ME AND OCEANS, 11.02.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

Me and Oceans

Foto: Steffen Schmid

(für Holger, weil er krank war und so arg gejammert hat, bis ich dann doch was geschrieben habe.)

Es gibt Momente, die sind ganz einfach perfekt. Du sitzt in einem geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer in einem schönen Haus (Stuttgarter Halbhöhenlage, aber dem Killesberg gegenüber) auf einem saubequemen Sofa. Um Dich herum sitzen viele frohgemute Menschen und lauschen mit Dir zusammen einem feinen Konzert einer Band, von der Du noch nie einen Ton oder auch nur den Namen gehört hast. So sollte das Leben einfach öfter sein, nicht immer, das ist klar, sonst wäre das hier ja schließlich kein besonderer Februarabend.

Me and Oceans

Foto: Steffen Schmid

Eingeladen hat Blogger-Kollege Jens und ich hab‘ Lust, mich überraschen zu lassen. Klar man kann „Me and Oceans“ vorher googeln, Internetfilmchen anschauen und Musikstücke vorhören. Aber dazu hatte ich einfach keine Lust. Wer nicht da war, sollte das allerdings nach der Lektüre meines Textes umgehend tun, denn das lohnt sich! ABER ERST WENN DER TEXT HIER GELESEN IST – KLAR!! Ich will schließlich nicht für die sprichwörtliche Katz‘ hier rumformulieren und das Netz volltippen.

Me and Oceans

Foto: Steffen Schmid

Bloggen muss ich dieses Mal nicht, das macht der Kollege Holger. Ich bin heute ganz privat hier. Wohnzimmerkonzerte sind eine aufregende Sache und in mancherlei Hinsicht ein gefährlicheres Parkett für den gemeinen Musikfreund als alle anderen möglichen Musikerauftrittsorte zusammen. Sagst Du im Club XY was Schlechtes über die an den Wänden aufgehängten Kunstwerke, steht fast nie der schöpferische Mensch, der sie hergestellt hat, neben Dir und ist über Dein abfälliges Urteil tödlich beleidigt. Fällt Dir im Konzertkeller ein Bier um, macht das jemand weg und der Boden hat eh‘ schon viel ekligere Flüssigkeiten ausgehalten. Siehst Du an einem kommerziellen Auftrittsort ein echtes Mistkonzert, kannst Du lauthals Schimpfen, Meckern und mit der Eingangstüre knallen. Das Recht dazu hast Du Dir an der Kasse mit Deiner Eintrittskarte erworben. Gut, vollkommen ausflippen und rumsauen sollte man auch hier nicht, doch man darf sich schon Einiges erlauben.

Me and Oceans

Foto: Steffen Schmid

So ein Verhalten ist im Wohnzimmer nicht angebracht. Hier bekommst Du etwas geschenkt. Du bist Gast. Die Kunst an den Wänden könnte von der künstlerisch wahnsinnig überambitionierten und heissgeliebten Oma des Hausherren sein, sei also ruhig, sie steht möglicherweise direkt hinter Dir. Der Bodenbelag ist eventuell aus Rohseide geknüpft und wurde extra aus dem Fernen Orient eingeflogen. So ein Teppich mag überhaupt keine Flüssigkeiten. Das Verhalten bei Wohnzimmerkonzerten unterscheidet sich wenig von der Art und Weise, wie man sich schon immer in der Guten Stube aufzuführen hatte und lässt sich in drei kurzen Sätzen zusammenfassen: Pass auf! Reiss Dich zusammen! Benimm Dich!

Me and Oceans

Foto: Steffen Schmid

Schon beim Betreten des heutigen Wohnzimmers merkt man gleich: Hier ist das alles nicht so. Man fühlt sich gleich pudelwohl und willkommen. Die Gastgeber freuen sich hier über jeden, der zur Türe rein kommt. Essen und Getränke sind lecker, alle sind fröhlich und ich groove mich ganz entspannt ein. Die machen das hier nicht zum ersten Mal. Von Schmoudi erfahre ich die traurige Nachricht, dass Holger krank daheim bleiben musste, Schade, aber ich muss ja nicht bei ihm Nachlesen, wie das Konzert denn nun war, ich höre es mir ja gleich selber an.

