MOMUS, 19.02.2014, Rakete, Theater Rampe, Stuttgart

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Foto: X-tof Hoyer

Momus – mit bürgerlichem Namen Nicholas Currie, ist Musiker, Blogger, Journalist, aber auch Autor und Perfomancekünstler benennt sich nach dem griechischen Gott des Spotts. Und das hat allem Anschein nach auch seinen guten Grund.

Am Vorabend des Konzert über das hier berichtet werden soll, hatte Momus bereits ein Gastspiel im Künstlerhaus Stuttgart, wo er eine sehr unterhaltsame „performative lecture“ darbieten konnte, die auf einem Song seines 2011er Albums basierte: „Love Wakes the Devil“. Dabei konnte er sich bereits als begnadeter Erzähler haarsträubender Geschichten über seiner Ex-Frau und DEM Kurator unter Beweis stellen.

Umso gespannter war man also auf das Konzert am darauffolgenden Abend in der Bar Rakete im Theater Rampe. Nachdem die Theatergäste sich nach der Vorstellung entweder verabschiedet hatten oder aber unter das Konzertpublikum gemischt hatten, hieß es für die wartenden Fans und Neugierigen endlich Bühne frei für Momus. Der Tausendsassa mit der Augenklappe, „ein großer Künstler“, wie mir nach dem Konzert ein Besucher im ernsten Ton zuraunte, entert den Miniclub Rakete und die winzige Bühne, um dem erwartungsvollem Publikum zu liefern, worauf es sehnsüchtig wartete: Skurrile, tiefgründige, witzige, berührende, einfühlsame, irritierende Songs (oder sollte man vielleicht sagen in erster Linie in Liedform gegossene Texte) für die Momus bekannt ist. Und da er ja in einem Theater auftritt, sollte das Set „more obscure“ werden, wie mir der Künstler noch vor dem Auftritt verriet. Man sollte für den geneigten Live-Konzert-Fan erwähnen, dass Momus nicht die klassische Gattung der Live-Band vertritt, sondern vielmehr als Performer des Avant-Pop auftritt und mit allem und jedem seinen Schabernack treibt. Das heißt, dass außer ihm selbst niemand auf der Bühne steht; kein Keyboarder, Schlagzeuger, Bassist oder Soundfrickler – nein, die gut und stimmig produzierte Musik kommt aus der Dose, was dem Genuss jedoch keinen Abbruch tut. Zumeist lässt der Sound Assoziationen zu 80er Wave/Electro und Synthiesound Pop aufkommen, überrascht aber auch mit Bossanova-, Chanson- oder Noise-Anklängen („The Fallacy“ vom Album Bambi, 2013).

Momus kann aus einem schier unerschöpflichen Füllhorn an Musik, Kompositionen, Ideen, Songs, Melodien und natürlich Texten aus seinen nunmehr 14 veröffentlichten Alben schöpfen. Die Texte werden gegebenenfalls an aktuelle Ereignisse (Tony Blair Skandal) oder Gegebenheiten (eines von 4 auf der Welt existierenden Liedern die „Stuttgart“ enthalten) angepasst. Mit einer witzigen, augenzwinkernden und sowohl einfühlsamen als auch gnadenlosen Intelligenz macht Momus keinen Halt vor Welt-, Kunst- und Kulturgeschichte, Philosophie, Literatur und auch Musik. Der Schotte mit der Augenklappe, der Ende der 80er Jahre mit „Hairstyle Of The Devil“ sogar einen Single-Hit landen konnte, besingt die Liebe („hold me, caress me, in Italy“), die Einsamkeit der Bibliothek („Bibliothek“ Titelsong des gleichnamigen Albums aus dem Jahr 2012), in italienischer Sprache auch die gute alte Vespa oder aber seine Vorbilder („I’m In Love With Woody Allen/Karlheinz Stockhausen/the polish Avantgarde…“), wozu er in seiner Bühnenshow (Beamer auf Stuhl) faszinierend liebevoll wie verblüffend geschnittene Clips laufen lässt. Da bewegen sich im Fall genannten Vorbilder lebendig gewordene Historiengemälde oder es reihen sich bei einer Ballade verschiedene Damen in schwarzweiß aneinander, die in Francis Bacon’scher Manier in verzerrten Fotografien inklusive der angedeuteten Momus-Augenbinde erscheinen. Dazu bewegt sich Momus selbst in elegant pantomimenhaften bis hin zu an Helge Schneider erinnernden Tanzelementen, mit denen er das Gesamtkunstwerk abzurunden versteht. Als Zugaben bietet uns der unermüdliche Kämpfer für das Schöne, Wahre und Gute noch Liedgut von seinem aktuellen Album „Bambi“. Dazu gehören das bewundernswert-verstörende und größenwahnsinnige „Kinski Gets Angry“ sowie das kongeniale, dekonstruktivistisch verarbeitete Bowie-Cover „Ashes to Ashes“. Nach gelungenen anderthalb Stunden und einem langen wohlwollenden und anerkennenden Applaus machen sich die doch zahlreich erschienen Gäste tief beeindruckt, teilweise mit einem leicht irritierten doch zumeist zufriedenen Gesichtsausdruck inklusive Grinsen auf den Weg – nach Hause oder aber doch noch in die benachbarte Bar, um bei einem Getränk die Eindrücke Revue passieren zu lassen.

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Foto: X-tof Hoyer

Ein Gedanke zu „MOMUS, 19.02.2014, Rakete, Theater Rampe, Stuttgart

  • 24. Februar 2014 um 15:32
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    „Ashes to Ashes“ – puh, ist das quietschig.

    Willkommen Jochen, sehr schön, mehr so schräges Zeuch!

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