HAWELKA, 27.02.2014, Kap Tormentoso, Stuttgart

HAWELKA, 27.02.2014, Kap Tormentoso, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Fürchterliche Stürme, haushohe Wellen und eine Mannschaft, die vom Skorbut dahingerafft wird. Nicht gerade eine Vergnügungsfahrt, die Bartolomeu Dias 1488 im südlichen Atlantik unternimmt. Und erst nach der erzwungenen Umkehr wird dem wagemutigen Portugiesen klar, dass er die Südspitze Afrikas bereits umrundet und damit den Seeweg nach Indien gefunden hatte. Das sturmumtoste Ende des afrikanischen Kontinents nennt er „Cabo Tormentoso“. Erst später wird es zum Kap der Guten Hoffnung.

Fernweh, Abenteuer, Reisen und Sehnsucht. Große Gefühle, Liebe und Tod. Genau die Themen, die sich durch die Songs von Hawelka ziehen. Zumindest thematisch hätte sich das Trio also keinen besseren Ort für das Release-Konzert des neuen Albums wählen können als das Kap Tormentoso. Und tatsächlich: mit dem Treppenabgang, der Enge, der stickigen Luft und dem vielstimmigen Palaver fühlt man sich tatsächlich ein wenig wie auf dem Mannschaftsdeck einer Karavelle.

LEVIN GOES LIGHTLY, 27.02.2014, Kap Tormentoso, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Als wir das Deck entern, taucht gerade der Support-Act Levin Goes Lightly aus einer massiven Kunstnebelwand auf. In seiner typisch fahrigen Art schrammelt er über die Saiten und singt eines seiner wunderbar melancholisch-schrägen Lieder. Und er wirkt entnervt. „Ihr geht mir dermaßen auf den Sack mit eurem Gelaber!“ fährt der sonst so zurückhaltende, sympathische Sonderling ein Grüppchen in der Ecke an. Und recht hat er: wie bei allen Konzerten mit freiem Eintritt scheint ein guter Teil des Publikums eher des Events und weniger der Musik wegen da zu sein. Während es die meisten Musiker klaglos hinnehmen, schreitet Levin zur Tat. Mit dem nächsten Song steigt der ohnehin ziemlich groß geratene Musiker auf den Tisch eben dieser Plauder-Runde und singt in einer bedrohlichen Pose auf jeden einzelnen hinab. Danach ist Ruhe.

LEVIN GOES LIGHTLY, 27.02.2014, Kap Tormentoso, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Für Hawelka beginnt die große Fahrt erstmal mit ordentlich Schlagseite. Gesangsmikro noch aus, Anlage verstellt, außer dem Schlagzeug ist erstmal nichts zu hören. Aber die drei nehmen’s locker, lassen sich die Korrekturwünsche am Sound aus dem Publikum zurufen und schließlich gelingt der Stapellauf im zweiten Anlauf. Mit „Halt mich fest“ geht es los. Vom neuen Album „Spiegel der Zeit“ und mit allen Zutaten des typischen Hawelka-Sounds: Petr Novaks knorriger tschechischer Akzent, eine fette Doors-Orgel und einem delikaten Gitarrensolo. Aber es dauert noch drei Titel, bis der Sound passt und der Hawelka-Kahn in ruhigeres Fahrwasser kommt. Das ist schon alles ganz schön retro: Sixties-Sound (mit Eighties-Akzenten), das neue Album natürlich auf Vinyl und das Cover mit verhuschten Lochkamera-Fotos das Fotokünstlers Przemek Zajfert. Keine Frage: Diese Band hat einen Plan und arbeitet an einem Image mit Wiedererkennungswert.

HAWELKA, 27.02.2014, Kap Tormentoso, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Doch, beim Klabautermann, dann fällt die Gitarre aus. Die Band nimmt die neuerliche Unterbrechung aber ganz gelassen: Ersatzkabel werden gereicht, das Effektgerät aus dem Betrieb genommen. Auch das Publikum scheint’s nicht zu stören, die Fans in der ersten Reihe sind eh schon am Tanzen und weiter hinten wird ohnehin nur getratscht. Immer wenn Schlagzeuger Christian Seyffert in den Offbeat fällt – und das tut er erfreulich oft – gehen die Hawelka-Songs ordentlich in die Beine. Zusammen mit dem Synthie-Bass von Jan Georg Plavec ist das richtig feine Party-Musik.

HAWELKA, 27.02.2014, Kap Tormentoso, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Aber Hawelka können auch anders: „Todesritt“ ist ein episch angelegtes Drama in drei Akten, mit schwerer  Rock-Gitarre, ausladenden Soli,  rollendem Schlagzeug und finsteren Texten.  Bilder von „Sleepy Hollow“ drängen sich auf, für mich der Höhepunkt des Konzerts. Und auch der Wendepunkt, denn jetzt werden die alten Songs vom Erstling „Zuversicht & Kippen“ ausgepackt: „Cocaine“, „Frauen am Straßenrand“ und das absolut zwingende „Mexiko“. Und jetzt haben die Hawelken auch zur vollen Form gefunden. Immer wieder erstaunlich übrigens, wie Petr Novak mit seinen Pranken und seiner unorthodoxen Technik raffinierte Soli aus der Gitarre hervorzaubert. Wo genau das offizielle Programm endet und die Zugabe beginnt, ist nicht zu erkennen. Ist auch egal. Die Fans singen und klatschen mit und das Hawelka-Schiff rollt und stampft durch die schwere See seinen fernen Zielen entgegen.

HAWELKA, 27.02.2014, Kap Tormentoso, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Hawelka

Levin Goes Lightly

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