Me and Oceans

Foto: Steffen Schmid

Me and Oceans kommen aus Leipzig und sind auf dem Weg nach Basel. Das Stuttgarter Wohnzimmer ist die zweite Station auf der aktuellen Tour. Für den heutigen Auftritt besteht die Band aus einem ehemaligen Tänzer an den Tasten und einem hochmotivierten Tänzer am Laptop. Beide tragen abwechselnd ihre Musikstücke vor und begleiten sich selber. Spielt der eine, dann hat der andere Pause, es geht aber auch zusammen. Hochlyrisch trägt Arpen am Keyboard seine Stücke vor, dass er sich als „Dichter“ versteht, das hört man. Vergleichen könnte man ihn und seine Vortragsweise vielleicht mit Agnes Obel und anderen Flüstersingern. Sein Tastenspiel hat etwas Suchendes und Nachspürendes, das mich an den Ansatz von Glenn Gould erinnert, auch wenn der natürlich nie ein eigenes Werk interpretiert hat. Ein Stück von fremder Hand nimmt sich Arpen dann auch vor: „Torn“ von Nathalie Imbruglia. Diese totgehörte Nummer wird von ihm zärtlich-liebevoll zerdehnt und verlangsamt und dadurch für mich auf einmal wieder hörbar, so muss man Covern!

Me and Oceans

Foto: Steffen Schmid

Zu vielen Elektronik- und Streichquartettklängen aus seinem Laptop singspricht Fabian Schütze seine Stücke, das klingt manchmal so, als wäre Trip Hop nie zum Unwort geworden und hätte sich mit langsamen Folkalladen verheiratet, dann wird’s wieder schneller und wieder langsamer. Pathos kann er auch gut, seine launigen Ansagen zwischendurch erden sein Set auf sehr angenehme Weise. Nie habe ich Angst, dass man es hören könnte, wenn mir eine Stecknadel herunterfällt. Auch er hat ein Cover im Köcher und das ist für mich die Entdeckung des Abends. Uninformiert wie ich bin, glaube ich ihm natürlich nicht, als er ankündigt nun „Polonaise Blankenese“ von Gottlieb „Gummihuhn“ Wendehals zu spielen. Doch er tut es….. und ich bin völlig aus dem Häuschen! Auf einmal klingt der Bierzeltklassiker, wie eine melancholische Dada-Ballade und ich höre zum allerersten Mal im Leben, dass er nicht nur aus dem Refrain besteht, sondern auch Strophen hat. Doch hört und seht selbst.

Me and Oceans

Foto: Steffen Schmid

Man könne Lieder nur covern, wenn man in das Stück oder in die Sängerin verliebt sei, erklärt einer der beiden Interpreten. Ich vergesse, wer’s gesagt hat, denn er hat so dermaßen Recht und heute haben sie es beide bewiesen. Mein Coverheld Scott Matthew hat unerwartet Konkurrenz aus Leipzig bekommen. Wer hätte das gedacht?!

Zufrieden mache ich mich auf den Heimweg durch die Stuttgarter Fastvollmondnacht. Bedankt habe ich mich für den schönen Abend natürlich herzlich bei den tollen Gastgebern und hoffe sehr, dass ich zum 17. (!) Wohnzimmerkonzert wiederkommen darf.

Me and Oceans

Foto: Steffen Schmid

Ein Gedanke zu „ME AND OCEANS, 11.02.2014, Wohnzimmer, Stuttgart

  • 13. Februar 2014 um 08:51
    Permalink

    Vielen Dank, lieber Christian, für den spontanen ;) und aufopferungsvollen Einsatz. Nicht auszumalen, dass dieser Gig beinahe unberichtet, dieser großartige Text ungeschrieben und die wunderbaren Bilder ungezeigt geblieben wären…

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