LAIBACH, 15.03.2014, Manufaktur, Schorndorf

Laibach, Manufaktur

Foto: Michael Weiß

Additional ingredients: Laibach S3 (Salvia, Sweat, Sperm)
Das steht in der Zutatenliste der Seife Schwitz Aus!

Laibach machen es einem nicht leicht, und darum geht man zu ihren Konzerten. Und das sehen außer mir ein paar hundert andere auch so. Die Manufaktur am heutigen Abend ist voll mit weitestgehend Ü40ern, ein buntschwarzes Volk aus Intellektuellen, Goths und Unverbesserlichen. Die Slowenen haben Anfang März ihr fast 40. Album veröffentlicht, es heisst „Spectre“ und kommt in gewisser Hinsicht geradezu poppig daher – was hat das also zu bedeuten, was wollen Laibach damit sagen, was machen die überhaupt?

Eine Stunde nach der „Wetten, dass…?“-Zeit tönen die Eurovisionsfanfaren, und fünf Musiker betreten die Bühne: Schlagzeuger Janez Gabrič, Elektroniker Luka Jamnik, Elektroniker Sašo Vollmaier und Elektronikerin und Sängerin Mina Špiler (allein die ganzen diakritischen Zeichen sind es wert, alle Namen zu nennen). Es folgt Milan Fras, seit dem Selbstmord des Sängers Tomaž Hostnik im Jahre 1982 durchgängig dabei durch seine gepresste, tiefe Stimme tonales und durch seine Wüstenlegionärs-Kopfbedeckung visuelles Markenzeichen der Formation. Zwei Leinwände sind hinter der Band aufgehängt, auf diesen werden uns in den nächsten eineinhalb Stunden die filmischen Interpretationen der vorgetragenen Musik gezeigt werden. Langsam und getragen startet Laibach mit „Eurovision“. Am Abend vorm Krim-Referendum gleich ein tagespolitischer Treffer:

Europe is falling apart
Europe is falling apart
Europe is falling apart
Europe is falling apart
Europe is falling

Apart

In the absence of war
We are questioning peace
In the absence of god
We all pray to police

Laibach, Manufaktur

Foto: Michael Weiß

Es folgen alle Songs des neuen Albums am Stück. Scharfer Elektrosound wird da geboten,  bisweilen im Vergleich zum sperrigem Material aus den 80er und 90ern aber stellenweise ziemlich eingängig, das ist kein Lob. Mina singt mit klarer, kalten Stimme. Sie nimmt pro Song zwei bis zu drei unterschiedliche Köperhaltungen an, nicht mehr. Ihr Blick ist starr ins Publikum gerichtet. Über das gesamte Konzert huscht ihr kein Lächeln über ihr fein geschnittenes Gesicht. Dürfte ich James Bonds „Liebesgrüße aus Moskau“ neu verfilmen, ich würde ihr die Rolle der Ex-KGB-Offizierin Rosa Klebb geben, das war die mit den Giftstacheln in den Schuhspitzen. Ist Milan Fras mal nicht mit singsprechen dran, steht er etwas unbeteiligt daneben und tänzelt zu den Beats. Da kann sich der alte Mann noch was von seiner jungen Kollegin abschauen. Er überzeugt allerdings mit seiner unglaublich durchdringenden Singsprechstimme, die das Geknödel von Rammsteins Sänger Till Lindemanns wie das eines Wiener Sängerknaben klingen lässt. Ach ja, Rammstein… wurde übrigens nach eigenen Angaben vom Stil Laibachs beeinflusst. Apropros Laibach und Rammstein: Auf die Frage, was der Unterschied zwischen Kabarett und Comedy sei, antwortete der Kabarettist Helmut Schleich neulich in der Froggy Night sinngemäß: Der Kabarettist habe eine Haltung, der Comedian schiele darauf, die Halle voll zu kriegen.

Laibach, Manufaktur

Foto: Michael Weiß

Resistance is futile
We are Laibach
And you will be assimilated with Blitzkrieg

… heißt es im letzten Song vom ersten, vom „Spectre“-Block. Dann erklingt ein Wiener Walzer, das Licht geht an: Intermezzo steht auf der Leinwand zu lesen und ein 10-Minuten-Countdown beginnt.

Pause, auch nicht schlecht. Kann man die martialische Musik und die Bilderflut mit einem Bier erst mal verdauen, denn so viele Uniformen, marschierende Stiefel und totalitäre Symbolik sieht man sonst nur ab 2 Uhr morgens in den n-tv-endlos-2.-WK-Dokus. Militant classicism nennt sich der Stil, der – kurz gesagt – die Mechanismen von Ideologien, politischer Manipulation etc. verständlich und erfahrbar machen will. Dazu muss man wissen, dass Laibach 1980 kurz nach Titos Tod als Künstlerkollektiv im Rahmen der Neuen Slowenischen Kunst (NSK) gegründet wurde und eine Dekade künstlerisch-politischer Auseinandersetzung mit dem damaligen sozialistischen System hinter sich gebracht hat (u. a. Auftritts- und Ausstellungsverbote), in den 90ern sich Themen wie dem Balkankrieg  und Religion zuwandte, in den Nullerjahren Bach („Laibachkunstderfuge“), Wagner („Volkswagner“) und Nationalhymnen („Volk“) verarbeitete und vor zwei Jahren den Soundtrack zum Mond-Nazi-Grotesk-SciFi „Iron Sky“ produzierte. Allein der Wikipedia-Eintrag wäre 25 Seiten lang, würde man ihn drucken.

