SOPHIA KENNEDY UND EROBIQUE, 18.01.2014, Merlin, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Hey Leute, hat jemand von euch eine Melodica dabei? Also, ich geh jetzt raus, eine Zigarette rauchen, und dann liegt da eine Melodica, alles klar?!

Erobique hat sein musikalisches Lieblingsaccessoire, die Melodica vergessen. Schwieriger Start. Schwieriger Start? Nein, Carsten Erobique Meyer – Deutschlands groovigster Elekro-Tastateur und Produzent – ist seit kurzem nicht mehr alleine unterwegs, und neben seinem neuen Stern Sophia Kennedy will er nicht als Muffel dastehen. Wird er auch nicht.

Merlins kleine Rampe ist voll mit Keyboardmanualen und Mikros, Merlins kleiner Saal ist voll mit Gästen. Um viertel vor zehn beginnt der Bühnenzauber. Erobique trägt eine weiße Kapitänsuniform mit goldenen Schulterklappen. Er navigiert seine Bruttoregisterwampe zum Doppelmanual und lächelt. Sophia Kennedy strahlt im schwarzen Kimono. Sie spielt erst mal einen Walzer auf dem Klavier. Die gesampelte Flötenbegleitung springt rechtzeitig zum Refrain an, Erobique schlägt das Glockenspiel dazu. Sie singt streichorchesterbegleitet ihre B-Seiten-Ballade „Knock On My Door“, intoniert hernach einen Choral in Latein, die Kirchenorgeln pfeifen. Ihre Haare flattern im ventilatorgetriebenen Wind. Erobique begleitet. Und raucht. Ob das ihrer wundervoll-klaren Stimme gut tut?

Die Mär ihres Zusammentreffens geht so: Die damals 23-jährige Sophia Kennedy singt und spielt auf einer Schaumparty. Auf Erobiques Steuerberaters Schaumparty (seltene Wortkombination). Ihr überzeugendes Argument: fantastische Stimme, virtuose Finger an Taste und Blockflöte. Die beiden beginnen ihre Zusammenarbeit. Im Herbst 2013 wird ihre Single „Angel Lagoon“ veröffentlicht und sie gehen auf eine kleine Deutschlandtournee, seitdem sind sie im Gespräch. Wer mehr erfahren möchte: Hier beantwortet Sophia Kennedy den Gig-Blog-Fragenkatalog.

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Foto: Andreas Meinhardt

Während in der ersten Hälfte des Konzerts eher getragene, manchmal kindliche, aber auf alle Fälle pfiffig produzierte Songs dominieren, dreht Erobique in der zweiten Hälfte am Temporegler: Zu seinen gewohnt tanzbaren und quietschigen Funk- und Disco-Grooves schmettert Sophia ihre Songs, das könnte man dann Disco-Soul oder Elektro-R´n´B nennen, in der Tradition von Chaka Khan oder Whitney Houston. Noch so ein wilder Vergleich: Sophia und Erobique sind Donna Summer und Giorgio Moroder des dritten Jahrtausends. Oder die Schöne und das Beats, räusper. Jedenfalls begeistern Sophias Stimme und ihr nonchalantes Auftreten, es wirkt so leicht und ungekünstelt, dass es eine Wohltat ist.

Stuttgart-Legende Pauki bringt rechtzeitig seine Melodica und reicht sie Erobique auf die Bühne. Er lächelt. Kaum die Melodica erhalten, wird auch schon zum Song „Glamorous“ reingepustet, getoppt von Sophia, die mit zwei Blockflöten gleichzeitig das Thema des Grooves pfeifft. Zum Finale wird „Angel Lagoon“ in der Discoversion gegeben und die Glitzerkugel angeknippst – Partystimmung. Und weil Sophias und Erobiques Material nach knapp einer Stunde bereits aus ist und das Publikum aber mehr haben will, wird eben „Glamorous“ und „Angel Lagoon“ noch mal angeschmissen. Liebe Miley-Cyrus-Fans: So einfach, gut und direkt kann Dancepop sein. Ich warte gespannt aufs Album. Und auf alle Remixe!

PS: Liebes Publikum, wenn der auftretende Künstler den senkrechten Zeigefinger an die geschlossenen Lippen legt, meint er damit, dass man für die erklingende Ballade mal kurz den Rand halten und nicht ausgerechnet jetzt die Bierflaschen kreuzen möge. Und liebe Bar: Bitte tauscht die Bierkästen in den Kühlschränken erst nach einer ruhigen Passage aus.

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Foto: Andreas Meinhardt

Ein Gedanke zu „SOPHIA KENNEDY UND EROBIQUE, 18.01.2014, Merlin, Stuttgart

  • 22. Januar 2014 um 11:30
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    ja, bertramprimus, dir ist mal wieder eine witzige kritik gelungen.

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