur Lust hatten, mal alles selbst zu machen, scheint beim Hören des Ergebnisses relativ marginal. Doch gab Ansell in einem Interview ein Statement dazu: „Kein Produzent, kein Techniker, keine A&R-Leute, nur wir zwei in einem großen, betonierten Raum in Kreuzberg, in dem wir jammten und aufnahmen, wann immer wir wollten, wie wir wollten, ohne, dass wir uns gegenüber jemand anderem als uns selbst rechtfertigen mussten. Heraus kam eine Platte, die nach unserer rohsten, schwersten, sexiesten und selbstbewusstesten bisher klingt.“  Tja, dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Roh, schwer, sexy und selbstbewusst – auch das sehr treffende Beschreibungen des Blood Red Shoes Sounds, der es – wie ich meine – tatsächlich geschafft hat, etwas Neues zu sein, eine Nische ganz für sich zu besetzen. Auch wenn es natürlich Zweier-Besetzungen dieser Art beispielsweise mit den White Stripes natürlich schon gab/gibt, haben sich jedoch viele von ihnen im Laufe der Zeit Unterstützung geholt bis hin zu eigenen Keyboardern. Derlei Teufelszeug kommt bei den beiden erst gar nicht in die Garage. Haben es Carter und Ansell doch geschafft, ihren eigenen Sound zu kreieren und der wird nun mal in rauer Handarbeit hergestellt. Und ich bin sicher, dass es da schon einige Youngsters in Probekellern gibt, die fleißig versuchen diesen nachzuahmen. Die ebenfalls ihre Wut und Aggressionen in solche Songs hineinpacken und sie bei Konzerten herauslassen möchten.

„I’m not asking for permission to live anymore / I’m not waiting for a future that might never come“ kann man da nach gut einer Stunde, 18 Songs plus zwei Zugaben nur sagen oder aber: Scotty beam me up! Und zwar direkt zum nächsten Konzert der Blood Red Shoes.

Der Vollständigkeit halber seien die Wytches als Vorband noch erwähnt. Das 2011 gegründete, ebenfalls britische Trio (Bass, Gitarre, Drums) liefert einen ordentlichen Einheizerauftritt mit einem Mix aus Punk, Psychedelic, Post-Hardcore und Rock und schafft es mit engagiert vorgetragener Wut, die Stimmung auf das richtige Level zu bringen.

Wytches


Blood Red Shoes

Ein Gedanke zu „BLOOD RED SHOES, 13.04.2014, Wagenhallen, Stuttgart

  • 16. April 2014 um 16:06
    Permalink

    Wenn man das liest ärgert man sich nicht dort gewesen zu sein. Aber Dank des lebhaften Berichts kann ich es mir vorstellen. Toll!!

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