„Mit Ausnahme des durch die Laibach gesetzten künstlerischen Kontexts bleiben leere Versatzstücke und Ideologiesplitter zurück, die in der „völligen Stumpfsinnigkeit ihrer materiellen Präsenz“ erfahrbar werden.“, wird der abgefahrene Philosoph Žižek, auch Slowene, im WikiArtikel zitiert.

Laibachs Signet, das schwarze Kreuz auf weißem Grund, ist ursprünglich von Kasimir Malewitsch, der wiederum 1915 mit dem Schwarzen Quadrat die größtmögliche Abstraktion herbeiführte, Wendepunkt in der Kunst. In Laibachs Verwendung irritiert das Kreuz als vermeintliches totalitäres Symbol. Diese Art der Mehrdeutigkeit führte übrigens dazu, dass in Westeuropa Laibach immer wieder als neofaschistisch eingestuft wurden, wohingegen in den USA ihnen kommunistische Subversion unterstellt wurde.

Laibach, Manufaktur

Foto: Michael Weiß

Pause vorbei, weiter geht´s mit Songs, die v. a. in den letzten zehn Jahren entstanden. Es scheint, als wolle sich die aktuelle Laibach-Formation vom Ballast der 80er und 90er Ära befreien. Das tun sie u. a. mit der Zugabe “Tanz Mit Laibach”, eine Verneigung an DAFs “Tanz den Mussolini”, Wendepunkt im Punk. Nach Hause werden wir geschickt mit „Das Spiel Ist Aus“:

Wir sind Gott
Wir sind zeitlos
Und Du bist tot
Raus, das Spiel ist aus!

Am Ende haben mir dann doch die Covers von Opus „Life Is Life“ (bei Laibach „Leben Heisst Leben“) und natürlich „Final Countdown“ von Europe gefehlt. Zum Trost kauf ich mir die Seife.

Hier die Setlist:

    Eurovision
    Walk with Me
    Americana
    We Are Millions and Millions Are One
    Eat Liver !
    Bossanova
    Koran
    Whistleblowers
    No History
    Resistance Is Futile

Intermezzo

    Brat Moj
    Ti, Ki Izzivaš
    B Mashina
    Under the Iron Sky
    Leben-Tod
    Warme Lederhaut (The Normal cover)
    Ballad of a Thin Man (Bob Dylan cover)
    See That My Grave Is Kept Clean (Blind Lemon Jefferson cover)

Encore:

    Love on the Beat (Serge Gainsbourg cover)
    Tanz mit Laibach
    Das Spiel ist aus

PS: Liebe Manufaktur, danke für Euer großartiges Programm! Nächste Woche: Bohren & Der Club Of Gore, fantastisch.

Laibach

7 Gedanken zu „LAIBACH, 15.03.2014, Manufaktur, Schorndorf

  • 18. März 2014 um 10:31
    Permalink

    Und? Hast du die Seife schon zur rituellen Waschung verwendet?

  • 18. März 2014 um 11:42
    Permalink

    Ja, jaaaa, jawoll! Superkonzert! Anno 1988 bin ich leicht verstört und mit leichtem „Lustekel“ nach dem Laibach-Auftritt aus dem Longhorn getrottet, letzten Samstag hingegen hab ich das breite Grinsen erst ’ne Stunde nach dem Konzert aus der Visage rausgekriegt.

    Keine Frage: Früher waren Laibach subversiver, kontroverser, böser, gewaltiger und bedrohlicher. Heute ist Laibach mit seiner Mischung aus 79% Immernochrelevanz, 20% hochkultureller Musealität und 1% unfreiwilliger Komik zum stimulierenden Kulturspaß für die ganze Familie mutiert.

    Ich freu mich schon wie Bolle auf das nächste Konzert in reichlich 25 Jahren in Stuttgart! Vielleicht stellt dann Opi Milan die Missstände der europäischen Senioren- und Pflegepolitik an den Pranger? Mit Armeen von gebeugten Senioren, die im Gleichschritt mit ihren Rollatoren über die Videoleinwand schlurfen. Das wird ein Spaß!

    Laibach Forever!

  • 18. März 2014 um 13:55
    Permalink

    Laibach…wegen der Band hab ich mal früher geradezu ideologische Auseinandersetzungen geführt. Heute kann ich die Größe Ihres Kunst-Ansatzes verstehen und mich fast schon dafür begeistern.Allerdings bleib ich bei einem: ihre große Popularität in den 80ern verdanken sie schon der Tatsache, dass sie von vielen „falsch“ verstanden wurden. Die Rolle übernimmt heut Rammstein. Auf deutlich niedrigerem Niveau.

  • 19. März 2014 um 09:50
    Permalink

    Puh…ganz schön dicht alles !! Bin gespannt auf die Seife !

  • 26. März 2014 um 09:25
    Permalink

    @Holger D.:
    Lustekel und Dauergrinsen – genau das ist es, sehr treffend. Ich war Anfang 2000 in der Röhre bei Laibach, und da wurde mit „Final Countdown“ gestartet, mit E-Gitarre und Syntie-Kirchenorgel in einer Lautstärke, die selbst die Kacheln im WC noch springen ließ.
    Und bei unserem Chemnitzer Konzertbruder Holger T. hing in den 90ern überm Sofa das schöne Laibachplakat „Bombenhagel über dem Deutschland“. Herrlich.

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