BONOBO, 14.03.2014, LKA, Stuttgart

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Foto: Özlem Yavuz

Bonobos seien ja die einzigen Affen, die Sex nicht nur zur Fortpflanzung betreiben, sondern auch zum Stressabbau. Der Mensch hat sich in Sachen Stressabbau sogar noch mehr ausgedacht, u. a. kann auch die Musik dazu beitragen. Punk, Rock und Techno können das, aber auch ruhige Musik, z. B. der Downbeat. Simon Green, a.k.a. Bonobo ist darin ein Meister. Nach so einer Einleitung krieg ich wiederum wahrscheinlich erst mal Stress. Gut, nochmal:

Ich zum Michl: Hey, ich geh auf‘s Bonobo-Konzert. Michl: Ah, Bonobo, der von U2?

Heute Abend hat sich Bonobo zur Anregung und zum Stressabbau im LKA in Stuttgart angemeldet. Und es wird mit geschätzten 800 Leuten ziemlich voll. Bonobo spielte letzten Sommer auf einem Open Air in Tübingen, dementsprechend viele Bachelors und Masters sind im Saal.

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Foto: Özlem Yavuz

Zur besten Sendezeit startet Werkha seinen Support: Jim steht allein mit Gitarre vorm Samplerschalter und produziert verschachtelten Vocal House, das er mit warmen Gitarrenakkorden begleitet. Gesampelte Frauenstimmen, Jazzelemente… in guten Momenten erinnert es mich an Herberts Meisterscheibe „Bodily Functions“. An alle Wohnzimmerkonzertveranstalter: Bucht Euch Werkha mal für ne House-Party, der Typ macht das großartig!

Einen Umbau und eine Stunde später legen Bonobo und Band mit einem „Stuttgart, how-yer-do-in?“ und dem Track Cirrus vom 2013er Album „The North Borders“ los. Simon Green steht etwas erhöht im Hintergrund an zwei Sequencern, die Gitarre oder den Bass wahlweise umgehängt. Drumherum drapiert: Drummer, Keyborder und zweiter Keyborder, der wahlweise auch in die Querflöte oder in das Saxophon pustet. Ein bisschen erinnert das Arrangement an die St-Germain-Auftritte, bei denen Mastermind Ludovic Navarre im Hintergrund seine Band dirigierte und einen kongenialen Jazz-House produzierte. Simon Green erzeugt einen melodischen, unaufgeregten aber tanzbaren, vielschichtigen Instrumental-Sound. Seit dem 2006er Album „Days To Come “ nimmt Green sich immer wieder Gastmusikerinnen dazu. Zum Song „Towers“ betritt seine neue Entdeckung, die Afro-Londonerin Szjerdene (kein Tippfehler, sprich Schjärdien) die Bühne. Warme R’n’B-Stimme, elegante Ausstrahlung. Sie wird auch die im Original von Erykah Badu gesungenen Stücke interpretieren… von der 26jährigen Szjerdene wird man noch hören. Nach ihren Songs bleibt Bonobo allein an seinem Tastenspielplatz zurück. Es wird deutlich elektronischer, der Rhythmus allerdings entwickelt sich in Richtung Hip Hop, Streicher werden gereicht. DJ Crush im Sahnevollbad. Wenn das jemand besser einordnen kann, möge er sich melden. Außerordentlich vielseitig hat sich Bonobo seit dem ersten Album weiterentwickelt.

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Foto: Özlem Yavuz

Apropros erstes Album: Gefühlt war das ja Trip-Hop-Zeitalter nach dem zweiten Portishead-Album zu Ende. Dann kam der ganze Chillout-Kram, CD-Samplers überschwemmten den Markt nach dem Motto Nie mehr den Trend verpassen, das, was den Majors Anfang der Neunziger mit Techno passiert war. Im Jahr 2000 kaufte ich mir in dieser wirren Zeit das Debutalbum von Bonobo, „Animal Magic“. Ein wunderbar ruhiges, intelligentes und angenehmerweise instrumentales Album, das man zur Musikrichtung Downbeat zählte, quasi Trip Hop mit Chillout. Nur weil der Musikmarkt hohl dreht, muss ja nicht alle Musik aus dieser Richtung belanglos sein. In der Folgezeit produzierte Simon Green alle zwei bis drei Jahre ein Album, seinen Stil weiterentwickelnd, während andere in die ganzen Nullerjahre- Elektroniksackgassen fuhren und dort stecken blieben.

Zurück zum Konzert: Mit dem dancefloortauglichen und an Paul Kalkbrenner erinnernden „We Could Forever“ wird derselbige zum stumpfen Gesellen degradiert und Szjerdene darf noch ein paar Male singen. Für mich erreicht das Konzert den Höhepunkt mit „El Toro“, einem ruhigen, aber treibenden Elektrojazzstück mit dem prominenten Geigensample, welches Green, eigentlich bei dem Stück Bass spielend, immer wieder an der richtigen Stelle per Knopfdruck am Sampler abholt. In der Mitte des Stücks darf der Drummer, ganz in Jazzmanier, ein volles Schlagzeugsolo spielen, gefolgt von einem immer überdrehteren, im Chaos  endenden Saxophonsolo… Knopfdruck, Geigensample, wieder drin im Stück und ein elegant ausklingendes Ende. Da sind Vollblutmusiker am Start. Anregend und stressabbauend.

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Foto: Özlem Yavuz

Und hier die Setlist:

Cirrus
Sapphire
Towers (with Szjerdene)
Stay The Same (with Szjerdene)
Prelude
Kiara
Ten Tigers
Kong
Ketto
Emkay
First Fires
Get Thy Bearings (with Szjerdene)
Recurring
We Could Forever
El Toro
Transits(with Szjerdene)
Know You

Encore:
Pieces (with Szjerdene)
The Keeper (with Szjerdene)

4 Gedanken zu „BONOBO, 14.03.2014, LKA, Stuttgart

  • 17. März 2014 um 10:57
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    Sehr schön geschrieben.

    Für mich als „nicht-wirklich-gut-Kenner“ dieses Genres passte das schon alles ganz gut. Stressabbauend definitiv. Leider auch in einigen Phasen eher sehr belanglos und dahinplätschernd. Ich bleibe bei meiner Meinung. Wenn ich so viel Livemusiker auf der Bühne hab dann muss da finde ich mehr rüberkommen. Teils war das arg toll teils schon sehr beruhigend :-)
    Vielleicht waren wir aber da rechts von der Bühne auch einfach nur falsch gestanden.

  • 17. März 2014 um 11:53
    Permalink

    @ chris_der_1

    Ich stand weitestgehend in der Mitte hinterm FOH, da kam es ggf. abwechslungsreicher rüber, allerdings war der Sound teilweise latent breiig.
    Aber insgesamt gebe ich Dir da schon recht.

  • 19. März 2014 um 09:54
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    Schöner Neologismus, der: „Nullerjahre-Elektroniksackgassen“ … hübsch.

  • 19. März 2014 um 09:54
    Permalink

    Sind Setlists im Kommen?

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