SIRO-A, 12.02.2014, Theaterhaus, Stuttgart

SIRO - A

Foto: Andreas Meinhardt

Japan, Land des Lächelns, der sekundengenauen Hochgeschwindigkeitszüge, der stagnierenden Wirtschaft. Alles große Unbekannte hier bei uns. Die neueste Unbekannte: Siro-A. So nennt sich eine Unterhaltungsperformance-Gruppierung, die aktuell durch Deutschlands Städte und TV-Sender tourt, von Raab bis Silbereisen.

Was genau machen die? Die Presse reduziert es auf „die japanische Antwort auf Blue Man Group“. Sie selbst nennen es Technodelic Comedy. Beides passt, so viel sei verraten. Was ich an dieser Stelle auch noch verraten muss, ist der interessante Pressetext, der auf der deutschen Internet-Präsenz von Siro-A verbreitet wird. Da steht nach einer ellenlangen Einleitung:

„Geben Sie bitte jetzt nicht auf – schließlich haben Sie ja schon zwei Absätze hinter sich gebracht, ohne zu erfahren, warum wir Sie mit einer fragwürdigen Einführung behelligen, ohne auf den Punkt zu kommen. (…) Wenn Ihnen aber das doch alles zu viel wird – blättern Sie bitte bis zur Seite 5 vor.“  Gnadenlos komisch. Da schau ich mir doch lieber die Show an.

Zunächst treffe ich meine ehemalige japanische Wohnungsnachbarin Kaya, die heute ebenfalls wegen Siro-A hier ist. Interkontinentaler Zufall: Sie war mit Yohei, einem der Siro-A-Performer auf der Schauspielschule.

SIRO - A

Foto: Andreas Meinhardt

Die Halle 1 im Theaterhaus ist gut gefüllt, aber nicht voll. Um 8 geht´s pünktlich los mit… ja, mit einem Fotoshooting des Publikums. Bevor die in weiß gekleideten und geschminkten Japaner noch länger nach Widerwilligen suchen, geselle ich mich selbst zu den bereits etwa 30 Freiwilligen, die vor einem weißen Vorhang in vorgegebenen Körperhaltungen abgelichtet werden. Man ahnt schon: Hier werde ich Teil der Show. So ein bisschen zumindest. Und es dauert alles ein bisschen… doch schließlich:

Licht aus – Spot Projektor an! Vor einem weiß abgehängten Backdrop halten die vier weißbeanzugten Performer Daiki, Arai, Abe und Yohei weiße, quadratische Tafeln in ihren Händen. Im Hintergrund stehen an weiß bekleideten Technikpulten der Sound Programmer Iwai Hiroyuki und der Video Artist Sato Ryosuke. Allein die Namen sind eine Show. Zu Iwais Technomusik projiziert Sato Farbfelder und Formfiguren auf alles, was nicht bei 3 auf der Traverse ist. So entsteht ein temporeiches, visuelles Tanzwerk, gespickt mit Gags und Überraschungen, z. B. wird das gute alte Computerspiel Brick zwischen den Tafeln gespielt – alles via Projektion. Weiter geht es mit einer Nummer um den Tänzer Abe Toshinori, eine Mischung aus Dada und triadischem Ballett: H-A-R-I-B-O  T-O-S-H-I-N-O-R-I. In einer Mischung aus Schattenspiel und Projektion werden Bälle geworfen, gejagt, geplatzt – High-Tech-Clownerien, die an den japanischen Groteskfilm Symbol (2009) erinnern. Tänzer tanzen mit sich selbst, in dem sie digital gefilmt und zeitversetzt und eingefärbt projiziert werden.

Bei der 2002 in Sendai (80 km nördlich von Fukushima übrigens) gegründeten Formation Siro-A gibt es eine Menge zu sehen. Man merkt, dass die Gruppierung eher wie eine Band arbeitet. Wie manche Bands zusammen jammen und sich daraus Songs entwickeln, scheinen hier viele Ideen aus der Improvisation und dem Spaß am Effekt heraus entstanden zu sein. Nicht immer sind die Ideen ganz stimmig umgesetzt oder zu Ende entwickelt. Bei aller eingesetzten Technik wünscht man sich manchmal etwas mehr Abwechslung, weil sich Art und Weise wiederholen. Und diese Technik fordert heute Abend ihr Tribut. In der zweiten Hälfte der Show fällt sie nach 20 Minuten aus. Die Performer versuchen Zeit zu überbrücken, damit die Technik wieder in Gang gebracht werden kann. Sie animieren das Publikum und filmen es dabei. Daraus entsteht eine Art „We Will Rock You“ aus Videosamples. Manch einem ist das zu blöd und geht, andere warten amüsiert ab, was noch passiert.

SIRO - A

Foto: Andreas Meinhardt

Schließlich geht das Licht wieder aus. Siro-A überspringt anscheinend einen Showteil und setzt mit der Final-Sequenz an, bei der die Gruppe noch mal voll auffährt: Ihr Kunst ist dann am stärksten, wenn die Vermischung aus Realem und Projizierten so perfekt miteinander verwoben wird, dass man nicht mehr folgen kann, wo der echte Tänzer jetzt herkommt und ob der fliegende Arm nun echt oder nur Schein ist (siehe hier).

In der Zugabenrunde tanzt Performer Daiki mit den zuvor aufgenommenen Publikumfotos, die per Videosoftware zu einer Choreografie verwandelt wurde und auf einem weißen Vorhang gezeigt werden. Da sehe ich mich dann selbst leinwandgroß über die Bühne flitzen. Das durfte ich bislang so auch noch nicht erleben. Falls Siro-A im Rahmen einer neuen Tour wiederkommen sollten: Ich gehe hin. Allein schon um zu sehen, was sie sich neues ausgedacht haben.

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